Teil 2: Der Fremde, der jeden Abend allein aß
Der Regen hatte bereits am frühen Nachmittag begonnen.
Er fiel in dünnen, silbernen Fäden vom Himmel und verwandelte die Straßen der kleinen Stadt in glänzende Spiegel. Die Menschen eilten mit hochgezogenen Schultern aneinander vorbei, hielten ihre Taschen über den Kopf und suchten Schutz unter den Vordächern der Geschäfte.
Niemand schien Zeit zu haben.
Niemand schien jemanden sehen zu wollen.
Und inmitten dieses geschäftigen Treibens saß ein alter Mann auf einer Bank vor einer geschlossenen Bäckerei.
Sein Name war Friedrich Weber.
Er war zweiundsiebzig Jahre alt, trug einen abgenutzten braunen Mantel und hielt eine kleine Papiertüte auf seinem Schoß. Darin lag ein trockenes Brötchen, das er am Morgen gekauft hatte.
Seit seine Frau vor drei Jahren gestorben war, hatte Friedrich sich daran gewöhnt, allein zu sein.
Zuerst hatte er geglaubt, die Stille würde mit der Zeit leichter werden. Seine Frau Anna war schließlich lange krank gewesen, und er hatte sich in den letzten Monaten ihres Lebens darauf vorbereitet, irgendwann ohne sie weiterleben zu müssen.
Doch niemand hatte ihm erklärt, dass man sich auch auf etwas vorbereiten konnte, ohne jemals wirklich bereit dafür zu sein.
Die ersten Wochen nach ihrem Tod waren voller Menschen gewesen. Nachbarn hatten Essen gebracht, Verwandte hatten angerufen, und Freunde waren vorbeigekommen, um nach ihm zu sehen.
Alle hatten gesagt, dass er sich melden solle, wenn er etwas brauche.
Friedrich hatte sich bedankt.
Er hatte gelächelt.
Und er hatte niemanden angerufen.
Nicht, weil er keine Hilfe gebraucht hätte.
Sondern weil er nicht wusste, wie man jemandem erklärte, dass die schwierigsten Stunden nicht unbedingt die waren, in denen man weinte.
Es waren die gewöhnlichen Stunden.
Das Frühstück für eine Person.
Der freie Stuhl am Küchentisch.
Die zweite Tasse, die er manchmal aus Gewohnheit aus dem Schrank nahm, bevor ihm einfiel, dass Anna nicht mehr da war.
Und die Abende, an denen er etwas Interessantes im Radio hörte und sich automatisch zu seiner Frau umdrehen wollte, um es ihr zu erzählen.
Dann erinnerte er sich.
Und die Stille begann von vorn.
An diesem Nachmittag hatte Friedrich seinen kleinen Spaziergang gemacht, wie er es fast jeden Tag tat. Er ging gewöhnlich bis zum Marktplatz, kaufte ein Brötchen und setzte sich auf die Bank vor der Bäckerei.
Früher hatte Anna ihn begleitet.
Sie hatte immer behauptet, dass die Brötchen dort am besten schmeckten, obwohl Friedrich überzeugt war, dass sie einfach nur den Bäcker mochte.
Jetzt saß er allein dort.
Der Regen wurde stärker.
Friedrich öffnete die Papiertüte, brach ein kleines Stück vom Brötchen ab und betrachtete die Menschen, die vorbeigingen.
Ein junger Mann telefonierte laut.
Zwei Frauen lachten unter einem großen Regenschirm.
Ein Vater trug sein kleines Kind auf den Armen, während die Mutter versuchte, den Kinderwagen über eine Pfütze zu schieben.
Friedrich sah ihnen nach.
Dann senkte er den Blick.
„Na, Anna“, murmelte er leise, „heute ist es wieder ein bisschen einsam.“
Niemand antwortete.
Natürlich nicht.
Er lächelte trotzdem, so wie er es immer tat, wenn er mit seiner verstorbenen Frau sprach.
Dann hörte er Schritte.
„Entschuldigung, ist hier noch frei?“
Friedrich hob den Kopf.
Vor ihm stand ein junger Mann mit einer dunkelblauen Jacke. Seine Haare waren vom Regen durchnässt, und in einer Hand hielt er eine Papiertüte aus dem nahe gelegenen Supermarkt.
Friedrich rückte ein Stück zur Seite.
„Natürlich.“
Der junge Mann setzte sich.
Für einige Sekunden sagten beide nichts.
Dann blickte der Fremde auf die Papiertüte in Friedrichs Händen.
„Ist das ein Brötchen von der Bäckerei dort?“
Friedrich nickte.
„Seit Jahren kaufe ich dort. Die sind nicht mehr ganz so gut wie früher, aber man gewöhnt sich daran.“
Der junge Mann lächelte.
„Vielleicht liegt es daran, dass Sie früher jemanden hatten, mit dem Sie sie geteilt haben.“
Friedrich sah ihn überrascht an.
Der Fremde schien selbst erstaunt darüber, was er gerade gesagt hatte.
„Entschuldigung“, fügte er schnell hinzu. „Das war unhöflich. Ich wollte nicht—“
„Nein“, unterbrach Friedrich ihn sanft. „Sie haben recht.“
Er blickte auf das Brötchen.
„Meine Frau mochte diese Bäckerei. Sie sagte immer, dass der Bäcker das beste Brot der Stadt mache. Ich habe ihr nie geglaubt.“
„Und jetzt?“
Friedrich lächelte traurig.
„Jetzt würde ich vieles dafür geben, noch einmal mit ihr darüber zu streiten.“
Der junge Mann antwortete nicht sofort.
Er griff in seine Tüte und holte zwei belegte Brote heraus.
„Ich habe zu viel gekauft“, sagte er. „Möchten Sie eines?“
Friedrich wollte ablehnen.
Das tat er immer.
Er wollte niemandem zur Last fallen. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, dass er Hilfe brauchte. Und vor allem wollte er nicht, dass jemand aus Mitleid bei ihm blieb.
Doch der junge Mann hielt ihm das Brot einfach hin.
Er machte kein großes Aufheben daraus.
Er fragte nicht nach seiner Geschichte.
Er sah ihn nicht an, als wäre er ein bedauernswerter alter Mann.
Er teilte lediglich sein Essen.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



