Claire sah mich an.
„Ich möchte nicht, dass Mason bei ihr bleibt.“
„Das wird er nicht. Nicht, solange die Situation nicht geklärt ist und du dich damit sicher fühlst.“
Sie drückte meine Hand.
Zum ersten Mal an diesem Tag entspannte sich ihr Gesicht ein wenig.
—
Am Nachmittag rief Rachel an.
„Wie geht es Claire?“
„Sie wird untersucht. Mason ist bei ihr.“
„Und Mom?“
Ich blickte durch das Fenster des Krankenzimmers.
„Die Polizei hat mit ihr gesprochen. Sie ist nicht hier.“
Rachel schwieg.
Dann sagte sie: „Ethan, ich muss dir noch etwas erzählen.“
Ich richtete mich auf.
„Was denn?“
„Als ich acht war, hat Mom mir manchmal meine Medikamente weggenommen, wenn ich krank war. Sie sagte, ich würde nur Aufmerksamkeit suchen. Einmal hat sie mich gezwungen, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl ich Fieber hatte.“
Ich schloss die Augen.
„Warum hast du mir das nie erzählt?“
„Ich habe es versucht. Aber jedes Mal sagte sie, ich würde übertreiben. Irgendwann habe ich selbst geglaubt, dass ich mich falsch erinnere.“
„Rachel …“
„Ich habe noch etwas. Vor einigen Wochen hat sie mich angerufen und gefragt, ob Claire schon wieder ihre Medikamente nimmt. Sie wollte wissen, welche davon sie verschrieben bekommen hatte.“
Mir wurde kalt.
„Warum?“
„Sie sagte, sie wolle nur helfen. Ich habe mir nichts dabei gedacht.“
Ich sah auf die Uhr.
„Kannst du dich noch erinnern, wann das war?“
„Ja. Ich habe den Anruf noch in meiner Telefonliste.“
„Bitte sichere alles, was du dazu hast. Und schick es direkt an Nina, meine Anwältin.“
„Das mache ich.“
Als ich auflegte, wusste ich, dass wir nicht länger nur über einen schrecklichen Streit sprechen konnten.
Es gab Fragen, die beantwortet werden mussten.
Warum hatte Marjorie sich so intensiv für Claires Medikamente interessiert?
Warum waren die Tabletten wiederholt verschwunden?
Und hatte sie Claire bereits vor der Geburt etwas gegeben, das dort nicht hingehörte?
Ich wollte keine Vermutungen als Tatsachen behandeln.
Aber ich würde auch keine Warnzeichen mehr ignorieren.
—
Am Abend kam Nina ins Krankenhaus.
Sie hörte sich meine Schilderung an, prüfte die gesicherten Dateien und erklärte, dass sie die Aufnahmen und die weiteren Informationen den zuständigen Stellen übergeben würde.
„Wir müssen vorsichtig bleiben“, sagte sie. „Die Aufnahmen zeigen eindeutig, was heute Morgen passiert ist. Ob es darüber hinaus eine vorsätzliche Vergiftung gab, muss medizinisch und gegebenenfalls durch Ermittlungen geklärt werden.“
„Und wenn sie es schon vor der Geburt getan hat?“
Nina sah mich ernst an.
„Dann müssen wir das anhand medizinischer Befunde und belastbarer Beweise feststellen. Bitte konfrontieren Sie Ihre Mutter nicht allein und verändern Sie keine Dateien.“
Ich nickte.
Dann legte sie eine weitere Mappe auf den Tisch.
„Rachel hat mir bereits einen Screenshot ihrer Anrufliste geschickt. Außerdem hat sie eine alte Nachricht Ihrer Mutter gefunden.“
Ich öffnete die Mappe.
Auf dem Ausdruck stand eine Nachricht von Marjorie, die mehrere Wochen vor Masons Geburt verschickt worden war:
*„Claire sollte nicht so viele Tabletten nehmen. Ich kümmere mich darum, wenn ich bei euch bin. Ethan muss nicht alles wissen.“*
Ich las den Satz zweimal.
Dann ein drittes Mal.
„Das beweist noch keine Vergiftung“, sagte Nina. „Aber es ist wichtig genug, dass die Ermittler und die behandelnden Ärzte es kennen sollten.“
Ich reichte ihr das Blatt zurück.
In diesem Moment vibrierte mein Telefon.
Eine unbekannte Nummer.
Ich nahm nicht sofort ab.
Dann kam eine Nachricht.
*Ethan, ich weiß, was deine Mutter Claire angetan hat. Aber du kennst nur einen Teil der Geschichte. Ich habe sie vor der Geburt mit jemandem sprechen hören. Wenn du die Wahrheit wissen willst, komm nicht allein.*
Darunter stand ein Name.
**Dr. Helen Morris.**
Die Ärztin, die Claire während eines Teils ihrer Schwangerschaft betreut hatte.
Ich sah zu Nina.
Sie las die Nachricht und wurde ernst.
„Antworten Sie nicht allein“, sagte sie. „Wir klären zuerst, wer diese Person ist und was sie tatsächlich weiß.“
Ich blickte durch die Glasscheibe zu Claire.
Sie schlief endlich.
Mason lag sicher in seinem kleinen Bettchen neben ihr.
Und ich begriff, dass der nächste Schritt nicht darin bestehen würde, meine Mutter zur Rede zu stellen.
Sondern herauszufinden, was wirklich geschehen war – bevor sie noch einmal Gelegenheit bekam, die Wahrheit zu verdrehen.
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