„Hat sie Zugriff auf die Unternehmensfinanzen?“

„Das wird gerade geprüft. Bisher wissen wir nur, dass sie bei mehreren Rechnungen als Ansprechpartnerin aufgeführt wurde.“

Ich lehnte mich zurück.

„Sie hat also nicht nur eine Beziehung mit meinem Mann.“

„Das können wir aus den Unterlagen noch nicht schließen.“

Daniel sagte es ruhig, aber bestimmt.

Ich nickte.

Er hatte recht. Ich durfte meine Wut nicht mit Beweisen verwechseln.

„Dann finden wir heraus, welche Arbeit sie tatsächlich geleistet hat.“

## Der ehemalige Mitarbeiter

Am Nachmittag erschien ein Mann in Daniels Kanzlei.

Er war Mitte vierzig, trug einen grauen Mantel und hielt einen schmalen Umschlag in der Hand.

„Paul Danner“, stellte er sich vor.

Ich erkannte den Namen sofort.

Der ehemalige Mitarbeiter, dem Caleb vorgeworfen hatte, das Unternehmen bestohlen zu haben.

Daniel bat ihn, Platz zu nehmen.

„Sie haben Kontakt zu unserem Compliance-Team aufgenommen?“, fragte er.

Paul nickte.

„Ich habe es zuerst intern versucht. Mehrmals. Aber niemand wollte zuhören.“

Er legte den Umschlag auf den Tisch.

„Ich habe nicht alle Antworten. Aber ich habe Kopien von Unterlagen, die ich damals im Rahmen meiner Arbeit erhalten habe.“

Daniel öffnete den Umschlag nicht sofort.

„Woher stammen diese Kopien?“

„Aus den Unterlagen, die mir im Rahmen meiner Tätigkeit zugänglich waren. Ich habe nichts aus einem fremden System beschafft.“

„Gut. Wir werden die Herkunft dokumentieren und prüfen, ob die Dokumente vollständig und unverändert sind.“

Paul sah mich an.

„Mrs. Mercer, ich möchte, dass Sie eines wissen. Ich habe nie Geld gestohlen.“

„Warum hat Caleb das behauptet?“

Paul senkte den Blick.

„Weil ich Fragen zu Northstar gestellt habe.“

Daniel beugte sich vor.

„Welche Fragen?“

Paul zog eine weitere Seite aus seinem Umschlag.

„Warum eine Beratungsfirma regelmäßig hohe Beträge erhielt, obwohl in den Projektakten kaum nachvollziehbare Leistungsnachweise vorhanden waren.“

Er zeigte auf eine Tabelle.

Mehrere Zahlungen waren aufgeführt.

Daneben standen interne Kürzel und Freigabevermerke.

„Ich habe damals um eine Prüfung gebeten“, erklärte Paul. „Eine Woche später wurde mir vorgeworfen, ich hätte vertrauliche Informationen weitergegeben.“

„Und danach?“, fragte ich.

„Ich wurde entlassen.“

Ich betrachtete die Tabelle.

Einige der Beträge entsprachen genau den Überweisungen, die Daniel mir zuvor gezeigt hatte.

„Warum kommen Sie erst jetzt?“

Paul schwieg kurz.

„Weil ich Angst hatte, dass man mir erneut etwas anhängt. Aber als ich von Ihrer Scheidung hörte, dachte ich, dass die Unterlagen vielleicht endlich unabhängig geprüft werden.“

Daniel nickte.

„Sie müssen verstehen, dass wir Ihre Aussagen ebenfalls überprüfen werden. Wenn Sie Beweise haben, werden wir sie den zuständigen Prüfern übergeben.“

„Das ist alles, was ich möchte.“

Paul stand auf.

Bevor er ging, drehte er sich noch einmal zu mir.

„Mrs. Mercer, es gibt noch etwas. Die letzte Zahlungsfreigabe für Northstar wurde nicht von Ihrem Mann unterschrieben.“

Ich blickte auf.

„Von wem dann?“

Paul sah Daniel an.

Dann sagte er:

„Von jemandem, der offiziell gar nicht für Mercer House gearbeitet hat.“

## Die Unterschrift

Daniel bat Paul, noch einmal Platz zu nehmen.

„Können Sie uns den Namen nennen?“

Paul öffnete seine Mappe und zog eine Kopie hervor.

Auf dem Dokument befand sich eine Unterschrift.

Darunter stand:

**Evelyn Mercer.**

Meine Schwiegermutter.

Ich starrte auf den Namen.

Evelyn hatte sich jahrelang aus den Geschäften herausgehalten. Sie war zwar Mitglied des Familienbeirats, hatte aber nie eine operative Position bei Mercer House innegehabt.

„Warum sollte sie eine Zahlungsfreigabe unterschreiben?“, fragte ich.

Paul schüttelte den Kopf.

„Das weiß ich nicht. Ich habe nur gesehen, dass ihr Name auf dem Dokument stand.“

Daniel nahm die Kopie entgegen.

„Wir müssen zunächst feststellen, ob diese Unterschrift echt ist und auf welcher Grundlage sie angebracht wurde.“

Ich dachte an Calebs Worte am Konferenztisch.

*Damit ist heute Schluss.*

Er hatte geglaubt, dass meine Unterschrift der letzte Schritt war, um mich aus seinem Leben zu entfernen.

Doch möglicherweise hatte er nicht einmal gewusst, wer in den vergangenen Monaten tatsächlich Entscheidungen für sein Unternehmen getroffen hatte.

## Die Nachricht um 17:36 Uhr

Als Paul gegangen war, rief ich meine Schwiegermutter an.

Sie nahm erst nach dem fünften Klingeln ab.

„Nora?“

„Evelyn, ich muss Sie etwas fragen.“

„Jetzt ist kein guter Zeitpunkt.“

„Haben Sie eine Zahlungsfreigabe für Northstar Advisory unterschrieben?“

Am anderen Ende herrschte Stille.

„Wer hat dir das gesagt?“

Ich schloss die Augen.

„Das ist keine Antwort.“

„Caleb hat mich gebeten, einige Unterlagen zu unterschreiben.“

„Wussten Sie, wofür?“

„Er sagte, es seien vorübergehende Verwaltungsdokumente.“

„Haben Sie die Beträge gesehen?“

Sie atmete schwer aus.

„Nicht alle.“

„Warum haben Sie unterschrieben?“

„Weil er mein Sohn ist.“

Ich blickte auf die Unterlagen vor mir.

„Und ich war acht Jahre lang Ihre Schwiegertochter.“

Sie sagte nichts.

Dann flüsterte sie:

„Nora, ich glaube, Caleb hat mir nicht die ganze Wahrheit gesagt.“

Ich legte eine Hand auf die Tischkante.

„Was wissen Sie?“

„Er hat mich gebeten, die Unterlagen nicht mit jemand anderem zu besprechen. Er sagte, du würdest die Finanzierung gefährden, wenn du davon erfährst.“

„Wann war das?“

„Vor ungefähr sechs Monaten.“