Ich habe unsere Unterlagen immer sorgfältig aufbewahrt. Im hinteren Fach dieses Notizbuches findest du die Informationen zu unserem kleinen Sparvertrag und den Dokumenten für die Wohnung.
Bitte lass dich beraten, bevor du irgendetwas unterschreibst.
Und denke daran: Du musst niemandem dein letztes Stück Brot geben, um zu beweisen, dass du eine gute Mutter bist.
In Liebe,
Georgi.“
Stefka las den Brief zweimal.
Dann öffnete sie das hintere Fach des Notizbuches.
Dort lagen einige alte Bankunterlagen und eine Bescheinigung über eine kleine zusätzliche Rücklage, die ihr Mann vor vielen Jahren eingerichtet hatte.
Sie wusste nicht, ob das Geld noch vorhanden war oder welche Bedingungen dafür galten.
Aber sie wusste, dass sie diese Dokumente prüfen lassen musste.
### Die Wahrheit, die ihr Sohn nicht kannte
Beim Beratungstermin half Elena ihr, die Unterlagen zu ordnen.
Gemeinsam vereinbarten sie einen Termin bei der Bank, um den alten Sparvertrag überprüfen zu lassen.
Dort stellte sich heraus, dass ein Teil der Rücklage noch vorhanden war.
Es handelte sich nicht um ein großes Vermögen, aber um eine Summe, die Stefka in den kommenden Monaten etwas mehr Sicherheit geben konnte.
Sie hatte Anspruch darauf, selbst über das Geld zu entscheiden.
Elena empfahl ihr außerdem, ihre monatlichen Ausgaben zu überprüfen und sich unabhängig beraten zu lassen, bevor sie größere finanzielle Entscheidungen traf.
Stefka war erleichtert.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, wieder einen kleinen Teil ihres Lebens selbst in der Hand zu haben.
Doch dann erinnerte sie sich an ihren Sohn.
Sie fragte sich, ob er überhaupt wusste, wie schlecht es ihr gegangen war.
Und ob es ihn interessieren würde, wenn er es erfuhr.
### Der Anruf, mit dem ihr Sohn nicht gerechnet hatte
Am Abend wählte Stefka seine Nummer.
Diesmal wollte sie nicht um Geld bitten.
Ihr Sohn nahm nach dem dritten Klingeln ab.
„Ja, Mama? Was ist denn? Ich bin beschäftigt.“
Stefka atmete tief durch.
„Ich möchte nur mit dir sprechen.“
„Können wir das später machen?“
„Nein, mein Sohn. Bitte hör mir diesmal zu.“
Er schwieg überrascht.
„Ich habe dich gestern um Geld für zwei Brote gebeten. Nicht um ein neues Kleid, nicht um eine Reise und nicht um etwas Unnötiges. Ich hatte seit dem Vortag nichts gegessen.“
Am anderen Ende war es still.
„Mama, ich hatte wirklich viel zu tun.“
„Das verstehe ich. Aber ich möchte, dass du eines weißt: Ich werde dich nicht mehr anrufen, um dich um etwas zu bitten, das du mir nicht geben möchtest.“
„Jetzt sei doch nicht so empfindlich.“
Stefka schloss kurz die Augen.
„Ich bin nicht empfindlich. Ich bin deine Mutter. Und ich habe mein ganzes Leben lang versucht, für dich da zu sein.“
Sie machte eine Pause.
„Ich habe deine Hemden geflickt, deine Lieblingsgerichte gekocht und dir geholfen, wenn du nicht weiterwusstest. Ich habe das gern getan. Aber ich möchte nicht, dass du glaubst, ich hätte deshalb kein Recht auf Respekt.“
Ihr Sohn sagte nichts.
„Ich habe inzwischen Hilfe gefunden. Meine Nachbarin Lilyana hat mir Essen gebracht. Eine Beratungsstelle unterstützt mich bei meinen Angelegenheiten. Ich werde mich um mich kümmern.“
„Du brauchst doch nicht gleich fremde Leute einzuschalten!“, rief er.
Stefka antwortete ruhig:
„Wenn die eigenen Leute nicht zuhören, muss man manchmal andere Menschen um Hilfe bitten.“
Dann beendete sie das Gespräch.
### Die Tür, vor der plötzlich ihr Sohn stand
Drei Tage später klingelte es an Stefkas Wohnungstür.
Sie öffnete.
Vor ihr stand ihr Sohn.
In der Hand hielt er eine große Einkaufstasche.
„Mama … können wir reden?“
Stefka trat zur Seite und ließ ihn herein.
Er stellte die Tasche auf den Küchentisch. Darin befanden sich Brot, Milch, Eier, Käse, Obst und einige andere Lebensmittel.
„Ich habe dir etwas mitgebracht.“
Stefka betrachtete die Einkäufe.
„Danke.“
Ihr Sohn setzte sich.
„Lilyana hat mich angerufen.“
Stefka war überrascht.
„Was hat sie dir gesagt?“
„Dass du in Schwierigkeiten warst. Dass du sie um Hilfe bitten musstest, weil ich nicht reagiert habe.“
Er rieb sich die Stirn.
„Ich wusste nicht, dass es so schlimm war.“
Stefka sah ihn lange an.
„Du hättest fragen können.“
Er senkte den Blick.
„Ich weiß.“
Eine Weile herrschte Stille.
Dann sagte er:
„Mama, ich hatte in letzter Zeit selbst viele Probleme. Bei der Arbeit läuft es nicht gut, und ich habe Streit mit meiner Frau. Ich war so mit mir beschäftigt, dass ich nicht richtig zugehört habe.“
Stefka nickte langsam.
„Ich verstehe, dass du Probleme hast. Aber ich möchte nicht, dass du meine Not erst bemerkst, wenn jemand anderes dich darauf aufmerksam macht.“
Ihr Sohn begann zu weinen.
„Es tut mir leid.“
Stefka setzte sich ihm gegenüber.
„Ich liebe dich. Das werde ich immer tun. Aber Liebe bedeutet nicht, dass ich alles hinnehmen muss.“
Er sah sie an.
„Was kann ich tun, damit du mir wieder vertraust?“
Stefka antwortete:
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