Ich dachte an Catherine, die Bushaltestelle und den Tag, an dem mich Freundlichkeit rettete.
„Weil mir einmal jemand geholfen hat“, sagte ich. „Und das hat alles verändert.“
TEIL 4 – DIE WAHRHEIT, DIE CATHERINE VERBORGEN HATTE
Ich dachte, mein Leben hätte endlich einen ruhigen Platz gefunden.
Ein Jahr war vergangen, seit Derek mich an jener Bushaltestelle zurückgelassen hatte. Inzwischen leitete ich mehrere Programme der Wilmington Foundation, hatte meine eigene kleine Wohnung und konnte wieder lachen, ohne mich danach schuldig zu fühlen.
Catherine sagte oft, sie sei stolz auf mich.
Doch eines Morgens änderte sich alles.
Ich kam früher als gewöhnlich in die Villa, um mit ihr zu frühstücken. Ihre Zimmertür stand offen. Sie saß am Fenster, hielt einen alten Brief in den Händen und sah ungewöhnlich blass aus.
„Olivia“, sagte sie leise, „es gibt etwas, das du über unsere Begegnung wissen musst.“
Ich setzte mich neben sie.
„Was meinst du?“
Sie reichte mir den Brief. Das Papier war vergilbt, und mein Name stand darauf.
Olivia Bennett.
Ich erkannte die Handschrift sofort.
Es war die Handschrift meiner Mutter.
Meine Mutter war vor acht Jahren gestorben. Seitdem hatte ich geglaubt, fast alles über ihr Leben zu wissen.
Mit zitternden Fingern öffnete ich den Brief.
Liebe Catherine,
falls du diesen Brief eines Tages liest, bedeutet das wahrscheinlich, dass Olivia dich gefunden hat oder du sie gefunden hast.
Ich habe nie den Mut gehabt, dir zu sagen, dass meine Tochter in einer Ehe aufwachsen könnte, in der sie sich klein und wertlos fühlt. Sie hat ein viel zu großes Herz. Sie wird anderen immer wieder vergeben und dabei vergessen, sich selbst zu schützen.
Bitte erinnere sie daran, dass Liebe niemals bedeutet, sich selbst aufzugeben.
Ich konnte nicht weiterlesen.
„Woher kanntest du meine Mutter?“, fragte ich mit brüchiger Stimme.
Catherine nahm meine Hand.
„Deine Mutter und ich waren vor vielen Jahren enge Freundinnen. Lange bevor du geheiratet hast, haben wir uns versprochen, aufeinander aufzupassen, falls eine von uns nicht mehr da sein sollte.“
Ich starrte sie an.
„Du hast mich also an dieser Bushaltestelle gesucht?“
„Nein“, antwortete sie. „Ich wusste nicht, dass du dort sein würdest. Ich war auf dem Weg zu einer Veranstaltung, als mein Fahrer mich auf dich aufmerksam machte. Aber als du mir deinen Namen nanntest, wusste ich, wer du warst.“
Mir stiegen Tränen in die Augen.
„Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“
„Weil ich nicht wollte, dass du dich verpflichtet fühlst, mich zu lieben, nur weil deine Mutter mich darum gebeten hatte.“ Sie lächelte traurig. „Ich wollte, dass du deine eigene Entscheidung triffst.“
Zum ersten Mal verstand ich, dass Catherine mir nicht nur ein neues Leben ermöglicht hatte.
Sie hatte mir die Freiheit gelassen, selbst zu entscheiden, was dieses Leben bedeuten sollte.
Doch der Brief enthielt noch eine zweite Seite.
Dort stand eine Adresse und darunter ein Name, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört hatte.
Daniel Bennett – mein Vater.
Mein Vater hatte unsere Familie verlassen, als ich zehn Jahre alt war. Meine Mutter hatte mir erzählt, er habe sich entschieden, ein Leben ohne uns zu führen. Ich hatte jahrelang geglaubt, dass ich ihm nicht wichtig genug gewesen war, um zu bleiben.
„Warum steht sein Name hier?“, flüsterte ich.
Catherine schwieg einen Moment.
Dann sagte sie: „Weil dein Vater mich vor drei Monaten angerufen hat.“
Mein Herz begann zu rasen.
„Was?“
„Er hatte erfahren, dass du bei mir bist. Er wollte dich sehen. Aber ich habe ihm gesagt, dass er nicht einfach in dein Leben zurückkehren kann, als wäre nichts geschehen.“
Ich stand auf und ging zum Fenster.
Mein Vater lebte also noch. Er wusste, wo ich war. Und er hatte versucht, mich zu erreichen, ohne dass ich davon erfahren hatte.
„Was wollte er?“, fragte ich.
Catherine sah mich ernst an.
„Er behauptet, dass er damals nicht freiwillig gegangen ist. Und dass deine Mutter dir etwas über die Gründe für seine Abreise verschwiegen hat.“
Ich drehte mich langsam zu ihr um.
„Glaubst du ihm?“
„Ich glaube, dass du die Wahrheit verdient hast. Aber ich werde dir nicht sagen, was du glauben sollst.“
In dieser Nacht schlief ich kaum.
Am nächsten Morgen rief ich die Nummer auf dem Brief an.
Ein Mann nahm nach dem dritten Klingeln ab.
„Hallo?“
Ich konnte zunächst kein Wort hervorbringen.
Dann sagte ich: „Hier ist Olivia.“
Am anderen Ende herrschte lange Stille.
Schließlich hörte ich eine Stimme, die älter klang, als ich sie in Erinnerung hatte.
„Olivia?“
„Ja.“
Sein Atem stockte.
„Ich habe so lange gehofft, diesen Anruf zu bekommen.“
Ich schloss die Augen.
„Warum bist du gegangen?“
Er antwortete nicht sofort.
Dann sagte er: „Weil ich dachte, dass ich euch damit beschützen würde.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Vor wem?“
Seine Antwort ließ mich erstarren.
„Vor Catherine Wilmington.“
Ich legte auf.
Nicht, weil ich ihm glaubte.
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