Das Foto war einige Wochen zuvor aufgenommen worden.

Auf der Rückseite hatte jemand eine Adresse, eine Uhrzeit und die folgenden Worte geschrieben:

„Ihr Sohn hat das alles eingefädelt.“

Ich starrte auf diese Worte und konnte nicht glauben, was ich da sah.

Das Schlimmste war nicht einmal, dass ein Fremder meine Einsamkeit ausgenutzt und mich ausgeraubt hatte.

Was aber weitaus erschreckender war, war die Erkenntnis, dass unser Treffen in der Bar wahrscheinlich nie ein Zufall gewesen war.

Daniel wusste schon genau, wer ich war, bevor er sich überhaupt meinem Tisch näherte.

Das bedeutete also, dass jemand aus meinem engsten Umfeld ihm geholfen hatte, diese ganze Täuschung zu inszenieren.

# TEIL 2: Mein eigener Sohn hatte mich an meinem 62. Geburtstag an einen Fremden ausgeliefert – doch als ich die Wahrheit über seinen Plan erfuhr, brach mein Herz endgültig

Ich stand mitten in meinem Schlafzimmer und starrte auf den leeren Safe.

Das Foto meines Sohnes lag noch immer auf dem Tisch.

Mein erster Impuls war, ihn sofort anzurufen. Doch ich hielt inne. Wenn er tatsächlich an dem Diebstahl beteiligt war, durfte ich ihn nicht einfach warnen.

Mit zitternden Fingern wählte ich den Notruf.

Wenig später trafen zwei Polizeibeamte ein. Sie hörten sich meine Geschichte an, fotografierten den leeren Safe und nahmen das Bild von Daniel und meinem Sohn als Beweismittel auf.

„Haben Sie eine Vermutung, warum Ihr Sohn so etwas tun sollte?“, fragte einer der Beamten.

Ich schüttelte den Kopf.

„Er ist mein Sohn. Ich habe ihn großgezogen. Ich habe ihm vertraut.“

Der Beamte nickte verständnisvoll.

„Wir werden der Sache nachgehen. Bitte verändern Sie bis dahin nichts weiter in der Wohnung.“

Dann fiel mir etwas ein.

Vor einigen Wochen hatte mein Sohn Markus mich besucht. Er hatte gefragt, ob ich meine wichtigen Dokumente noch immer im Safe aufbewahrte. Damals hatte ich mir nichts dabei gedacht. Er hatte sogar angeboten, mir bei der Ordnung meiner Unterlagen zu helfen.

War das der Moment gewesen, in dem er erfahren hatte, was sich darin befand?

***

Am Nachmittag erhielt ich einen Anruf von einer unbekannten Nummer.

„Mama?“

Es war Markus.

Meine Kehle wurde trocken.

„Wo bist du?“

„Ich muss mit dir reden.“

„Dann erklär mir, warum du auf einem Foto neben dem Mann stehst, der mich ausgeraubt hat.“

Am anderen Ende blieb es still.

„Mama, bitte. Du verstehst das alles falsch.“

„Dann erklär es mir.“

Er atmete hörbar aus.

„Ich habe Daniel nur einmal getroffen. Er sagte, er könne mir helfen, eine finanzielle Angelegenheit zu regeln.“

„Welche finanzielle Angelegenheit?“

Wieder Stille.

Dann sagte er etwas, das ich nie erwartet hätte:

„Ich habe Schulden, Mama. Mehr, als du dir vorstellen kannst.“

Ich setzte mich auf die Bettkante.

Markus erzählte, dass er vor Monaten Geld geliehen hatte. Anfangs hatte er geglaubt, die Schulden schnell zurückzahlen zu können. Doch die Situation war immer schwieriger geworden.

Daniel hatte ihn über einen gemeinsamen Bekannten kennengelernt. Er hatte Markus versprochen, ihm bei seinen Problemen zu helfen.

Im Gegenzug sollte Markus ihm Informationen über mich geben.

„Du hast ihm also erzählt, wo ich wohne, wann ich allein bin und was ich im Safe aufbewahre?“, fragte ich.

„Ich dachte nicht, dass er so weit gehen würde!“

„Aber du wusstest, dass er mich kennenlernen wollte.“

Markus begann zu weinen.

„Es tut mir leid, Mama.“

Ich schloss die Augen.

„Eine Entschuldigung bringt mir den Schmuck meiner Mutter nicht zurück. Und sie macht aus deinem Verrat keinen Irrtum.“

Dann beendete ich das Gespräch.

***

Am nächsten Morgen meldete sich die Polizei erneut.

Sie hatten Daniel anhand der Aufnahmen aus der Bar und weiterer Hinweise identifiziert. Außerdem gab es eine Verbindung zwischen ihm und Markus, die nun genauer untersucht wurde.

Die Beamten baten mich, zu einer weiteren Befragung zu kommen.

Dort erfuhr ich, dass Daniel offenbar nicht nur meinen Schmuck und mein Geld im Blick gehabt hatte.

Er hatte auch versucht, an Informationen über meine Eigentumswohnung zu gelangen.

Einige Tage vor meinem Geburtstag hatte Markus ihn offenbar mit Unterlagen versorgt, die er während eines früheren Besuchs bei mir gesehen hatte.

„Wir prüfen gerade, ob weitere Personen beteiligt waren“, erklärte die Ermittlerin. „Und wir möchten wissen, ob Sie jemals Dokumente unterschrieben haben, deren Inhalt Ihnen nicht vollständig erklärt wurde.“

Ich dachte nach.

Dann erinnerte ich mich an einen Nachmittag, an dem Markus mich gebeten hatte, einige Unterlagen für eine angebliche Versicherungsangelegenheit zu unterschreiben.

Ich hatte damals mehrere Seiten unterschrieben, ohne jede einzelne genau zu prüfen.

Mir wurde schlecht vor Sorge.

Die Ermittlerin bat mich, nicht selbst Nachforschungen anzustellen und sämtliche vorhandenen Unterlagen zu sichern.

***

Zwei Tage später stand Markus vor meiner Tür.

Ich öffnete nicht sofort.

Durch den Türspion sah ich, dass er einen kleinen Karton in den Händen hielt.

„Mama, bitte. Ich möchte dir etwas zurückgeben.“

Ich ließ ihn schließlich herein, blieb aber auf Abstand.

Er stellte den Karton auf den Tisch.

Darin lag das Schmuckkästchen meiner Mutter.