Richard stand sofort auf.

„Was meinst du damit?“

Ashley öffnete ihre Tasche und legte mehrere Dokumente auf den kleinen Tisch neben meinem Bett.

„Die Lebensversicherung war nur ein Teil des Plans. Michael hat außerdem versucht, Zugriff auf ein Treuhandvermögen zu erhalten, das mit Emmas Familie verbunden ist.“

Ich blickte auf die Papiere.

Mein vollständiger Name stand auf der ersten Seite. Darunter befanden sich Angaben zu einem Fonds, von dessen Existenz ich nie gehört hatte.

„Was ist das?“

Richard nahm das oberste Dokument und überflog es.

Sein Gesicht verhärtete sich.

„Das ist der Vale-Harbor-Familientrust.“

Ashley nickte.

„Michael wusste davon. Er wusste, dass Emma möglicherweise Anspruch auf das Vermögen hat, sobald bestimmte familiäre Zusammenhänge offiziell bestätigt werden.“

„Möglicherweise?“, fragte ich.

„Er brauchte dafür einen Nachweis“, erklärte Ashley. „Und er glaubte, dass du ihn niemals finden würdest.“

Ich sah sie an.

„Warum sollte mein Tod ihm helfen?“

Ashley zögerte.

„Weil er dachte, dass er als dein Ehemann die Verwaltung übernehmen könnte, bis ein anderer Anspruch geklärt wäre. Seine Anwälte hatten ihm gesagt, dass das nicht so einfach wäre. Aber er glaubte, dass er Zeit gewinnen könnte, wenn du nicht mehr da wärst.“

Mir wurde übel.

Michael hatte mich nicht nur wegen der Versicherungssumme angegriffen.

Er hatte gehofft, dass ich verschwinden würde, bevor ich überhaupt erfahren konnte, dass dieses Vermögen existierte.

„Und du hast ihm geholfen.“

Ashley nickte, Tränen liefen ihr über die Wangen.

„Ich habe ihm geholfen, die Reise zu organisieren. Ich wusste, dass er dich unter Druck setzen wollte. Ich wusste aber nicht, dass er dich von der Klippe stoßen würde.“

„Du bist trotzdem mit ihm gegangen.“

„Ja.“

Ich wandte mich zum Fenster.

Ihre Reue änderte nichts daran, dass sie mich im Schnee zurückgelassen hatte.

„Warum kommst du jetzt zu mir?“

Ashley zog ein kleines Aufnahmegerät aus ihrer Tasche.

„Weil ich gestern Abend erfahren habe, dass Michael eine weitere Person treffen will. Jemanden aus Vale Harbor. Und weil ich glaube, dass diese Person die fehlende Seite des Briefes besitzt.“

Richard nahm das Gerät nicht an.

„Wer?“

Ashley blickte mich an.

„Evelyn Carter. Michaels Großmutter.“

Der Raum schien plötzlich viel kleiner zu werden.

„Sie lebt noch?“, fragte ich.

„Ja. Und sie weiß, was damals in Vale Harbor geschehen ist.“

Ich schloss die Finger um das Medaillon.

„Dann will ich mit ihr sprechen.“

Richard schüttelte sofort den Kopf.

„Du bist noch nicht in der Verfassung, irgendwohin zu gehen. Du musst dich erholen. Und die Polizei muss über das informiert werden, was Michael getan hat.“

„Das wird sie“, sagte ich. „Aber ich werde nicht zulassen, dass diese Familie wieder entscheidet, welche Wahrheit ich erfahren darf.“

Ashley schob das Aufnahmegerät näher zu mir.

„Dann solltest du dir das anhören.“

Ich drückte auf die Wiedergabetaste.

Zuerst hörte ich nur Rauschen. Dann Michaels Stimme.

„Wenn Emma wirklich die Tochter ist, für die ich sie halte, darf Evelyn niemals erfahren, dass sie noch lebt.“

Darauf folgte eine zweite Stimme.

Eine ältere Frau.

Evelyn Carter.

„Du verstehst nicht, was du getan hast, Michael. Wenn dieses Mädchen überlebt, wird sie erfahren, was wir ihrer Mutter genommen haben.“

Dann kam ein Geräusch, als würde jemand einen Stuhl zurückschieben.

Und Evelyn sagte einen Satz, der mir den Atem nahm.

„Denn das Kind, das vor dreißig Jahren aus Vale Harbor verschwand, war nicht Emmas Mutter.“

Die Aufnahme endete.

Ich blickte Richard an.

Er war vollkommen blass.

„Welches Kind war es dann?“, flüsterte ich.

Richard antwortete nicht.

Stattdessen nahm er das alte Foto vom Tisch, drehte es um und deutete auf die handschriftliche Notiz.

Unter dem Satz, den ich bereits gelesen hatte, entdeckte ich eine weitere Zeile, die durch eine Falte im Papier fast verborgen gewesen war.

Das zweite Kind trägt heute den Namen Richard Hayes.

Ich sah ihn an.

„Richard Hayes?“

Er schloss die Augen.

„Das war mein Geburtsname.“

## Teil 5: Der Mann, der mich gerettet hatte

Ich konnte ihn nur anstarren.

Richard Hayes.

Der Mann, der mich aus dem Schnee gerettet hatte. Der Mann, der mir gesagt hatte, er suche mich seit Jahren. Der Mann, der behauptet hatte, meine Mutter habe ihn gekannt.

„Du bist eines der Kinder aus Vale Harbor.“

Richard nickte langsam.

„Ich glaube, ja.“

„Und du hast es mir nicht gesagt?“

„Ich hatte Beweise, aber keine vollständigen. Ich wollte dich nicht mit Vermutungen belasten, solange du noch um dein Leben kämpfen musstest.“

„Du hast mir versprochen, keine Geheimnisse mehr zu haben.“

Sein Blick senkte sich.

„Du hast recht.“

Zum ersten Mal sah ich in seinen Augen nicht nur Schuld, sondern auch Angst.

„Ich wuchs bei einer Familie auf, die mich adoptierte. Sie sagten mir, meine leiblichen Eltern seien gestorben. Als ich erwachsen wurde, fand ich Widersprüche in meinen Unterlagen. Ich suchte nach meiner Herkunft und stieß schließlich auf Vale Harbor.“

Er legte das Foto zwischen uns.