Ich sah ihn lange an.

„Und was hast du ihr geantwortet?“

„Dass geschäftliche Entscheidungen nicht durch familiären Druck getroffen werden.“

Ich ging zu ihm, setzte mich neben ihn und nahm seine Hand.

„Danke.“

Er lächelte schwach. „Ich wünschte, sie würde endlich verstehen, dass du ihr nichts beweisen musst.“

Ich dachte, damit wäre die Sache erledigt.

Doch am Montagmorgen erhielt ich eine E-Mail von meinem Geschäftsführer in Warna.

Der Betreff lautete: **Dringende Angelegenheit – Nikolay Georgiew.**

Ich öffnete die Nachricht.

Mein Geschäftsführer hatte bei einer routinemäßigen Überprüfung möglicher Geschäftspartner festgestellt, dass Nikolays Firma bereits mehrfach ihre Lieferanten nicht bezahlt hatte. Außerdem gab es Beschwerden von zwei kleinen Unternehmen, die behaupteten, er habe ihnen Waren in Rechnung gestellt, die nie geliefert worden seien.

Ich las die Nachricht zweimal.

Dann rief ich meinen Geschäftsführer an.

„Bitte prüfen Sie alle Unterlagen sorgfältig“, sagte ich. „Ich möchte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Aber bis wir Klarheit haben, schließen wir keinen Vertrag ab.“

„Natürlich, Frau Sevlieva.“

Ich legte auf und blickte aus dem Fenster.

Ich wollte niemanden aufgrund von Gerüchten verurteilen. Doch ich würde auch nicht zulassen, dass jemand meine Firma benutzte, um seine Probleme zu verbergen.

Am Nachmittag erschien Rumyana unangekündigt vor unserer Wohnung.

Sie trug einen eleganten Mantel, hielt eine Schachtel Pralinen in der Hand und lächelte, als wären wir die besten Freundinnen.

„Meine liebe Tanya! Ich dachte, wir könnten uns endlich einmal in Ruhe unterhalten.“

Ich ließ sie herein.

Sie setzte sich ins Wohnzimmer, stellte die Pralinen auf den Tisch und begann sofort, von Nikolays Zukunft zu sprechen.

„Der Junge braucht nur eine Chance. Du weißt doch, wie schwer es heutzutage ist, ein Unternehmen aufzubauen.“

„Ich verstehe das“, antwortete ich. „Aber meine Firma prüft jeden Geschäftspartner nach denselben Regeln.“

Ihr Lächeln verschwand.

„Du willst also deinem eigenen Verwandten nicht helfen?“

„Nikolay ist nicht mein Verwandter.“

„Er ist Pavels Cousin! Das ist praktisch dasselbe.“

Ich faltete die Hände im Schoß.

„Ich kann ihm gern erklären lassen, welche Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit gelten. Aber ich werde ihm keinen Vertrag versprechen, bevor seine Firma geprüft wurde.“

Rumyana stand auf.

„Du bist wirklich unglaublich! Früher warst du ein armes Waisenkind, und jetzt glaubst du, du könntest über uns urteilen, nur weil du Geld geerbt hast!“

Ich blieb sitzen.

„Ich urteile nicht über ihn. Ich prüfe sein Unternehmen.“

„Du wirst das noch bereuen“, sagte sie und griff nach ihrer Tasche.

An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

„Und wage es nicht, Pavel gegen seine eigene Familie aufzubringen.“

Als die Tür hinter ihr zufiel, blieb ich lange still.

Nicht wegen ihrer Worte.

Sondern weil ich zum ersten Mal begriff, dass ihre Entschuldigung vielleicht nie wirklich eine Entschuldigung gewesen war. Vielleicht hatte sie nur gelernt, ihre Verachtung besser zu verbergen, solange sie etwas von mir brauchte.

Zwei Tage später kam Pavel früher als gewöhnlich nach Hause.

Er sah aus, als hätte er eine unangenehme Nachricht erhalten.

„Tanya, ich muss dir etwas erzählen.“

Ich legte mein Buch beiseite.

„Was ist passiert?“

Er setzte sich mir gegenüber.

„Meine Mutter hat der ganzen Familie erzählt, du hättest versprochen, Nikolay einen Vertrag zu geben. Sie behauptet, du hättest deine Meinung geändert, weil du dich für etwas Besseres hältst.“

Ich schloss kurz die Augen.

„Natürlich hat sie das.“

„Es kommt noch schlimmer.“ Pavel zögerte. „Nikolay hat bereits mehreren Leuten erzählt, dass er bald mit deiner Apothekenkette zusammenarbeiten wird.“

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.

Das war nicht mehr nur eine Familienangelegenheit. Wenn Menschen glaubten, Nikolay spreche im Namen meines Unternehmens, konnte das unseren Ruf und unsere Geschäftsbeziehungen gefährden.

Noch am selben Abend ließ ich unsere Rechtsabteilung eine klare schriftliche Erklärung vorbereiten: Es gab keinen vereinbarten Vertrag, keine Vollmacht und keine Zusage.

Ich schickte sie Nikolay direkt.

Seine Antwort kam wenige Minuten später.

**„Du wirst schon sehen, was du davon hast.“**

Pavel las die Nachricht über meine Schulter.

„Das ist eine Drohung.“

„Es ist zumindest eine Warnung, dass wir vorsichtig sein sollten“, sagte ich. „Wir dokumentieren alles und lassen uns nicht provozieren.“

Am nächsten Morgen veröffentlichte jemand in einer geschlossenen Familiengruppe eine lange Nachricht über mich. Darin wurde behauptet, ich sei eine kalte, arrogante Frau, die ihren Reichtum dazu benutze, andere Menschen zu demütigen.

Dutzende Verwandte kommentierten den Beitrag.

Einige verteidigten mich. Andere schrieben, ich hätte vergessen, woher ich gekommen sei.

Dann erschien eine Nachricht von Snezhana, Rumyanas Cousine.

Sie schrieb nur einen Satz:

**„Rumyana, vielleicht solltest du erzählen, warum du Nikolay unbedingt in diese Firma bringen willst.“**

Darunter folgte ein Dokument.

Es war eine Kopie einer Rechnung aus dem vergangenen Jahr. Der Betrag war beträchtlich, und als Empfänger war Nikolays Unternehmen angegeben. Doch die Rechnung war von einer Firma ausgestellt worden, die offiziell gar nicht mehr existierte.

Ich las das Dokument aufmerksam.

Pavel beugte sich näher zum Bildschirm.

„Was bedeutet das?“

„Ich weiß es noch nicht“, antwortete ich. „Aber ich werde es herausfinden, bevor ich irgendjemanden beschuldige.“