
# TEIL 2:
„Wenn du alles tust, was ich dir sage, Maria, wirst du bald erfahren, dass Mut manchmal mehr wert ist als Geld.“
Die junge Reinigungskraft sah mich fassungslos an.
„Frau Lia, ich verstehe nicht …“
Ich drückte ihre Hand.
„Du musst mir zuhören. Mein Mann glaubt, ich würde sterben, ohne zu wissen, was er vorhat. Aber ich habe jedes Wort gehört, das er gerade gesagt hat.“
Maria wurde blass.
„Ihr Mann?“
Ich nickte.
„Er wartet darauf, dass ich sterbe. Er will mein Haus, meine Konten und meine Firma. Und ich glaube, er hat nicht vor, einfach nur abzuwarten.“
Maria blickte zur Tür.
„Soll ich den Arzt rufen?“
„Ja. Aber zuerst brauche ich eine Person, der ich vertrauen kann. Bitte verständige meine Anwältin, Frau Schneider. Die Nummer steht auf dem kleinen Zettel in meiner Handtasche.“
Maria zögerte.
„Und was soll ich ihr sagen?“
„Sag ihr, dass ich bei Bewusstsein bin, dass ich Oliver gehört habe und dass sie sofort ins Krankenhaus kommen soll. Außerdem soll sie dafür sorgen, dass alle meine geschäftlichen Unterlagen gesichert werden.“
Maria nickte langsam.
„Und wenn Ihr Mann mich fragt?“
„Dann sagst du nur die Wahrheit: Du hast mich nach meinem Klingeln versorgt. Mehr nicht.“
Maria nahm den Zettel und verließ das Zimmer.
Ich sank zurück ins Kissen.
Mein Körper fühlte sich an, als würde jede Bewegung meine letzte Kraft kosten. Doch in meinem Kopf war plötzlich eine Klarheit, die ich seit Wochen nicht mehr gespürt hatte.
Oliver hatte einen Fehler gemacht.
Er hatte geglaubt, ich sei bewusstlos.
Und er hatte geglaubt, ich sei allein.
### Der Mann, der schon alles geplant hatte
Vor sechs Wochen hatte alles begonnen.
Damals war ich noch zu Hause gewesen. Meine Ärzte hatten eine schwere Erkrankung festgestellt, und ich musste regelmäßig ins Krankenhaus. Oliver hatte sich zunächst liebevoll um mich gekümmert.
Er brachte mir Tee, sprach beruhigend mit den Ärzten und erklärte jedem Besucher, wie sehr er um mich besorgt sei.
Doch irgendwann fiel mir auf, dass er immer häufiger nach meinen Dokumenten fragte.
„Wo liegt eigentlich dein Testament?“, hatte er eines Abends wissen wollen.
Ich hatte ihn überrascht angesehen.
„Warum möchtest du das wissen?“
Er lächelte.
„Weil ich mich um alles kümmern muss, falls es schlimmer wird.“
Damals hatte ich ihm geglaubt.
Doch dann fragte er nach meinen Bankzugängen, nach den Unterlagen meiner Firma und nach dem Schlüssel zu meinem privaten Arbeitszimmer.
Als ich ihm sagte, dass meine Anwältin diese Dinge verwalte, wurde sein Gesicht für einen kurzen Moment hart.
„Du vertraust mir also nicht?“
Ich hatte seine Hand genommen.
„Natürlich vertraue ich dir.“
Aber in Wahrheit hatte ich begonnen, Fragen zu stellen.
Wenige Tage später hatte ich zufällig ein Gespräch zwischen Oliver und seinem Bruder mitgehört.
Oliver hatte gesagt:
„Es dauert nicht mehr lange. Danach kann ich endlich frei entscheiden.“
Damals hatte ich nicht verstanden, was er meinte.
Jetzt wusste ich es.
### Maria kehrt zurück
Etwa zwanzig Minuten später öffnete sich die Tür.
Maria kam zurück, diesmal nicht allein.
Eine ältere Krankenschwester begleitete sie.
„Frau Lia, ich habe Ihre Anwältin erreicht“, sagte Maria leise. „Sie ist unterwegs.“
Die Krankenschwester überprüfte meine Werte und sprach ruhig mit mir.
„Sie müssen sich jetzt nicht anstrengen. Wir kümmern uns um Ihre Versorgung.“
Ich sah sie an.
„Bitte glauben Sie mir: Ich bin wach und ich weiß, was um mich herum geschieht.“
Sie nickte.
„Ich nehme Sie ernst. Wir werden Ihre Aussagen dokumentieren und dafür sorgen, dass Sie in Ruhe mit Ihrer Anwältin sprechen können.“
Das war das erste Mal seit Tagen, dass ich mich nicht wie ein Gegenstand fühlte, über den andere entschieden.
Maria blieb in der Nähe.
„Frau Lia“, flüsterte sie, „ich habe noch etwas gesehen.“
Mein Herz schlug schneller.
„Was?“
„Ihr Mann hat vorhin mit jemandem telefoniert. Er sagte, dass die Unterlagen morgen unterschrieben werden müssten.“
„Welche Unterlagen?“
„Das weiß ich nicht. Aber er hat einen Namen erwähnt. Eine Frau namens Viktoria.“
Ich schloss die Augen.
Viktoria war die Leiterin unserer Finanzabteilung.
Warum sollte Oliver mit ihr über meine Unterlagen sprechen?
### Die Anwältin kommt
Als Frau Schneider das Zimmer betrat, konnte ich meine Erleichterung kaum verbergen.
Sie setzte sich neben mein Bett und nahm meine Hand.
„Lia, ich bin da.“
„Ich brauche deine Hilfe.“
„Natürlich. Aber zuerst möchte ich wissen, wie es dir geht.“
Ich erzählte ihr, was Oliver gesagt hatte. Ich berichtete von seinen Fragen nach meinem Vermögen und von Marias Beobachtung.
Frau Schneider hörte aufmerksam zu.
„Wir werden nichts überstürzen“, sagte sie schließlich. „Deine medizinische Versorgung hat Vorrang. Gleichzeitig werde ich dafür sorgen, dass deine persönlichen und geschäftlichen Unterlagen rechtmäßig gesichert werden.“
„Kann er einfach über mein Vermögen verfügen?“
„Das hängt von den bestehenden Vollmachten und den jeweiligen Unterlagen ab. Ich werde alles prüfen. Ohne deine Zustimmung und eine rechtliche Grundlage darf niemand einfach behaupten, er könne an deiner Stelle entscheiden.“
Ich atmete etwas leichter.
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