Elena spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
„Wovon sprichst du?“
„Dein Mann hat damals einen Treuhandfonds eingerichtet. Er sollte Maya an ihrem dreißigsten Geburtstag zur Verfügung stehen. Die Unterlagen wurden versiegelt, weil es eine Bedingung gab, die erst später erfüllt werden sollte.“
Elena konnte kaum sprechen.
Ihr Mann war gestorben, als Maya gerade einundzwanzig gewesen war. Er hatte immer gesagt, dass er für die Zukunft ihrer Tochter vorgesorgt habe. Elena hatte angenommen, er habe damit die Lebensversicherung und einige Ersparnisse gemeint.
„Wie viel Geld?“, fragte sie schließlich.
Richard atmete hörbar aus.
„Die ursprüngliche Summe betrug mehrere Millionen Dollar. Durch die Investitionen ist das Vermögen erheblich gewachsen. Ich habe heute die endgültige Bewertung erhalten.“
Elena umklammerte das Telefon.
„Richard, sag mir bitte, was du weißt.“
„Der Fonds ist rechtlich Maya zugeordnet. Und es gibt einen weiteren Punkt: Niemand außer den im Testament ausdrücklich benannten Personen darf über dieses Vermögen verfügen.“
Elena sah ihre Tochter an.
Maya hatte inzwischen aufgehört zu weinen. Sie beobachtete ihre Mutter mit wachsender Besorgnis.
„Warum erzählst du mir das ausgerechnet jetzt?“, fragte Elena.
Richards Antwort ließ sie verstummen.
„Weil ich heute erfahren habe, dass jemand versucht hat, Informationen über den Fonds einzuholen. Jemand, der sich als Mayas bevollmächtigter Vertreter ausgegeben hat.“
Elena wurde kalt.
„Wer?“
„David Vance.“
Maya stand abrupt auf.
„Was?“
Elena schaltete den Lautsprecher ein.
Richard fuhr fort:
„Er hat sich vor einigen Wochen bei einer Finanzinstitution gemeldet und behauptet, seine Frau habe ihn ermächtigt, ihre Vermögensangelegenheiten zu regeln. Die Institution hat die Anfrage wegen fehlender Unterlagen nicht ausgeführt. Ich habe daraufhin eine Prüfung veranlasst.“
Maya schüttelte ungläubig den Kopf.
„Aber ich habe ihm nie von einem Treuhandfonds erzählt. Ich wusste nicht einmal, dass es ihn gibt.“
„Genau deshalb rufe ich an“, sagte Richard. „Wir müssen die Dokumente überprüfen und sicherstellen, dass niemand unberechtigt darauf zugreift.“
Elena dachte an Davids arrogantes Grinsen im Restaurant. An seine Drohung, Maya werde keinen Cent von ihm bekommen.
Plötzlich ergab sein Verhalten einen erschreckenden Sinn.
Vielleicht hatte er nicht nur die Kontrolle über seine Frau behalten wollen.
Vielleicht hatte er geglaubt, dass er durch diese Kontrolle auch Zugang zu ihrem Vermögen erhalten könnte.
Richard senkte die Stimme.
„Elena, es gibt noch etwas. In den ursprünglichen Unterlagen hat dein Mann einen Brief hinterlassen, der nur Maya persönlich ausgehändigt werden darf. Ich habe ihn all die Jahre sicher verwahrt.“
Maya trat näher ans Telefon.
„Was steht darin?“
„Das kann ich dir nicht am Telefon sagen. Aber ich möchte, dass du weißt, dass du nicht allein bist. Wir sollten uns morgen treffen und die Unterlagen gemeinsam durchgehen.“
Elena sah ihre Tochter an.
Maya wirkte verängstigt, aber in ihrem Gesicht lag auch etwas anderes.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie einen Grund, nicht nur vor David wegzulaufen, sondern ihre eigene Zukunft zurückzugewinnen.
„Wir kommen morgen“, sagte Elena.
Als sie auflegte, saßen Mutter und Tochter lange schweigend da.
Schließlich fragte Maya:
„Mama, glaubst du, David wusste von dem Geld?“
Elena antwortete nicht sofort.
Dann nahm sie Mayas Hand.
„Ich weiß es noch nicht. Aber wir werden die Wahrheit herausfinden.“
Maya blickte auf ihr Telefon. Eine weitere Nachricht von David war eingegangen.
Diesmal stand nur ein Satz darin:
Du hast keine Ahnung, was du gerade aufs Spiel gesetzt hast.
Maya legte das Telefon beiseite.
Sie würde nicht mehr mitten in der Nacht zu ihm zurückkehren, nur weil er es verlangte.
Und David Vance ahnte noch nicht, dass der Abend, an dem er seine Frau vor vierzig Menschen erniedrigte, der Beginn des Tages gewesen war, an dem er die Kontrolle über ihr Leben verlor.
Doch als Elena am nächsten Morgen Richards Büro betrat und den versiegelten Brief öffnete, entdeckte sie darin einen Namen, der alles noch komplizierter machte: Rebecca Vance.
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