Gabriel nahm ihre Hand.

„Dann werden wir mit den anderen Menschen weiter dafür kämpfen, dass die Stadt die Regeln einhält. Nicht mit Fäusten. Mit Beweisen, mit Zeugen und indem wir zusammenhalten.“

Valentina dachte nach.

„So wie Mama den Garten gebaut hat?“

„Genau so.“

Zum ersten Mal seit Tagen lächelte sie.

## 638 Unterschriften – und eine fehlende Seite

Am folgenden Montag fand im Rathaus eine Anhörung zum Bauprojekt statt.

Gabriel erschien mit einem Anwalt, Vertretern der Nachbarschaft und mehreren Bewohnern, die sich für den Erhalt des Parks einsetzten.

Er legte die Unterschriftenliste vor und erklärte, welche geschützten Arten in der ursprünglichen Prüfung nicht berücksichtigt worden waren. Die Umweltbehörde bestätigte, dass bestimmte Angaben erneut geprüft werden müssten.

Dann kam der Vorfall mit Santiago zur Sprache.

Gabriel übergab die gesicherten Aufnahmen über den vorgesehenen rechtlichen Weg. Die Zeugen erklärten, was sie beobachtet hatten.

Ernesto erschien ebenfalls.

Er trug einen tadellosen Anzug und sprach mit ruhiger Stimme.

„Die Firma verurteilt jede Form von Einschüchterung“, erklärte er. „Der Vorfall zwischen jungen Menschen im Park wird untersucht. Er sollte nicht mit einem ordnungsgemäß genehmigten Bauvorhaben vermischt werden.“

Gabriel stand auf.

„Dann dürfte es kein Problem sein, wenn auch das Bauvorhaben unabhängig überprüft wird.“

Ein leises Murmeln ging durch den Raum.

Ernesto sah ihn an.

„Sie wollen aus einem persönlichen Streit eine öffentliche Angelegenheit machen.“

„Nein“, antwortete Gabriel. „Die Bäume, der Teich und die geschützten Tiere sind keine persönliche Angelegenheit. Sie gehören zu einem Ort, den Tausende Menschen nutzen.“

Die Vorsitzende der Anhörung unterbrach das Gespräch.

Sie erklärte, dass bis zum Abschluss der zusätzlichen Prüfung keine irreversiblen Arbeiten in den umstrittenen Bereichen beginnen dürften.

Das war kein endgültiger Sieg.

Aber es war Zeit.

Zeit, um die Unterlagen zu prüfen. Zeit, weitere Zeugen zu finden. Zeit, den Park zu schützen, ohne dass jemand seine Sicherheit aufs Spiel setzen musste.

Als Gabriel das Rathaus verließ, wartete Valentina mit ihrer Tante auf den Stufen.

Sie lief zu ihm und umarmte ihn.

„Dürfen wir wieder zu den Enten?“

Gabriel lächelte.

„Ja. Aber wir gehen nicht allein, und wir bleiben dort, wo andere Menschen in der Nähe sind.“

„Und nehme ich mein Notizbuch mit?“

„Natürlich.“

Sie strahlte.

Doch als Gabriel sein Telefon überprüfte, entdeckte er eine neue Nachricht von einer unbekannten Nummer.

Es war ein Foto des Parks.

Auf dem Bild war der alte Baum zu sehen, unter dem Marisol einst das erste Vogelhäuschen mit Valentina gebaut hatte.

Darunter stand:

„Du hast die Bauarbeiten verzögert. Aber du hast noch nicht herausgefunden, wer die Umweltprüfung unterschrieben hat.“

Gabriel betrachtete die Nachricht aufmerksam.

Denn er hatte die Dokumente gelesen.

Die Unterschrift gehörte einem städtischen Prüfer, der behauptete, die gefährdeten Arten seien bei der Begehung nicht festgestellt worden.

Doch ein Bewohner des Viertels hatte Gabriel am Morgen etwas anderes erzählt: Der Prüfer war nie allein im Park gewesen.

Jemand von der Baufirma hatte ihn begleitet.

Und dieser Mensch war auf keiner offiziellen Besuchsliste vermerkt.

Gabriel steckte sein Telefon ein.

Er würde die Nachricht sichern, sie seinem Anwalt übergeben und den Hinweis an die zuständigen Stellen weiterleiten.

Dann nahm er Valentinas Hand.

„Komm“, sagte er. „Wir sehen nach den Enten.“

„Papa?“

„Ja?“

„Bist du immer noch El Silencio?“

Gabriel blickte auf den Park, auf die alten Bäume und auf seine Tochter.

„Vielleicht“, sagte er. „Aber ich möchte lieber der Vater sein, auf den du dich verlassen kannst.“

Valentina drückte seine Hand.

Und während sie gemeinsam zum Teich gingen, wusste Gabriel, dass der nächste Kampf nicht im Ring stattfinden würde.

Er würde in Akten, Zeugenaussagen und Sitzungen ausgetragen werden.

Und diesmal würde er nicht allein kämpfen.

Doch irgendwo in Morelia saß ein Mann vor einem Computer und betrachtete dasselbe Foto des Parks. Als er hörte, dass die Umweltprüfung erneut untersucht werden sollte, griff er zum Telefon und sagte nur einen Satz:

„Findet heraus, wer Gabriel Ortega die fehlende Seite gezeigt hat.“

Fortsetzung folgt in TEIL 3 …