Nach einigen Minuten richtete sie sich wieder auf.
„Was mache ich jetzt?“
„Heute Nacht kommst du mit zu mir. Morgen suchen wir uns rechtliche Unterstützung und klären, welche Möglichkeiten du hast. Du musst heute keine endgültige Entscheidung über deine ganze Zukunft treffen.“
Maya nickte langsam.
Dann vibrierte ihr Telefon.
Eine Nachricht von David.
Wenn du nicht innerhalb einer Stunde zurückkommst, ändere ich die Schlösser. Und vergiss nicht: Ohne mich bist du nichts.
Maya las die Nachricht zweimal.
Ihre Hände zitterten.
Elena bat sie, einen Screenshot zu machen und die Nachricht aufzubewahren. Dann sagte sie etwas, das Maya noch lange in Erinnerung behalten sollte:
„Du musst ihm heute nicht antworten. Du musst dich nicht rechtfertigen. Deine Sicherheit ist wichtiger als sein Bedürfnis, das letzte Wort zu haben.“
Maya legte das Telefon mit dem Display nach unten auf ihren Schoß.
„Ich will nicht mehr so leben.“
Elena drückte ihre Hand.
„Dann beginnen wir heute damit, etwas zu verändern.“
### Der Anruf um 22:17 Uhr
Sie waren gerade bei Elenas Haus angekommen, als das Telefon der Mutter klingelte.
Auf dem Display erschien ein Name, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Richard Coleman.
Elena erstarrte.
Richard war der frühere Anwalt ihres verstorbenen Mannes gewesen. Nach der Beerdigung hatte er ihr einige Unterlagen übergeben und anschließend erklärt, er müsse aus persönlichen Gründen nach Europa ziehen.
Seit fast acht Jahren hatten sie keinen Kontakt mehr gehabt.
Sie nahm ab.
„Richard?“
„Elena“, sagte eine ernste Stimme. „Es tut mir leid, dass ich so spät anrufe. Ich habe heute etwas gesehen, das mich dazu zwingt, mich bei dir zu melden.“
Elena setzte sich auf die Sofakante.
„Was ist passiert?“
„Ich habe ein Video aus dem Copper Lantern gesehen. Darin ist Maya zu erkennen.“
Elena blickte zu ihrer Tochter.
„Ja. Sie ist meine Tochter.“
Am anderen Ende herrschte kurz Stille.
Dann sagte Richard:
„Elena, ich muss dich etwas fragen. Hat Maya jemals erfahren, was ihr Vater vor seinem Tod für sie eingerichtet hat?“
Elena spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Wovon sprichst du?“
„Dein Mann hat damals einen Treuhandfonds eingerichtet. Er sollte Maya an ihrem dreißigsten Geburtstag zur Verfügung stehen. Die Unterlagen wurden versiegelt, weil es eine Bedingung gab, die erst später erfüllt werden sollte.“
Elena konnte kaum sprechen.
Ihr Mann war gestorben, als Maya gerade einundzwanzig gewesen war. Er hatte immer gesagt, dass er für die Zukunft ihrer Tochter vorgesorgt habe. Elena hatte angenommen, er habe damit die Lebensversicherung und einige Ersparnisse gemeint.
„Wie viel Geld?“, fragte sie schließlich.
Richard atmete hörbar aus.
„Die ursprüngliche Summe betrug mehrere Millionen Dollar. Durch die Investitionen ist das Vermögen erheblich gewachsen. Ich habe heute die endgültige Bewertung erhalten.“
Elena umklammerte das Telefon.
„Richard, sag mir bitte, was du weißt.“
„Der Fonds ist rechtlich Maya zugeordnet. Und es gibt einen weiteren Punkt: Niemand außer den im Testament ausdrücklich benannten Personen darf über dieses Vermögen verfügen.“
Elena sah ihre Tochter an.
Maya hatte inzwischen aufgehört zu weinen. Sie beobachtete ihre Mutter mit wachsender Besorgnis.
„Warum erzählst du mir das ausgerechnet jetzt?“, fragte Elena.
Richards Antwort ließ sie verstummen.
„Weil ich heute erfahren habe, dass jemand versucht hat, Informationen über den Fonds einzuholen. Jemand, der sich als Mayas bevollmächtigter Vertreter ausgegeben hat.“
Elena wurde kalt.
„Wer?“
„David Vance.“
Maya stand abrupt auf.
„Was?“
Elena schaltete den Lautsprecher ein.
Richard fuhr fort:
„Er hat sich vor einigen Wochen bei einer Finanzinstitution gemeldet und behauptet, seine Frau habe ihn ermächtigt, ihre Vermögensangelegenheiten zu regeln. Die Institution hat die Anfrage wegen fehlender Unterlagen nicht ausgeführt. Ich habe daraufhin eine Prüfung veranlasst.“
Maya schüttelte ungläubig den Kopf.
„Aber ich habe ihm nie von einem Treuhandfonds erzählt. Ich wusste nicht einmal, dass es ihn gibt.“
„Genau deshalb rufe ich an“, sagte Richard. „Wir müssen die Dokumente überprüfen und sicherstellen, dass niemand unberechtigt darauf zugreift.“
Elena dachte an Davids arrogantes Grinsen im Restaurant. An seine Drohung, Maya werde keinen Cent von ihm bekommen.
Plötzlich ergab sein Verhalten einen erschreckenden Sinn.
Vielleicht hatte er nicht nur die Kontrolle über seine Frau behalten wollen.
Vielleicht hatte er geglaubt, dass er durch diese Kontrolle auch Zugang zu ihrem Vermögen erhalten könnte.
Richard senkte die Stimme.
„Elena, es gibt noch etwas. In den ursprünglichen Unterlagen hat dein Mann einen Brief hinterlassen, der nur Maya persönlich ausgehändigt werden darf. Ich habe ihn all die Jahre sicher verwahrt.“
Maya trat näher ans Telefon.
„Was steht darin?“
„Das kann ich dir nicht am Telefon sagen. Aber ich möchte, dass du weißt, dass du nicht allein bist. Wir sollten uns morgen treffen und die Unterlagen gemeinsam durchgehen.“
Elena sah ihre Tochter an.
Maya wirkte verängstigt, aber in ihrem Gesicht lag auch etwas anderes.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie einen Grund, nicht nur vor David wegzulaufen, sondern ihre eigene Zukunft zurückzugewinnen.
„Wir kommen morgen“, sagte Elena.
Als sie auflegte, saßen Mutter und Tochter lange schweigend da.
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