# Kapitel 2: Die Wahrheit hinter der Glastür

Für einen Moment vergaß ich, wie man atmete.

„Beschwerden?“, wiederholte ich.

Das Wort klang fremd in meinem Schlafzimmer, als hätte Daniel es aus einer anderen Sprache übersetzt. Ryan hatte mir von langen Arbeitstagen erzählt, von schwierigen Kunden, von Kollegen, die seine Erfolge beneideten. Er hatte sich über seinen Vorgesetzten beschwert, über endlose Besprechungen und über eine Beförderung, die angeblich schon seit Monaten überfällig war.

Aber Beschwerden über sein Verhalten?

Nein.

„Was für Beschwerden?“, fragte ich.

Daniel antwortete nicht sofort. Ich hörte ein leises Tippen, dann das Rascheln von Papier. Wahrscheinlich saß er bereits in seinem Büro, vor sich eine Reihe vertraulicher Unterlagen, während ich noch immer im Schlafanzug auf meinem Bett stand und versuchte, meinen Ohrring nicht in der Bettdecke zu verlieren.

„Ich möchte nicht, dass du voreilige Schlüsse ziehst“, sagte er schließlich. „Und ich möchte dich auch nicht mit Dingen belasten, die du nicht wissen willst.“

„Daniel, du rufst mich an einem Montagmorgen vor sieben Uhr an und fragst mich, ob mein Ex-Mann dir von Beschwerden aus seinem Büro erzählt hat. Du hast die Grenze zwischen Neugier und Katastrophe bereits überschritten.“

Am anderen Ende hörte ich ein kurzes, trockenes Lachen.

„Du warst schon immer gut darin, mich daran zu erinnern, dass ich keine diplomatischen Fähigkeiten besitze.“

„Du bist Geschäftsführer eines Unternehmens mit Tausenden Mitarbeitern. Du wirst es überleben, wenn deine Cousine dich für undiplomatisch hält.“

„Das hoffe ich.“

Sein Ton wurde wieder ernst.

„Es gab in den vergangenen sechs Monaten drei formelle Meldungen, die mit Ryan in Verbindung stehen. Zwei davon kamen von direkten Kolleginnen. Eine dritte wurde von einem Projektleiter eingereicht.“

Ich setzte mich wieder.

Drei.

Nicht eine unglückliche Auseinandersetzung. Nicht ein Missverständnis während einer stressigen Projektphase. Drei voneinander getrennte Meldungen.

„Worum ging es?“

„Die erste betraf wiederholte abwertende Bemerkungen gegenüber einer Mitarbeiterin, nachdem sie in einem Meeting eine seiner Entscheidungen infrage gestellt hatte. Die zweite betraf die Aneignung von Arbeitsergebnissen anderer Teammitglieder. Die dritte war ernster.“

Ich starrte auf den Kleiderschrank.

„Ernster in welcher Hinsicht?“

„Es geht um mögliche Verstöße gegen unsere internen Compliance-Richtlinien. Ich kann dir die Einzelheiten nicht einfach am Telefon nennen. Die Untersuchungen laufen, und ich werde weder vertrauliche Mitarbeiterinformationen weitergeben noch jemanden vor einer ordentlichen Prüfung verurteilen.“

Das war Daniel, wie ich ihn kannte. Er konnte wütend sein, ohne unüberlegt zu handeln. Er konnte jemanden beschützen wollen und trotzdem darauf bestehen, dass Regeln für alle galten.

„Warum erfahre ich davon erst jetzt?“

„Weil du nicht Teil des Unternehmens bist. Und weil ich bis gestern Abend nicht wusste, dass Ryan dein Ex-Mann ist.“

Ich blinzelte.

„Was?“

„Ich wusste, dass du verheiratet warst. Ich kannte seinen Vornamen. Aber ich habe nie seine Personalakte mit deinem Privatleben verknüpft. Als dein Nachname nach der Scheidung wieder in unserem Familienverzeichnis auftauchte, habe ich mir nichts dabei gedacht. Ich beschäftige mich nicht mit den persönlichen Beziehungen jedes Mitarbeiters.“

„Du hast also nicht gewusst, dass Ryan Carter bei dir arbeitet?“

„Ich wusste, dass ein Ryan Carter in einer unserer Abteilungen beschäftigt ist. Ich wusste nicht, dass es derselbe Ryan ist.“

Ich schloss die Augen.

Natürlich. Ryan hatte mich jahrelang gefragt, warum ich nie einen Gefallen von Daniel verlangte. Warum ich ihn nicht bat, meinen Mann bei einer Beförderung zu unterstützen oder ihn wenigstens bei einem Abendessen mit den richtigen Leuten bekannt zu machen.

Ich hatte immer geantwortet, dass Daniel kein Werkzeug war, das ich aus der Familienkiste holen konnte, wenn mein Mann beruflich vorankommen wollte.

Ryan hatte darüber gelacht.

„Du bist so stolz darauf, alles allein zu schaffen“, hatte er einmal gesagt. „Manchmal ist das einfach nur dumm.“

Damals hatte ich geglaubt, er wolle mir helfen, meine Möglichkeiten besser zu nutzen.

Heute fragte ich mich, ob er sich insgeheim für etwas Besseres gehalten hatte.

„Daniel“, sagte ich langsam, „hat diese Sache irgendetwas mit mir zu tun?“

„Das versuche ich gerade herauszufinden.“

Mein Magen zog sich zusammen.

„Was soll das heißen?“

„Eine der Meldungen enthält Hinweise darauf, dass Ryan möglicherweise persönliche Beziehungen genutzt hat, um Entscheidungen im Unternehmen zu beeinflussen. Ich weiß noch nicht, ob das stimmt. Aber nach seinem gestrigen Beitrag hat jemand aus der Geschäftsleitung eine weitere Information an mich weitergeleitet.“

Ich musste mich zwingen, nicht sofort zu fragen, ob Ryan meinen Namen benutzt hatte.

Denn plötzlich erinnerte ich mich an etwas.

Vor ungefähr acht Monaten war Ryan eines Abends nach Hause gekommen und hatte mich gefragt, ob Daniel jemals mit mir über seine geschäftlichen Pläne gesprochen habe. Er hatte beiläufig geklungen, fast gelangweilt, während er seine Krawatte lockerte.

Ich hatte ihm gesagt, dass Daniel nur selten über die Arbeit sprach, wenn wir uns als Familie trafen.

„Und er erzählt dir wirklich nichts?“, hatte Ryan nachgehakt.

„Was sollte er mir erzählen?“

Ryan hatte die Schultern gehoben.

„Ach, nichts. Ich dachte nur, wenn man mit jemandem aus der Familie des Chefs verheiratet ist, bekommt man vielleicht ein paar interessante Informationen.“