Und nun, nach seinem Tod, führte jede Spur zurück zu derselben Frage: Was hatte Viktor über Mikhails letzte Tage erfahren, das er seinem Sohn nicht hatte sagen können?
***
Am nächsten Morgen ließ Sergei die historischen Unterlagen von einem unabhängigen Experten prüfen. Er wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Die Ermittlungen zu Marina und Arseniy waren bereits kompliziert genug, und er wollte nicht, dass persönliche Gefühle seine Entscheidungen beeinflussten.
Doch als er in sein Büro zurückkehrte, wartete dort ein Mann, den er nicht kannte.
Der Fremde war Mitte fünfzig, trug einen dunkelblauen Anzug und hielt eine schmale Mappe unter dem Arm.
„Herr Vorontsov? Mein Name ist Dmitri Belov. Ich habe früher für die Rechtsabteilung von PaleevStroy gearbeitet.“
Sergei bat ihn, Platz zu nehmen.
„Was führt Sie zu mir?“
Belov legte die Mappe auf den Tisch.
„Ich habe von den Ermittlungen gegen Marina und Arseniy gehört. Ich glaube, dass ich Ihnen Informationen geben kann, die erklären, warum Viktor so viel Angst hatte, bevor er nach Nepal aufbrach.“
Sergei öffnete die Mappe nicht sofort.
„Warum kommen Sie erst jetzt?“
Belov blickte auf seine Hände.
„Weil ich damals geschwiegen habe. Ich redete mir ein, dass es nicht meine Aufgabe sei, mich einzumischen. Als Viktor mich vor einigen Monaten kontaktierte, sagte ich ihm, dass ich die Originaldokumente nicht mehr besäße. Das stimmte nicht ganz.“
„Was haben Sie?“
„Eine Kopie eines alten Vertrages. Und eine Liste von Personen, die an einem Bauprojekt beteiligt waren, das Mikhail Sokolov untersucht hatte.“
Sergei öffnete die Mappe.
Der Vertrag stammte aus dem Jahr 1989. Er betraf ein Bauvorhaben an der Küste, in der Nähe von Sunny Bay.
Sergei hielt inne.
Sunny Bay.
Der Leuchtturm.
Die alte Metallkiste.
Der Ort, an dem Viktor ihm seine erste Spur hinterlassen hatte.
„Warum ist dieses Projekt wichtig?“, fragte er.
Belov beugte sich vor.
„Weil das Geld, das damals angeblich in den Bau geflossen ist, nie vollständig angekommen ist. Mikhail bemerkte die Differenz. Viktor half ihm, die Dokumente zu überprüfen. Doch kurz darauf starb Mikhail.“
„Und was geschah mit dem Projekt?“
„Es wurde eingestellt. Die Akten galten später als verloren. Aber vor einem Jahr entdeckte Viktor, dass einige der Grundstücke an der Küste Jahre später an eine Firma verkauft wurden, die mit Arseniy Dubrovsky verbunden war.“
Sergei spürte, wie sich ein kalter Knoten in seiner Brust bildete.
„Arseniy war damals noch ein Kind.“
„Natürlich. Er selbst muss nichts damit zu tun gehabt haben. Es geht um eine Firma, die Jahrzehnte später von Menschen genutzt wurde, die ihm nahestanden. Wir müssen erst feststellen, wer die tatsächlichen Eigentümer waren und wer die Geschäfte kontrollierte.“
Sergei nickte langsam.
Er wusste nun, dass die Vergangenheit möglicherweise mit den jüngsten Betrugsfällen verbunden war. Aber er wusste auch, dass er nicht einfach jeden Menschen beschuldigen durfte, dessen Name in alten Akten auftauchte.
„Ich werde diese Unterlagen meinem Anwalt und den Ermittlern übergeben“, sagte er. „Wenn sie relevant sind, sollen sie unabhängig geprüft werden.“
Belov wirkte erleichtert.
„Viktor hätte gewollt, dass Sie das tun.“
Sergei schloss die Mappe.
„Viktor wollte vor allem, dass ich die Wahrheit finde. Nicht, dass ich jemanden finde, den ich dafür hassen kann.“
***
In den folgenden Wochen begann sich das Bild langsam zu verändern.
Die Ermittler bestätigten, dass das alte Küstenprojekt tatsächlich Unregelmäßigkeiten aufwies. Mehrere Zahlungen waren über Firmen gelaufen, deren wirtschaftliche Eigentümer nicht sofort ermittelt werden konnten. Es gab Hinweise darauf, dass einzelne Dokumente nachträglich verändert worden waren.
Doch die Beweislage reichte zunächst nicht aus, um eine Verbindung zum Tod von Mikhail Sokolov herzustellen.
Sergei war enttäuscht.
Nicht, weil er unbedingt einen Schuldigen finden wollte, sondern weil er gehofft hatte, endlich zu verstehen, warum sein Vater so früh aus seinem Leben verschwunden war.
An einem kalten Abend kehrte er zum Leuchtturm zurück.
Er brachte die Kopie des alten Briefes mit und setzte sich auf die Holzstufen vor dem kleinen Haus. Das Meer war grau, der Wind kräftig, und die Möwen kreisten über den Felsen.
Er dachte an Viktor.
An all die Jahre, in denen dieser Mann ihm beigebracht hatte, Fahrrad zu fahren, seine ersten Bauzeichnungen zu verbessern und nach einem Fehler nicht sofort aufzugeben.
Er dachte an die Worte, die Viktor zu seinem dreißigsten Geburtstag gesagt hatte.
*Manchmal schenkt uns das Schicksal Kinder nicht durch Blutsverwandtschaft, sondern durch eine Seelenverbindung.*
Damals hatte Sergei die Worte für eine liebevolle Bemerkung gehalten.
Jetzt verstand er, dass Viktor ihm nicht nur die Wahrheit über seine Herkunft hatte hinterlassen wollen.
Er hatte ihm auch zeigen wollen, dass Herkunft allein nicht darüber entschied, wer man war.
Sergei zog den Brief aus seiner Tasche und las die letzte Zeile erneut.
*Wenn du die Wahrheit findest, mein Sohn, dann lass sie dich freier machen. Lass sie dich nicht in eine Vergangenheit einschließen, die du nicht ändern kannst.*
Er faltete das Papier sorgfältig zusammen.
Zum ersten Mal seit Wochen fühlte er keinen Drang, sofort weiterzusuchen.
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