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Ich lag noch immer zwischen den Bäumen, als ich endlich wieder klar denken konnte.

Jeder Atemzug fiel mir schwer. Meine Beine schmerzten, und ich wusste, dass ich dringend Hilfe brauchte. Doch noch größer als meine Angst waren die Worte, die ich wenige Minuten zuvor gehört hatte.

„Ist sie wirklich tot?“, hatte meine Schwiegertochter Claudia gefragt.

Und mein eigener Sohn Markus hatte geantwortet:

„Sie hat sonst niemanden. Niemand wird nach ihr suchen. Wir müssen nur dafür sorgen, dass es wie ein Unglück aussieht.“

Mein Herz fühlte sich an, als wäre es in tausend Stücke zerbrochen.

Markus.

Mein kleiner Junge, den ich allein großgezogen hatte, nachdem sein Vater gestorben war. Der Junge, für den ich auf vieles verzichtet hatte. Der Mann, dessen Ausbildung ich bezahlt und dessen Familie ich immer unterstützt hatte.

Er hatte mich gerade für tot gehalten.

Nicht aus Versehen. Nicht aus einem Missverständnis heraus.

Er hatte es gewollt.

Ich wollte aufstehen, doch meine Kräfte reichten kaum aus. Schließlich gelang es mir, mein Handy aus der Manteltasche zu holen. Das Display war beschädigt, aber es funktionierte noch.

Mit zitternden Fingern wählte ich den Notruf.

„Bitte helfen Sie mir“, flüsterte ich. „Ich bin gestürzt. Ich befinde mich auf dem alten Wanderweg am Falkenberg. Ich kann mich kaum bewegen.“

Die Mitarbeiterin am Telefon blieb ruhig und stellte mir einige Fragen. Ich versuchte, so genau wie möglich zu antworten.

Dann fragte sie:

„Sind Sie allein?“

Ich blickte zu den Bäumen hinauf.

„Ja“, antwortete ich. „Aber ich glaube, jemand hat mich absichtlich hier zurückgelassen.“

Wenig später trafen die Rettungskräfte ein. Sie brachten mich in ein Krankenhaus, wo ich gründlich untersucht wurde. Die Ärzte stellten mehrere Verletzungen fest und erklärten mir, dass ich großes Glück gehabt hatte. Ich musste zunächst bleiben und mich erholen.

Doch ich hatte noch eine andere Sorge.

Markus und Claudia wussten nicht, dass ich überlebt hatte.

Und ich wollte nicht, dass sie es erfuhren, bevor die Polizei von meiner Aussage wusste.

Eine Polizeibeamtin namens Frau Keller kam am Abend zu mir ins Krankenzimmer. Ich erzählte ihr alles, was ich gehört hatte. Sie hörte aufmerksam zu und schrieb jedes Detail auf.

„Frau Berger“, sagte sie schließlich, „wir werden Ihre Angaben ernst nehmen. Sie müssen sich jetzt vor allem ausruhen. Wir kümmern uns um die weiteren Ermittlungen.“

Ich nickte.

Dann fiel mir etwas ein.

„Mein Sohn glaubt wahrscheinlich, dass er jetzt an mein Haus und mein Geld kommt.“

Frau Keller sah mich aufmerksam an.

„Gibt es einen konkreten Anlass für diese Vermutung?“

Ich zögerte kurz.

Dann erzählte ich ihr von den letzten Monaten.

Markus hatte sich zunehmend für meine Finanzen interessiert. Er fragte nach meinen Konten, meinen Versicherungen und meinem Testament. Claudia hatte immer wieder angedeutet, dass ein großes Haus für eine ältere Frau allein viel zu viel Arbeit sei.

Vor drei Wochen hatte Markus sogar vorgeschlagen, ich solle ihm eine Vollmacht geben.

Ich hatte abgelehnt.

Damals war er wütend geworden.

„Du vertraust mir offenbar nicht“, hatte er gesagt.

Ich hatte ihm geantwortet, dass Vertrauen nicht bedeute, auf jede Absicherung zu verzichten.

Offenbar hatte er diese Antwort nicht vergessen.

Am nächsten Morgen bat ich Frau Keller, meine Anwältin zu kontaktieren.

Ihr Name war Dr. Sophie Hartmann. Sie betreute mich seit vielen Jahren und kannte meine familiären Verhältnisse genau.

Als sie mein Krankenzimmer betrat, blieb sie erschrocken in der Tür stehen.

„Elisabeth! Was ist passiert?“

Ich erzählte ihr die ganze Geschichte.

Sie hörte schweigend zu. Als ich fertig war, öffnete sie ihre Aktentasche und legte einen Ordner auf meinen Nachttisch.

„Es gibt etwas, das Sie wissen sollten“, sagte sie.

„Was denn?“

„Vor einigen Monaten haben Sie mich gebeten, Ihre Vermögensangelegenheiten neu zu ordnen. Erinnern Sie sich?“

Ich nickte.

Damals hatte ich beschlossen, einige Dokumente zu aktualisieren. Ich wollte sicherstellen, dass mein Haus, meine Ersparnisse und die kleine Stiftung meines verstorbenen Mannes nach meinen eigenen Vorstellungen verwaltet wurden.

„Ich habe sämtliche Änderungen ordnungsgemäß dokumentiert“, erklärte Sophie. „Markus hat keinerlei automatische Ansprüche auf Ihr Vermögen. Und eine Vollmacht hat er ebenfalls nicht.“

Ich atmete erleichtert aus.

Doch Sophie war noch nicht fertig.

„Außerdem habe ich vor wenigen Tagen eine Nachricht von Ihrer Bank erhalten. Jemand hat versucht, Informationen über Ihre Konten anzufordern. Die Anfrage wurde abgelehnt.“

Ich sah sie fassungslos an.

„Wer war das?“

Sophie legte mir eine Kopie des Schreibens hin.

Als ich den Namen las, wurde mir kalt.

**Markus Berger.**

Mein eigener Sohn hatte bereits versucht, sich Zugang zu meinen finanziellen Angelegenheiten zu verschaffen.

Nun ergab vieles einen Sinn.

Ich sah zu Sophie.

„Was kann ich tun?“

„Zunächst sorgen wir dafür, dass alle Unterlagen gesichert sind. Die Polizei wird die Vorfälle untersuchen. Und Sie sollten keine persönlichen Treffen mit Markus vereinbaren, solange die Ermittlungen laufen.“

Ich nickte.

Dann nahm ich Sophies Hand.

„Ich möchte nicht, dass er einfach davonkommt.“

„Das wird nicht von Ihnen allein abhängen“, antwortete sie. „Aber Sie können dafür sorgen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.“