Er durfte trauern.

Er durfte Fragen haben.

Und er durfte ein Leben führen, das nicht vollständig von den Geheimnissen anderer Menschen bestimmt wurde.

Als er aufstand, bemerkte er etwas unter der Bank neben der Tür. Es war ein kleines, altes Foto, das vermutlich aus einer der Kisten gefallen war.

Darauf standen drei Menschen vor dem Leuchtturm: Viktor, eine junge Frau und ein Mann, den Sergei noch nie gesehen hatte.

Auf der Rückseite stand:

**Elena, Mikhail und Viktor – Sunny Bay, Sommer 1989.**

Sergei betrachtete das Bild lange.

Seine Mutter lächelte in die Kamera. Mikhail stand neben ihr und hielt ihre Hand. Viktor stand auf der anderen Seite und hatte einen Arm um beide gelegt.

Sie sahen nicht aus wie Menschen, die sich vor der Zukunft fürchteten.

Sie sahen aus wie Freunde, die glaubten, noch alle Zeit der Welt zu haben.

Sergei steckte das Foto ein.

Er würde weiter nach Antworten suchen. Er würde die Ermittler unterstützen und dafür sorgen, dass die Wahrheit nicht wieder unter Geld, Macht oder familiären Loyalitäten begraben wurde.

Aber er würde nicht zulassen, dass die Vergangenheit ihm auch noch die Zukunft nahm.

Denn Viktor hatte ihm mehr als Firmenanteile und ein Geheimnis hinterlassen.

Er hatte ihm gezeigt, dass ein Vater nicht derjenige sein musste, dessen Blut durch die eigenen Adern floss.

Ein Vater war der Mensch, der blieb.

Der Verantwortung übernahm.

Der einem Kind half, seinen eigenen Weg zu finden, selbst wenn dieser Weg eines Tages von ihm wegführte.

Und Sergei wusste nun, dass er Viktor nicht dadurch ehren würde, dass er für immer am Leuchtturm nach der Vergangenheit suchte.

Er würde ihn ehren, indem er die Wahrheit ans Licht brachte – und anschließend den Mut fand, weiterzuleben.

Doch bevor Sergei Sunny Bay verließ, warf er noch einen letzten Blick auf das Foto.

Denn auf dem Bild trug Viktor denselben goldenen Ring, den Arseniy später für sich beansprucht hatte.

Und direkt neben Viktors Hand war ein kleines Detail zu erkennen, das Sergei zuvor nie bemerkt hatte.

Ein zweiter Ring.

Mit demselben eingravierten Zeichen, das auch auf dem alten Vertrag von 1989 zu sehen war.

Sergei zog den Vertrag aus seiner Tasche.

Er verglich die beiden Zeichen.

Dann drehte er das Foto um und las die handschriftliche Notiz unter dem Datum.

Nur fünf Wörter standen dort:

**„Der vierte Mann kennt alles.“**

Sergei hob den Blick zum Leuchtturm.

Zum ersten Mal begriff er, dass Viktor ihm vielleicht nicht nur eine Spur hinterlassen hatte.

Vielleicht hatte er ihm eine Warnung hinterlassen.

Und irgendwo lebte noch ein Mensch, der wusste, was in jener Nacht vor so vielen Jahren wirklich geschehen war.

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