Dutzende Millionen Euro waren nicht verloren. Doch der Abschluss war auf unbestimmte Zeit verschoben, und die Finanzierung weiterer Projekte hing plötzlich in der Luft.
Camille beugte sich zu ihm.
„Du musst etwas unternehmen.“
Vincent starrte auf die leeren Stühle.
„Das versuche ich seit sechs Uhr morgens.“
„Dann fahr zu ihr.“
Er sah Camille an.
„Warum?“
„Weil sie deine Frau ist. Weil sie dich liebt. Weil sie dir nicht wirklich schaden wird.“
Vincent schwieg.
Er wusste nicht mehr, ob Élise ihn noch liebte.
Und zum ersten Mal begriff er, dass er sich nicht darauf verlassen durfte.
Um 10:15 Uhr erreichte Vincent das kleine Hotel in Paris.
Élise saß in der Lobby und prüfte Zeichnungen auf ihrem Laptop. Als sie ihn sah, schloss sie den Computer.
„Wie hast du mich gefunden?“
„Deine Assistentin hat mir gesagt, dass du in Paris bist.“
„Meine Assistentin hätte das nicht tun dürfen.“
Vincent fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
„Der Fonds hat das Treffen abgebrochen.“
„Sie haben die Verhandlungen ausgesetzt, weil die technische Freigabe fehlt.“
„Du weißt genau, was ich meine.“
„Ja.“
Er setzte sich ihr gegenüber.
„Wir müssen nach Bordeaux zurück.“
„Nein. Du musst nach Bordeaux zurück.“
„Élise, das Unternehmen beschäftigt Hunderte Menschen. Wenn der Deal scheitert, geraten andere Projekte unter Druck. Die Arbeitsplätze deiner Kollegen stehen auf dem Spiel.“
Sie sah ihn lange an.
„Benutze unsere Mitarbeiter nicht, um mich unter Druck zu setzen.“
Vincent öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder.
„Ich will das Unternehmen nicht gefährden“, sagte sie. „Ich will, dass es verantwortungsvoll geführt wird. Wenn die Fensterkonstruktion korrigiert werden muss, dann muss sie korrigiert werden. Wenn Unterlagen fehlen, müssen sie ergänzt werden. Das ist keine persönliche Rache.“
„Du könntest mir wenigstens helfen, eine Lösung zu finden.“
„Ich habe dir eine Lösung angeboten. Du hast sie abgelehnt, weil sie teurer war und länger gedauert hätte.“
Vincent beugte sich vor.
„Ich habe einen Fehler gemacht.“
„Welchen?“
Er sah sie verwirrt an.
„Was?“
„Welchen Fehler hast du gemacht, Vincent? Dass du mich belogen hast? Dass du meine Arbeit heruntergespielt hast? Dass du Camille erlaubt hast, den Schmuck meiner Großmutter zu tragen? Oder dass du dachtest, ich würde all das vergessen, sobald du mich um eine Unterschrift bittest?“
Er senkte den Blick.
„Alles davon.“
Élise hatte erwartet, dass er sich rechtfertigen würde.
Dass er die Sache mit Camille herunterspielen, die wirtschaftliche Lage erklären und ihr vorwerfen würde, übertrieben zu reagieren.
Seine Antwort überraschte sie.
Aber sie heilte nichts.
„Eine Entschuldigung ist ein Anfang“, sagte sie. „Keine Lösung.“
„Was soll ich tun?“
„Zuerst gehst du zu deiner Projektleitung und gibst den tatsächlichen Stand der Dinge bekannt. Dann lässt du die Konstruktion unabhängig prüfen. Und du akzeptierst, dass ich selbst entscheide, ob ich an diesem Projekt weiterarbeite.“
Vincent nickte langsam.
„Und unsere Ehe?“
Élise griff nach ihrem Laptop.
„Darüber sprechen wir, wenn du verstanden hast, dass ich nicht verpflichtet bin, bei dir zu bleiben, nur weil du endlich einsiehst, dass du mich verletzt hast.“
Sie stand auf.
„Ich komme nicht zurück in unser Haus.“
Vincent blieb sitzen.
Als Élise sich entfernte, rief er ihr nicht hinterher.
Vielleicht war das die erste Entscheidung seit Langem, bei der er ihre Grenze tatsächlich respektierte.
In den folgenden Tagen wurde das Hotel in Bordeaux gründlich überprüft.
Die unabhängigen Sachverständigen bestätigten, dass die beanstandeten Fensteranschlüsse überarbeitet werden mussten. Es war noch kein irreparabler Schaden entstanden, doch ohne die vorgesehenen Anpassungen wären langfristige Probleme mit Feuchtigkeit und Wärmebrücken wahrscheinlich gewesen.
Die Projektleitung legte einen neuen Zeitplan vor.
Vincent stimmte den zusätzlichen Kosten zu.
Außerdem ordnete er eine Prüfung aller technischen Änderungen an, die in den vergangenen Monaten ohne die Zustimmung der zuständigen Fachleute vorgenommen worden waren.
Diese Entscheidung kostete ihn Geld.
Sie kostete ihn Zeit.
Und sie zwang ihn, vor seinem eigenen Verwaltungsrat zu erklären, warum er wiederholt Warnungen ignoriert hatte.
Doch das Projekt konnte fortgesetzt werden.
Élise nahm an den technischen Besprechungen teil, allerdings unter klaren Bedingungen: Ihre fachliche Unabhängigkeit musste gewährleistet sein, ihre vertraglichen Rechte durften nicht verändert werden, und alle relevanten Entscheidungen mussten schriftlich dokumentiert werden.
Vincent akzeptierte die Bedingungen.
Nicht, weil er plötzlich alles verstanden hatte.
Sondern weil er langsam begriff, dass es keinen anderen Weg gab, das Vertrauen wiederherzustellen.
Währenddessen begann Camille, sich von der Unternehmensgruppe zu distanzieren.
Einige ihrer E-Mails wurden im Rahmen der internen Prüfung bekannt. Darin hatte sie vorgeschlagen, Élises Rolle bei der nächsten Unternehmenspräsentation auf eine kurze Erwähnung als „kreative Beraterin“ zu reduzieren.
In einer weiteren Nachricht hatte sie geschrieben:
Wenn der Fonds erst unterschrieben hat, können wir die Zuständigkeiten neu ordnen.
Es gab keinen Beweis, dass Camille allein eine rechtswidrige Handlung geplant hatte. Doch die Nachrichten zeigten, dass sie versucht hatte, Élises Einfluss nach Abschluss des Geschäfts zurückzudrängen.
Der Verwaltungsrat setzte Camille vorläufig von ihren Aufgaben in den laufenden Verhandlungen ab und ließ den Vorgang prüfen.
Als Vincent davon erfuhr, rief er Élise an.
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