Nathan stand neben meinem Bett und las die Nachricht über meine Schulter.
„Wer vertritt dich geschäftlich?“, fragte er.
„Daniel Price. Er war der langjährige Anwalt meiner Mutter.“
„Vertraust du ihm?“
Ich überlegte.
Daniel hatte mir bei der Nachlassregelung geholfen. Er hatte die Treuhandstruktur für meine Anteile erklärt und darauf bestanden, dass wichtige Unternehmensentscheidungen nicht allein vom Finanzchef getroffen werden konnten.
„Ich vertraue ihm mehr als Grant.“
„Dann ruf ihn an, sobald die Polizei es erlaubt.“
Ich nickte.
Doch bevor ich das Handy weglegen konnte, erschien eine weitere Nachricht.
Diesmal war sie von Grant.
**Rachel, ich weiß nicht, ob du mich hören kannst. Ich habe dich verloren. Ich habe unseren Sohn verloren. Ich weiß nicht, wie ich morgen aufstehen soll. Bitte, wenn es irgendwo einen Weg gibt, dass du mich hören kannst, dann verzeih mir, dass ich dich nicht besser beschützt habe.**
Ich starrte auf den Bildschirm.
Nicht besser beschützt.
Er schrieb, als wäre er ein trauernder Ehemann, nicht der Mann, der mich hinter einer verschlossenen Tür zurückgelassen hatte.
Ich wollte ihm antworten.
Ich wollte schreiben, dass ich lebte, dass Noah lebte und dass ich jedes einzelne Wort gehört hatte, das er in jener Nacht gesagt hatte.
Doch ich legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch.
Nathan sagte nichts.
Er musste es nicht.
Ich würde Grant nicht warnen. Nicht bevor die Ermittler bereit waren. Nicht bevor Noah außer Gefahr war. Und nicht bevor ich wusste, wie weit sein Plan tatsächlich reichte.
Denn plötzlich verstand ich etwas, das meine Mutter vielleicht schon vor dreißig Jahren gelernt hatte:
Die gefährlichsten Menschen sind nicht immer diejenigen, die dich offen bedrohen.
Manchmal sind es diejenigen, die deine Hand halten, während sie im Stillen die Tür hinter dir abschließen.
***
## Teil 4: Die Frau, die meinen Tod verkaufte
Am nächsten Morgen betrat Daniel Price mein Krankenzimmer mit einem Aktenkoffer und einem Gesicht, das ich noch nie an ihm gesehen hatte.
Er wirkte nicht überrascht, mich lebend zu sehen.
Er wirkte, als hätte er seit Stunden auf diesen Moment gewartet.
„Rachel“, sagte er leise. „Gott sei Dank.“
Er stellte den Koffer ab und schloss die Tür.
Nathan stand auf.
„Sie wissen, wer ich bin?“, fragte er.
Daniel sah ihn lange an.
„Ja. Evelyn hat mir von Ihnen erzählt.“
„Dann wissen Sie, warum ich hier bin.“
„Ich weiß, warum Sie hier sein sollten.“ Daniel wandte sich mir zu. „Aber zuerst müssen wir über Northstar sprechen.“
Er öffnete den Koffer und legte mehrere Dokumente auf den Tisch.
„Gestern um 6:12 Uhr hat Grant beim Vorstand beantragt, Sie für geschäftsunfähig erklären zu lassen, bis Ihr Tod offiziell bestätigt oder Ihre Rückkehr nachgewiesen ist. Er wollte, dass seine Vollmacht vorläufig auf Ihre achtundsechzig Prozent der Stimmrechte ausgeweitet wird.“
„Kann er das?“
„Nicht einfach so. Ihre Anteile liegen in einer Struktur, die Ihre Mutter sorgfältig eingerichtet hat. Grant besitzt keine automatische Verfügungsgewalt darüber. Aber er kann versuchen, eine Krise auszunutzen, um den Vorstand zu einer vorläufigen Entscheidung zu bewegen.“
Daniel schob mir ein weiteres Blatt hin.
„Und genau das hat er versucht.“
Ich überflog die erste Seite.
Drei Vorstandsmitglieder hatten eine außerordentliche Sitzung einberufen. Grant hatte vorgeschlagen, Northstar vorübergehend unter die Führung eines externen Sanierungsteams zu stellen.
Die Firma, die er dafür empfohlen hatte, hieß **Ellis Strategic Partners**.
Brookes Unternehmen.
Ich hob den Kopf.
„Sie wollte also nicht nur die Versicherung.“
„Das wissen wir noch nicht“, sagte Daniel. „Aber die vorgeschlagene Vereinbarung hätte Ellis Strategic Partners Zugriff auf sensible Finanzdaten und mehrere langfristige Verträge verschafft. Unter bestimmten Bedingungen hätte die Firma außerdem eine Beratungsgebühr erhalten, die sich nach dem Wert der umstrukturierten Unternehmensbereiche richtete.“
„Und Grant hätte davon profitiert.“
„Möglicherweise. Wir müssen die Zahlungswege prüfen, bevor wir Schlussfolgerungen ziehen.“
Ich sah auf die Unterlagen hinunter.
„Er wollte meine Firma übernehmen, während alle glaubten, ich sei tot.“
„Ja.“
Zum ersten Mal seit meinem Erwachen spürte ich keine Angst.
Nur Klarheit.
„Was müssen wir tun?“
Daniel schloss den Koffer halb.
„Wir müssen den Vorstand daran hindern, irreversible Entscheidungen zu treffen. Dafür brauchen wir Ihre bestätigte Identität und eine rechtlich belastbare Erklärung Ihrer Handlungsfähigkeit. Außerdem sollten wir Ihre Unternehmenszugänge sichern und jede Kommunikation dokumentieren.“
„Dann tun wir das.“
Daniel nickte.
„Es gibt allerdings ein Problem. Grant hat heute Nachmittag eine Pressekonferenz angekündigt. Er will öffentlich erklären, dass Sie und Noah bei dem Brand ums Leben gekommen sind.“
Ich blickte zu Nathan.
Er sagte nichts, aber sein Kiefer spannte sich an.
„Er will meinen Tod offiziell machen, bevor jemand ihn infrage stellen kann“, sagte ich.
„Genau.“
Ich nahm das Handy vom Tisch.
„Dann muss er erfahren, dass er sich geirrt hat.“
Daniel hob warnend eine Hand.
„Nicht direkt. Noch nicht. Die Polizei muss entscheiden, wann und wie Ihre Identität öffentlich bestätigt wird. Wir sollten ihm keine Gelegenheit geben, Beweise zu vernichten oder seine Geschichte anzupassen.“
Ich legte das Handy wieder hin.
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