In seinem Heimatdorf Swetlen nannten ihn die Menschen inzwischen den Mann, der mit leeren Taschen nach Hause zurückgekehrt war und ein medizinisches Zentrum gebaut hatte, das selbst die reichsten Familien der Umgebung beeindruckte.
Seine Mutter war wieder zu Kräften gekommen. Sein Vater konnte mit einem Stock kurze Strecken gehen. Seine Schwester Elena leitete das Zentrum mit einer Hingabe, die Nikolay jeden Tag stolz machte.
Doch trotz all dieser Veränderungen gab es Nächte, in denen er wach lag und an Layla dachte.
An ihre ruhige Stimme.
An ihre durchdringenden Augen.
Und an die letzte Unterhaltung, die sie miteinander geführt hatten.
Damals, wenige Tage vor ihrem Tod, hatte sie seine Hand genommen und gesagt:
„Nikolay, wenn du jemals glaubst, dass deine Geschichte mit mir zu Ende ist, dann irrst du dich.“
Er hatte gelächelt und ihre Hand vorsichtig zurück auf die Decke gelegt.
„Sie haben mir bereits mehr gegeben, als ich jemals zurückzahlen könnte.“
Layla hatte den Kopf geschüttelt.
„Ich spreche nicht von Geld.“
Damals hatte er nicht verstanden, was sie meinte.
Nun sollte er es erfahren.
***
An einem regnerischen Dienstag erhielt Nikolay einen Brief aus Dubai.
Der Umschlag trug den Namen einer Anwaltskanzlei, die er kannte. Er öffnete ihn am Küchentisch, während seine Mutter neben ihm Gemüse für das Abendessen schnitt.
Darin befand sich eine Einladung zu einem Treffen mit Laylas ehemaligem Anwalt, Herrn Farid Mansour.
Doch es gab noch etwas.
Ein kleiner, handgeschriebener Zettel.
Nikolay erkannte Laylas Schrift sofort.
*An Nikolay.*
*Wenn du diesen Brief erhältst, bedeutet das, dass du dir in deinem neuen Leben etwas aufgebaut hast. Ich hoffe, du bist glücklich. Ich hoffe, du hast gelernt, dass dein Wert niemals von deinem Kontostand abhängt.*
*Aber ich habe dir nicht alles erzählt.*
*Bitte komm nach Dubai. Es gibt eine Wahrheit über meine Familie, die du kennen musst. Und es gibt etwas, das ich dir anvertraut habe, ohne dass du es jemals bemerkt hast.*
*In Dankbarkeit,*
*Layla.*
Nikolay las den Brief zweimal.
Dann stand er auf, ging zum Fenster und blickte auf den kleinen Garten, den sein Vater hinter dem Haus angelegt hatte.
Er hatte geglaubt, Layla habe ihm bereits ihr größtes Geheimnis offenbart.
Was konnte noch übrig sein?
***
Zwei Wochen später landete Nikolay erneut in Dubai.
Die Stadt hatte sich verändert, zumindest schien es ihm so. Neue Türme ragten in den Himmel, Straßen waren verbreitert worden, und selbst die Gegend um Laylas Anwesen wirkte fremd.
Als er vor dem großen Tor stand, wurde er von einem älteren Wachmann begrüßt.
„Herr Dimitrov?“
Nikolay nickte.
Der Mann lächelte traurig.
„Frau Layla hat uns gesagt, dass Sie eines Tages zurückkommen würden.“
Das Tor öffnete sich.
Im Haus roch es noch immer nach Jasmin und poliertem Holz. Die großen Fenster ließen das Sonnenlicht auf den Marmorboden fallen. Doch die Räume waren still geworden.
Laylas Rollstuhl stand nicht mehr am Fenster.
Auf dem kleinen Tisch daneben lag ein Buch, das sie häufig gelesen hatte.
Nikolay berührte den Einband.
Für einen Moment war es, als würde sie gleich aus ihrem Arbeitszimmer kommen und ihn fragen, warum er so ernst schaue.
Doch es blieb still.
„Herr Mansour erwartet Sie in der Bibliothek“, sagte der Wachmann.
Nikolay folgte ihm.
Der Anwalt war inzwischen fast achtzig Jahre alt. Er stand langsam auf, als Nikolay eintrat, und reichte ihm die Hand.
„Sie sehen gut aus, junger Mann.“
„Ich hoffe, Sie können mir erklären, warum ich hier bin.“
Mansour deutete auf einen Stuhl.
„Das kann ich. Aber zuerst muss ich Ihnen etwas über die Frau erzählen, die Sie geheiratet haben.“
Nikolay setzte sich.
Der Anwalt öffnete eine Schublade und legte ein altes Foto auf den Tisch.
Es zeigte Layla als junge Frau, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, neben einem Mann in einem dunklen Anzug. Zwischen ihnen stand ein kleines Mädchen mit lockigem Haar.
Nikolay betrachtete das Bild.
„Wer ist das?“
„Laylas Tochter.“
Er hob überrascht den Kopf.
„Ihre Tochter? Aber ich dachte, sie hätte keine Kinder.“
„So hat man es Ihnen erzählt. Und Layla hat Sie nie korrigiert.“
Mansour faltete die Hände.
„Layla hatte tatsächlich eine Tochter. Ihr Name war Mariam. Sie starb vor vielen Jahren bei einem Unfall, als sie noch sehr jung war.“
Nikolay betrachtete erneut das Foto.
„Warum hat Layla nie über sie gesprochen?“
„Weil der Tod ihrer Tochter nicht nur Trauer in ihr Leben brachte. Er zerstörte auch ihre Ehe und löste einen erbitterten Streit innerhalb der Familie aus.“
Der Anwalt machte eine Pause.
„Nach Mariams Tod behaupteten einige Verwandte, Layla sei nicht mehr in der Lage, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Sie wollten die Kontrolle über ihr Vermögen übernehmen. Layla kämpfte jahrelang dagegen an. Schließlich zog sie sich zurück und ließ viele Menschen glauben, sie habe niemanden mehr.“
Nikolay dachte an die Frau, die ihm einst gesagt hatte, sie brauche jemanden, der arm genug sei, Geld zu benötigen, aber ehrlich genug, seine Seele nicht zu verkaufen.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



