Sein ganzes Leben lang hatte er geglaubt, sein Vater sei vor seiner Geburt gestorben. Viktor hatte ihm nie einen Namen genannt. Er hatte lediglich gesagt, dass sein leiblicher Vater ein guter Mensch gewesen sei und dass Sergei eines Tages verstehen würde, warum manche Geschichten nicht sofort erzählt werden konnten.
„Warum hat Viktor mir das verschwiegen?“, fragte Sergei schließlich.
Nina senkte den Blick.
„Weil Mikhail nicht einfach gestorben ist.“
Sergei spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Was meinen Sie damit?“
„Er starb bei einem Autounfall, als Elena noch schwanger war. Doch die Umstände waren nie vollständig geklärt. Mikhail arbeitete damals in der Buchhaltung eines Bauunternehmens. Kurz vor seinem Tod hatte er Unterlagen entdeckt, die auf Unregelmäßigkeiten bei mehreren großen Bauprojekten hinwiesen.“
Sergei dachte an die Akten aus dem Leuchtturm.
An die gefälschten Rechnungen.
An die Überweisungen über Scheinfirmen.
„PaleevStroy?“, fragte er.
Nina nickte.
„Damals war es noch ein kleines Unternehmen. Viktor hatte gerade erst begonnen, es aufzubauen. Mikhail glaubte, dass jemand versuchte, Geld aus einem gemeinsamen Bauprojekt abzuzweigen. Er wollte die Sache melden.“
Sergei stand auf und ging zum Fenster.
„Und Sie glauben, dass sein Tod damit zusammenhing?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Nina sofort. „Und ich werde dir nicht erzählen, dass ich etwas beweisen kann, was ich nicht weiß. Viktor hat jahrelang nach den damaligen Unterlagen gesucht. Er fand Hinweise, aber keinen endgültigen Beweis für einen Zusammenhang zwischen dem Unfall und dem Betrug.“
Sergei atmete langsam aus.
„Warum hat er mir das nicht gesagt?“
„Weil er nicht wollte, dass du dein Leben damit verbringst, den Tod deines Vaters zu untersuchen, statt dein eigenes Leben zu leben.“
Nina schob ihm ein zweites Blatt Papier hin.
„Das hier hat Viktor ebenfalls bei mir hinterlegt.“
Es war eine Adresse.
Darunter stand ein Name: **Pavel Andrejew**.
„Wer ist das?“
„Der damalige Ermittler, der den Unfall deines Vaters untersucht hat. Er ist inzwischen pensioniert. Viktor besuchte ihn vor etwa einem Jahr. Danach sagte er mir, dass er endlich einen Teil der fehlenden Unterlagen gefunden habe.“
Sergei blickte erneut auf die Adresse.
Plötzlich verstand er, dass die Grußkarte nicht das Ende von Viktors Botschaft gewesen war.
Sie war nur die erste Tür.
Und hinter dieser Tür wartete eine Vergangenheit, die älter war als sein Streit mit Marina.
***
Zwei Tage später stand Sergei vor einem kleinen Haus am Stadtrand.
Pavel Andrejew öffnete die Tür erst nach dem zweiten Klingeln. Er war ein schmaler Mann mit silbergrauem Haar und einer vorsichtigen Art, die Sergei sofort auffiel.
Als Sergei seinen Namen nannte, veränderte sich der Gesichtsausdruck des alten Ermittlers.
„Viktors Sohn“, sagte er.
„Sie erinnern sich an mich?“
„Viktor hat mir oft von dir erzählt.“
Pavel ließ ihn eintreten.
Im Wohnzimmer standen Regale voller Bücher und alter Aktenordner. Auf dem Tisch wartete bereits eine Mappe.
„Viktor war vor ungefähr einem Jahr hier“, begann Pavel. „Er wollte wissen, ob ich mich noch an den Fall deines Vaters erinnerte. Natürlich tat ich das. Mikhail war jung, verheiratet und stand kurz davor, Vater zu werden.“
„Was haben Sie herausgefunden?“
Pavel öffnete die Mappe.
Darin lagen Kopien alter Polizeiberichte, Fotografien und mehrere handschriftliche Notizen.
„Der Unfall wurde damals als tragischer Verkehrsunfall eingestuft. Es gab keine ausreichenden Beweise für ein Verbrechen. Aber einige Einzelheiten waren ungewöhnlich. Mikhail war auf dem Weg zu einem Treffen, das in seinem Kalender nicht verzeichnet war. Seine Aktentasche wurde nie gefunden.“
„Was befand sich darin?“
„Das wissen wir nicht. Viktor vermutete, dass es sich um Unterlagen zu dem Bauprojekt handelte.“
Sergei betrachtete die Fotografien. Sie zeigten einen jungen Mann mit dunklen Haaren und freundlichen Augen.
Er erkannte seine eigenen Gesichtszüge.
„Warum haben Sie den Fall nicht erneut aufgerollt?“
Pavel sah ihn ernst an.
„Weil ein Verdacht kein Beweis ist. Und weil die ursprünglichen Ermittlungen, so unvollständig sie heute erscheinen mögen, damals keine Grundlage für weitere Maßnahmen boten. Viktor wollte, dass ich dir das sage: Wenn du nach Antworten suchst, musst du bereit sein, auch eine Antwort zu akzeptieren, die dir nicht gefällt.“
Sergei schwieg.
„Es gibt noch etwas“, fügte Pavel hinzu. „Kurz vor seinem Tod erhielt Mikhail einen Brief. Er wurde erst nach dem Unfall gefunden und war nicht vollständig lesbar. Eine Kopie liegt hier.“
Er reichte Sergei ein Blatt Papier.
Die Schrift war teilweise verwischt. Einige Wörter waren jedoch deutlich zu erkennen:
*… die zweite Unterschrift fehlt …*
*… die Originale befinden sich nicht in der Firma …*
*… wenn mir etwas zustößt, wenden Sie sich an V. Paleev …*
Sergei las die Zeilen erneut.
„Viktor wusste also, dass mein Vater an denselben Unregelmäßigkeiten gearbeitet hatte.“
„Ja. Aber er wusste nicht, ob diese Unregelmäßigkeiten etwas mit dem Unfall zu tun hatten.“
„Und wer war der Empfänger des Briefes?“
Pavel drehte das Blatt um.
Auf der Rückseite stand ein Name, der Sergei den Atem stocken ließ.
**Viktor Paleev.**
Sein Vater hatte den Brief bekommen.
Er hatte ihn all die Jahre aufbewahrt.
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