Vivians Gesicht blieb beinahe regungslos.

„Ethan war verletzt.“

„Und ich war allein.“

Sie blickte kurz zum Untersuchungszimmer.

„Vielleicht sollten wir diese Angelegenheit nicht auf dem Flur besprechen.“

„Vielleicht hätten Sie daran denken sollen, bevor Sie meine Tochter angesprochen haben.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür hinter mir.

Ethan stand im Eingang. Eine Pflegekraft hatte ihn offenbar davon abgehalten, weiter hinauszugehen.

„Mutter“, sagte er.

Vivian drehte sich um.

„Ethan, mein Junge.“

„Warum bist du hier?“

„Ich habe gehört, dass du im Krankenhaus bist.“

„Von wem?“

Sie antwortete nicht sofort.

Ethan sah sie eindringlich an.

„Und woher weißt du von Callie?“

Vivian atmete langsam aus.

„Weil ich seit Jahren versucht habe herauszufinden, wo Lena lebt.“

Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.

„Warum?“, fragte Ethan.

Vivian richtete ihren Mantel.

„Weil es Dinge gibt, die du nicht weißt.“

„Dann sag sie.“

Sie sah mich an, bevor sie antwortete.

„Vor acht Jahren habe ich nicht nur die Fotos gezeigt. Ich habe auch dafür gesorgt, dass Lena eine Nachricht erhielt, in der stand, du wolltest sie nie wiedersehen.“

Ethan wurde blass.

Ich konnte kaum atmen.

„Welche Nachricht?“, fragte er.

Vivian senkte den Blick.

„Eine Nachricht, die nicht von dir stammte.“

Ethan starrte sie an.

„Du hast meine Identität benutzt?“

„Ich wollte verhindern, dass du eine Entscheidung triffst, die deine Zukunft zerstört.“

„Du hast mir gesagt, Lena hätte mich verlassen!“

„Sie wäre gegangen, sobald sie verstanden hätte, was auf dem Spiel stand.“

Ich trat einen Schritt zurück.

Acht Jahre lang hatte ich geglaubt, Ethan hätte sich bewusst gegen mich und unser ungeborenes Kind entschieden. Nun stand seine Mutter vor uns und gab zu, dass sie unsere Trennung beeinflusst hatte.

Doch das machte nicht alles ungeschehen.

„Sie haben mir damals jede Möglichkeit genommen, die Wahrheit zu sagen“, erklärte ich. „Und jetzt stehen Sie hier und sprechen von Familie?“

Vivian antwortete nicht.

Ethan sah aus, als hätte er gerade einen Teil seiner Vergangenheit verloren.

„Warum hast du das getan?“, fragte er schließlich.

Vivian presste die Lippen zusammen.

„Weil du bereits verlobt warst.“

Ich runzelte die Stirn.

„Was?“

Ethan schüttelte langsam den Kopf.

„Ich war nicht verlobt.“

„Doch“, sagte Vivian. „Die Vereinbarung mit den Whitmores war bereits getroffen. Dein Großvater hatte es beschlossen. Eine Verbindung zwischen unseren Familien hätte uns damals vor dem finanziellen Zusammenbruch bewahrt.“

Ethan sah sie fassungslos an.

„Du hast meine Beziehung mit Lena zerstört, damit ich eine andere Frau heirate?“

„Ich habe versucht, die Familie zu retten.“

„Indem du mich belogen hast?“

Vivian schwieg.

Da trat eine Krankenschwester zu uns.

„Dr. Hart, Ihre Tochter ist bei Frau Jenkins. Sie möchte Sie sprechen.“

Ich nickte dankbar.

Bevor ich ging, sah ich Ethan an.

„Du musst deine Untersuchung beenden. Und danach müssen wir in Ruhe über Callie sprechen. Nicht deine Mutter, nicht deine Familie. Du und ich.“

Er nickte langsam.

„Ich verstehe.“

Doch als ich mich abwandte, hörte ich Vivian hinter mir sagen:

„Lena, warte.“

Ich blieb stehen.

Sie zog einen kleinen Umschlag aus ihrer Handtasche.

„Es gibt noch etwas, das du wissen musst.“

Auf der Vorderseite stand Callies vollständiger Name.

Darunter befand sich das Datum ihrer Geburt.

Ich nahm den Umschlag nicht entgegen.

„Was ist das?“

Vivian sah mich zum ersten Mal nicht überheblich, sondern beinahe verängstigt an.

„Eine Kopie der Unterlagen, die dein damaliger Arzt an unsere Familie geschickt hat.“

Mir stockte der Atem.

„Mein Arzt?“

„Wir wussten von deiner Schwangerschaft, bevor du Chicago verlassen hast.“

Ich starrte sie an.

„Das ist unmöglich.“

Vivian hielt mir den Umschlag hin.

„Und es gibt einen Grund, warum mein Mann damals darauf bestand, dass Ethan dich niemals wiedersehen durfte.“

Ich blickte auf den Namen meines alten Arztes.

Dann auf das Datum.

Denn es war nicht das Datum, an dem ich Chicago verlassen hatte.

Es war drei Wochen davor.

**Und plötzlich musste ich mich fragen, ob Vivian damals wirklich allein gehandelt hatte – oder ob jemand aus der Vale-Familie schon viel früher beschlossen hatte, dass Callie niemals Teil ihres Lebens werden durfte.**