Darin lagen mehrere alte Kontoauszüge, ein Notizbuch und ein weiterer versiegelter Umschlag.

Das Notizbuch gehörte meinem Schwiegervater.

Auf den ersten Seiten standen gewöhnliche Einträge über Ausgaben und Überweisungen. Doch je weiter ich blätterte, desto deutlicher wurde ein Muster.

Mehrere Beträge waren an eine Firma überwiesen worden, die ich nicht kannte.

Neben einer Überweisung stand ein Name:

**Daniel Wagner.**

Ich erstarrte.

War mein ehemaliger Mann tatsächlich in die damaligen Vorgänge verwickelt gewesen?

Ich las die Notizen noch einmal. Es gab Hinweise auf Unterschriften, die möglicherweise ohne ausreichende Zustimmung verwendet worden waren. Aber die Unterlagen allein bewiesen noch nicht, wer dafür verantwortlich war.

Im letzten Umschlag befand sich ein Brief meines Schwiegervaters.

„Margaret, wenn du diesen Brief irgendwann liest, habe ich es nicht geschafft, die Angelegenheit selbst zu klären. Bitte gib Daniel nicht einfach die Unterlagen. Er muss zuerst verstehen, was damals geschehen ist. Und Emma soll erfahren, dass sie niemals für die Fehler unserer Familie verantwortlich war.“

Darunter stand ein weiterer Satz:

„Es gibt eine Person, die alles gesehen hat. Sie arbeitet noch immer in unserem alten Haus.“

Ich legte den Brief langsam auf den Tisch.

Unser altes Haus?

Das Haus, in dem Daniel und ich acht Jahre zusammengelebt hatten?

***

Noch am selben Nachmittag rief ich eine ehemalige Nachbarin an. Sie kannte Margaret seit vielen Jahren und hatte damals häufig mit ihr gesprochen.

Als ich ihr von dem Brief erzählte, wurde sie ungewöhnlich still.

„Emma, ich glaube, du solltest mit Herrn Becker sprechen“, sagte sie schließlich.

„Wer ist Herr Becker?“

„Der frühere Buchhalter deines Schwiegervaters. Er hat damals gekündigt, nachdem es einen großen Streit gegeben hatte. Margaret hat ihn danach noch einmal besucht. Sie sagte, er besitze eine Kopie eines wichtigen Dokuments.“

Ich notierte mir seine Telefonnummer.

Zwei Stunden später saß ich einem älteren Mann gegenüber, der mich lange betrachtete, bevor er zu sprechen begann.

„Margaret hat mir gesagt, dass du eines Tages kommen könntest“, sagte er.

Er öffnete eine Schublade und legte eine dünne Mappe auf den Tisch.

„Ich habe damals geschwiegen, weil ich Angst hatte, eine Familie auseinanderzureißen. Aber Margaret hatte recht. Die Wahrheit darf nicht für immer begraben bleiben.“

In der Mappe lag eine Kopie eines Vertrages.

Und darunter eine handschriftliche Erklärung.

Ich las den Namen des Unterzeichners.

Es war nicht Daniel.

Es war jemand, den ich niemals verdächtigt hätte.

**Es war Margarets eigene Tochter – Daniels Schwester, von der ich bis dahin nichts gewusst hatte.**

Herr Becker sah mich ernst an.

„Es gibt noch etwas, Emma. Margaret hat diese Frau kurz vor ihrem Tod gesucht. Sie wollte sich mit ihr versöhnen. Aber das Treffen kam nie zustande.“

Ich blickte erneut auf die Erklärung.

Warum hatte Margaret mir nie von einer Tochter erzählt? Weshalb war sie aus der Familie verschwunden? Und welche Rolle spielte sie bei den verschwundenen Geldern?

Dann vibrierte mein Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Die Nachricht bestand nur aus einem einzigen Satz:

„Emma, bitte hören Sie auf, in Margarets Vergangenheit zu graben. Sie wissen nicht, wen Sie damit in Gefahr bringen.“

Ich sah zu Herrn Becker.

Er hatte die Nachricht ebenfalls gelesen.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Jetzt weiß ich, warum Margaret dir den Schlüssel gegeben hat“, sagte er leise. „Jemand hat große Angst davor, dass du die letzte Seite des Notizbuchs findest.“

Ich schlug das Notizbuch erneut auf.

Ganz hinten klebte ein gefaltetes Blatt, das ich zuvor übersehen hatte.

Darauf stand ein Datum – und darunter ein Name:

**Daniel Wagner.**

Doch das Datum lag mehrere Monate vor Margarets Einzug in mein Haus.

Und plötzlich stellte sich mir eine Frage, die ich nicht mehr verdrängen konnte:

**Hatte Daniel wirklich nichts von den Geheimnissen seiner Mutter gewusst – oder hatte er mich von Anfang an bewusst aus der Wahrheit herausgehalten?**

Fortsetzung folgt …