Die Vollmacht lag darin.

Und darunter befand sich ein Dokument, das sie noch nie bewusst gesehen hatte.

Eine Vereinbarung über die Nutzung ihrer Unterschrift für bestimmte Unternehmensgeschäfte.

Camila las jede Zeile.

Dann rief sie Valeria erneut an.

„Ich schicke dir etwas. Bitte prüfe, ob dieses Dokument überhaupt wirksam ist.“

„Schick es mir. Und Camila?“

„Ja?“

„Egal, was dort steht: Wir gehen nicht davon aus, dass eine Unterschrift automatisch alles beweist. Wir prüfen die Herkunft, den Umfang der Vollmacht und die tatsächlichen Vorgänge.“

Camila nickte, obwohl ihre Anwältin sie nicht sehen konnte.

„Verstanden.“

Sie schickte die Datei ab.

Dann saß sie lange vor dem Bildschirm.

Nicht, weil sie Mauricio vermisste.

Sondern weil sie langsam begriff, wie viel Vertrauen sie einem Menschen geschenkt hatte, der dieses Vertrauen möglicherweise für Dinge benutzt hatte, die sie nie genehmigt hätte.

Am Nachmittag kam die nächste Nachricht.

Diesmal von Mauricio.
Cami, wir müssen reden. Du weißt nicht, was du da gerade auslöst. Wenn du die Unterlagen weitergibst, werden nicht nur meine Angelegenheiten betroffen sein.

Camila las die Nachricht zweimal.

Sie antwortete nicht.

Stattdessen leitete sie sie an Valeria weiter.

Dann schaltete sie ihr Telefon stumm und kehrte an ihren Schreibtisch zurück.

Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich ihre Ruhe nicht mehr wie eine Pause zwischen zwei Katastrophen an.

Sie fühlte sich wie eine Entscheidung an.

Sie würde sich nicht länger von seiner Angst steuern lassen.

TEIL 5 – Die Frau vor ihrer Tür
Am Donnerstagabend klingelte es an der Wohnungstür.

Camila sah auf den Monitor der Sicherheitsanlage.

Ofelia.

Allein.

Sie trug eine elegante Handtasche und einen Mantel, der für das warme Wetter viel zu schwer wirkte. In ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, den Camila bisher selten bei ihr gesehen hatte.

Unsicherheit.

Camila öffnete die Gegensprechanlage.

„Was möchten Sie?“

„Ich muss mit dir sprechen.“

„Dann sagen Sie mir, worum es geht.“

Ofelia blickte kurz zur Seite, als wolle sie sich vergewissern, dass niemand in der Nähe war.

„Es geht um Mauricio.“

Camila schwieg.

„Bitte“, fügte ihre Schwiegermutter hinzu. „Nur fünf Minuten.“

Camila hätte ablehnen können.

Ein Teil von ihr wollte es.

Doch sie erinnerte sich daran, dass sie nicht jedes Gespräch vermeiden musste, um ihre Grenzen zu schützen.

„Sie können in der Lobby warten. Ich komme herunter. Wir sprechen dort.“

Zehn Minuten später saßen sie sich in einem kleinen Café neben dem Gebäude gegenüber.

Ofelia rührte ihren Kaffee um, ohne davon zu trinken.

„Mauricio hat mir gesagt, du hättest ihn aus seinem eigenen Zuhause geworfen.“

Camila sah sie ruhig an.

„Die Immobilie gehört mir. Das haben die Unterlagen bestätigt.“

„Er sagte, ihr hättet sie gemeinsam gekauft.“

„Er hat Ihnen offenbar vieles erzählt.“

Ofelia presste die Lippen zusammen.

„Er ist mein Sohn.“

„Das weiß ich.“

„Ich wollte nur, dass er etwas erreicht. Er hat immer davon gesprochen, eines Tages ein eigenes Unternehmen zu besitzen, ein gutes Leben zu führen und nicht ständig von anderen abhängig zu sein.“

Camila lehnte sich zurück.

„Und deshalb haben Sie Geld von meinen Konten erhalten?“

Ofelia erstarrte.

Für einen Moment verschwand jede Spur ihrer üblichen Überlegenheit.

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

Camila zog eine einzelne Kopie aus ihrer Tasche.

Es war kein vollständiger Kontoauszug, sondern eine Übersicht mit drei Überweisungen. Persönliche Kontodaten hatte sie abgedeckt.

„Diese Zahlungen gingen an Sie. Mauricio hat sie als Unterstützung für angebliche Geschäftsausgaben verbucht. Können Sie mir erklären, wofür das Geld verwendet wurde?“

Ofelia blickte auf das Papier.

Ihre Hände begannen leicht zu zittern.

„Er sagte, es sei sein Geld.“

„Es war nicht sein Geld allein.“

„Das wusste ich nicht.“

Camila musterte sie.

Sie wollte ihr nicht automatisch glauben. Aber sie wollte auch nicht vorschnell urteilen.

„Haben Sie Belege? Nachrichten? Irgendetwas, das zeigt, was Mauricio Ihnen über diese Zahlungen gesagt hat?“

Ofelia hob den Blick.

Ihre Augen waren feucht.

„Ich habe Nachrichten.“

„Dann bewahren Sie sie auf. Löschen Sie nichts. Meine Anwältin wird sich gegebenenfalls auf rechtlichem Weg darum kümmern.“

Ofelia sah plötzlich viel älter aus.

„Du glaubst, ich habe dir etwas weggenommen.“

„Ich weiß, dass Geld auf Ihrem Konto angekommen ist. Ich weiß noch nicht, was Sie darüber wussten. Das sind zwei verschiedene Dinge.“

Lange schwieg Ofelia.

Dann sagte sie: „Es gab noch eine Zahlung.“

Camila spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Welche Zahlung?“

„Vor etwa sechs Monaten. Mauricio sagte, er müsse dringend eine Verpflichtung begleichen. Er bat mich, das Geld vorübergehend auf mein Konto zu nehmen und später weiterzuleiten.“

„An wen?“

Ofelia schüttelte den Kopf.

„Das weiß ich nicht.“

„Haben Sie das Geld weitergeleitet?“

„Ja.“

Camila atmete langsam aus.

„Haben Sie den Überweisungsbeleg?“

Ofelia nickte und öffnete ihre Handtasche. Sie holte ihr Handy hervor, suchte einige Minuten und zeigte Camila schließlich einen Screenshot.

Da war die Überweisung.

Und dort stand der Name des Empfängers.

Camila kannte ihn.

Es war dieselbe Gesellschaft, über die der Überweisungsversuch von vier Millionen Pesos erfolgt war.