— Er hat mir versichert, dass die Firma uns beiden gehört.

Clara schloss die Augen.

Das versöhnte sie nicht mit Lucía, offenbarte aber eine weitere Ebene der Täuschung.

— Was hat er dir noch erzählt?

Lucía erklärte sich schließlich bereit, sie in einem Café in Chamberí zu treffen.

Sie kam ohne Hugo.

Sie sah erschöpft aus.

Sie erzählte, dass sie Álvaro auf einem medizinischen Kongress in Sevilla kennengelernt hatte.

Er habe ihr gesagt, seine Ehe sei emotional längst beendet und er lebe nur aus finanziellen und geschäftlichen Gründen weiterhin mit Clara zusammen.

Als Lucía schwanger wurde, versprach Álvaro, sich scheiden zu lassen.

Das tat er nie.

Stattdessen mietete er eine Wohnung in Málaga und begann, einige Wochenenden dort zu verbringen.

— Ich wusste, dass er noch verheiratet war — gab Lucía zu.

— Ich werde nicht so tun, als hätte ich es nicht gewusst.

Aber ich glaubte, ihr wärt getrennt, auch wenn ihr noch zusammenwohntet.

Clara hielt ihre Stimme ruhig.

— Und trotzdem hast du dich auf ihn eingelassen.

Lucía senkte den Blick.

— Ja.

— Dann sind wir weder Freundinnen noch auf dieselbe Weise Opfer.

— Ich weiß.

Zumindest versuchte sie mit dieser Antwort nicht, sich selbst reinzuwaschen.

Dann holte Lucía eine Kinderakte aus ihrer Tasche.

Darin befanden sich Kopien von Nachrichten, Kostenvoranschlägen und E-Mails.

— Er wollte eine Wohnung kaufen.

Clara blätterte durch die Unterlagen.

Es handelte sich um ein Penthouse für 485.000 Euro in der Nähe von Málaga.

Álvaro hatte eine Anzahlung von 30.000 Euro geleistet.

Weitere 70.000 Euro sollten noch vor Monatsende gezahlt werden.

— Er hat mir gesagt, das Geld stamme aus dem Verkauf von Unternehmensanteilen — erklärte Lucía.

Clara fand die Kontonummer, von der die Anzahlung überwiesen worden war.

Es war kein Privatkonto.

Es gehörte Soluciones Cantábrico SL.

Der Firma von Álvaros Vater.

2 Tage später war die vollständige Prüfung abgeschlossen.

Das Ergebnis war schlimmer als erwartet.

Innerhalb von 4 Jahren hatte Álvaro durch private Ausgaben, fingierte Rechnungen und verdeckte Überweisungen insgesamt 312.400 Euro abgezweigt.

Von diesem Betrag waren etwa 71.000 Euro für die Wohnung, Reisen und andere Ausgaben im Zusammenhang mit Lucía und Hugo verwendet worden.

Weitere 146.000 Euro waren über die Firma seines Vaters geflossen.

Der Rest verteilte sich auf Restaurants, private Einkäufe, Hotelbuchungen, ein Fahrzeug, von dem Clara geglaubt hatte, es sei ein Firmenmietwagen, sowie verschiedene Bargeldabhebungen.

Doch es gab noch etwas wesentlich Schwerwiegenderes.

Die Prüferin hatte Entwürfe von E-Mails gefunden, die vom Tablet wiederhergestellt worden waren, das Álvaro benutzt hatte.

In einer davon, die 8 Monate zuvor an seinen Vater geschickt worden war, schrieb Álvaro davon, „ein ausreichend großes Polster anzusammeln, bevor ich gehe“.

In einer anderen schrieb er:

„Wenn ich draußen 250.000 zusammenhabe, kann ich aus einer anderen Position verhandeln.

Clara glaubt, alles sei unter Kontrolle.“

Er hatte nicht impulsiv gestohlen, um eine Affäre zu finanzieren.

Er hatte sich eine finanzielle Reserve aufgebaut, bevor er die Ehe verlassen wollte.

In diesem Moment verstand Clara die wahre Bedeutung dieser 27 Monate Mietzahlungen.

Álvaro hatte nicht nur eine zweite Familie gegründet.

Er hatte die erste benutzt, um seinen Weg in die zweite zu finanzieren.

Noch am selben Nachmittag unterschrieb sie den Scheidungsantrag.

Außerdem ermächtigte sie Sergio, Schritte einzuleiten, um die abgezweigten Beträge zurückzufordern.

— Willst du Strafanzeige erstatten? — fragte er.

Clara betrachtete die Beweise.

— Ich will, dass er für das geradesteht, was er getan hat.

Aber niemand wird Geld antasten, das rechtmäßig für Hugos Versorgung bestimmt ist.

Sergio nickte.

— Das sind 2 verschiedene Dinge.

— Genau.

Das Kind ist keine Schuld.

Álvaros Familie reagierte noch schlimmer, als Clara erwartet hatte.

Ihre Schwiegermutter Mercedes erschien ohne Termin in ihrem Büro.

— Du zerstörst meinen Sohn.

Clara schloss die Tür.

— Ihr Sohn hat Geld aus meiner Firma genommen.

— Weil er verzweifelt war.

— Weswegen verzweifelt?

Weil er 2 Leben finanzieren musste?

Mercedes drückte ihre Handtasche an die Brust.

— Du hast immer die Arbeit an die erste Stelle gesetzt.

Clara hatte das Gefühl, diese Argumentation wiederzuerkennen.

— Wussten Sie auch von Hugo?

Mercedes antwortete nicht.

Das genügte.

— Seit wann?

— Seit seiner Geburt.

Diese Worte taten auf eine andere Weise weh.

3 Jahre lang hatte Mercedes an Weihnachten mit Clara zu Abend gegessen, ihre Geburtstage gefeiert, Geschenke angenommen und gefragt, wann sie ihr endlich ein Enkelkind schenken würden.

Und die ganze Zeit über hatte sie bereits eines gehabt.

— Haben Sie jemals daran gedacht, es mir zu sagen?

— Álvaro hat immer versprochen, dass er alles regeln würde.

— Nein.

Er hat versprochen, genug Geld zusammenzubekommen, um bequem gehen zu können.

Clara legte eine Kopie der E-Mail auf den Tisch.

Mercedes las sie.

Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich.

— Davon wusste ich nichts.

— Aber Sie wussten genug.

Die Frau begann zu weinen.

— Er ist mein Sohn.

— Und ich war Ihre Schwiegertochter.