Sie hatte sie vor zwei Tagen in einem Papierkorb gefunden.

Die meisten Menschen hätten sie weggeworfen.

Mara nicht.

Menschen hinterließen immer Dinge.

Eine Karte.

Einen Schlüssel.

Eine Notiz.

Eine Gewohnheit.

Man musste nur geduldig genug sein.

Das Gerät blinkte erneut.

Diesmal grün.

Die Tür öffnete sich.

Der Raum war kleiner, als sie erwartet hatte.

Regale.

Akten.

Alte Trainingsberichte.

Nichts Besonderes.

Aber genau das war verdächtig.

Fort Grafton war eine Einrichtung, in der jedes Stück Papier verfolgt wurde.

Jede Bewegung.

Jede Übergabe.

Jede Änderung.

Doch in diesem Raum fehlten Dinge.

Nicht viele.

Nur genug, um jemandem aufzufallen, der wusste, wonach er suchte.

Mara ging die Reihen entlang.

Personalakten.

Ausbildungsberichte.

Versetzungen.

Dann blieb sie stehen.

Eine Schublade war leer.

Nicht vollständig.

Ein Ordner fehlte.

Nur einer.

Sie zog das Etikett heraus.

Darauf stand:

SICHERHEITSANALYSE – INTERN

Darunter:

Projekt: HAWKSTONE

Mara erstarrte.

Nicht wegen des Namens.

Wegen der Tatsache, dass sie ihn kannte.

Sie hatte ihn vor drei Jahren gesehen.

In einem Bericht, der offiziell nie existiert hatte.

Ein Bericht über Soldaten, die innerhalb verschiedener Einheiten auffällig oft nach Beschwerden versetzt wurden.

Soldaten, die plötzlich ihre Aussagen zurückzogen.

Soldaten, die ihre Karrieren verloren.

Damals hatte Mara geglaubt, es handele sich um Einzelfälle.

Dann verschwand ihr Bruder.

Sie hörte ein Geräusch.

Nicht laut.

Nur ein kaum wahrnehmbares Knarren.

Eine Tür.

Mara schloss die Schublade.

Zu langsam.

Eine Sekunde zu spät.

„Interessanter Ort, um seine Freizeit zu verbringen.“

Die Stimme kam aus dem Eingang.

Mara drehte sich um.

Sergeant Brock Vance stand dort.

Keine Trainingskleidung.

Keine Handschuhe.

Nur Uniform.

Sein Gesicht zeigte keine Wut.

Das war schlimmer.

Wut war vorhersehbar.

Ruhe bedeutete Berechnung.

„Ich könnte dasselbe über Sie sagen“, antwortete Mara.

Vance trat in den Raum.

Die Tür hinter ihm schloss sich.

„Sie wissen, was ich an Ihnen interessant finde?“

Mara sagte nichts.

„Sie versuchen sehr hart, gewöhnlich zu wirken.“

Er kam näher.

„Aber gewöhnliche Menschen bewegen sich nicht so.“

Mara blieb ruhig.

„Sie interpretieren zu viel.“

„Nein.“

Vance schüttelte langsam den Kopf.

„Ich interpretiere zu wenig. Das war mein Fehler heute.“

Er blieb vor ihr stehen.

„Ich dachte, Sie wären nur jemand, der besser kämpft, als er sollte.“

Eine Pause.

„Aber jetzt denke ich, dass Sie jemand sind, der absichtlich schlechter aussieht, als er ist.“

Mara spürte, wie sich ihre Finger leicht anspannten.

Nicht sichtbar.

Nur für sie.

„Was wollen Sie?“

Vance sah zur leeren Schublade.

Dann wieder zu ihr.

„Die gleiche Antwort wie Sie.“

„Und welche wäre das?“

Sein Blick wurde kalt.

„Wer hat Sie geschickt?“

Stille.

Mara antwortete nicht.

Vance lächelte schwach.

„Gut.“

„Gut?“

„Ja.“

Er trat einen Schritt zurück.

„Denn wenn Sie sofort gelogen hätten, hätte ich gewusst, dass Sie trainiert wurden.“

Mara betrachtete ihn.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fragte sie sich, ob sie Vance falsch eingeschätzt hatte.

Vielleicht war er nicht nur ein Problem.

Vielleicht war er jemand, der ebenfalls suchte.

„Warum interessiert Sie das?“, fragte sie.

Vance sah sie lange an.

Dann sagte er:

„Weil mein Bruder genau wegen dieser Akte verschwunden ist.“

Mara spürte, wie ihr Atem stockte.

„Was?“

Vance griff in seine Jackentasche.

Er zog ein altes Foto heraus.

Nicht neu.

Nicht sauber.

Die Kanten waren abgenutzt.

Er hielt es ihr hin.

Darauf waren zwei Männer vor einem Militärgebäude.

Ein jüngerer Brock Vance.

Und ein anderer Mann.

Mara kannte ihn nicht.

Aber sie kannte den Namen auf der Rückseite.

Sie hatte ihn in Daniels Unterlagen gesehen.

Elias Voss.

Mara hob langsam den Blick.

Vance beobachtete ihre Reaktion.

„Sie kennen diesen Namen.“

Es war keine Frage.

Mara sagte nichts.

Vance atmete schwer aus.

„Dann sind wir beide wegen derselben Sache hier.“

Eine lange Pause entstand.

Dann erklang plötzlich ein Alarm.

Nicht der normale Basisalarm.

Ein Sicherheitsalarm.

Rot.

Dringend.

Über den Lautsprechern ertönte eine verzerrte Stimme:

„Alle Sicherheitskräfte sofort zu Gebäude Sieben. Unbefugter Zugriff auf versiegelte Akten festgestellt.“

Mara und Vance sahen gleichzeitig zur Tür.

Gebäude Sieben.

Das war der alte Archivbereich.

Der Bereich, in dem die fehlende HAWKSTONE-Akte gelagert worden war.

Oder hätte gelagert werden sollen.

Vance wurde blass.

„Das ist unmöglich.“

Mara sah ihn an.

„Warum?“

Er antwortete nicht sofort.

Dann sagte er leise:

„Weil Gebäude Sieben seit zehn Jahren geschlossen ist.“

Ein weiterer Alarmton ertönte.

Und auf der kleinen Anzeige neben der Tür erschien eine neue Meldung.

ZUGRIFF ERKANNT: MARA LEE

Mara bewegte sich nicht.

Vance ebenfalls nicht.

Denn beide wussten:

Jemand hatte gerade nicht versucht, eine alte Akte zu stehlen.

Jemand hatte versucht, sie dorthin zu locken.