Sie untersuchte ihr Junges sorgfältig, als wolle sie sich vergewissern, dass es unverletzt war.

Dann blickte sie mich ein letztes Mal an.

 

Diesen Blick werde ich nie vergessen.

Danach drehte sie sich um, stupste das Junge sanft mit der Nase an, und die beiden verschwanden langsam zwischen den Bäumen.

Erst da wurde mir bewusst, dass ich noch lebte.

Als meine Beine endlich aufhörten zu zittern, kletterte ich vom Baum herunter und rannte fast den ganzen Weg zurück zum Lager.

Mir wurde eines klar: Die Wildnis folgt ihren eigenen Gesetzen.

Dieses Raubtier konnte unmöglich verstehen, dass ich versuchte, ihr Junges zu retten. Für eine Mutter war ich einfach eine Bedrohung, die ihrem Baby zu nahe gekommen war.

Ich habe nur überlebt, weil die Löwin sehen konnte, dass ihr Junges in Sicherheit war.

Deshalb sage ich immer allen dasselbe:

Greifen Sie niemals in die Tierwelt ein, wenn Sie nicht wirklich verstehen, was Sie erwartet.

Als ich endlich wieder das Lager erreichte, zitterten meine Hände noch immer so stark, dass ich kaum den Reißverschluss meines Zeltes öffnen konnte.

Ich setzte mich auf einen Stein, presste die Hände gegen mein Gesicht und versuchte, meine Gedanken zu ordnen.

Ich war am Leben.

Das war das Einzige, was in diesem Moment zählte.

Doch je länger ich über das Geschehene nachdachte, desto mehr Fragen kamen mir in den Sinn. Woher war das Löwenjunge überhaupt gekommen? Wie war es an diesen gefährlichen Felsvorsprung geraten? Und vor allem: Warum hatte seine Mutter mich nicht sofort angegriffen, als sie sah, dass ich ihrem Jungen so nahe war?

Ich versuchte, mir einzureden, dass alles vorbei sei.

Aber tief in meinem Inneren spürte ich, dass diese Begegnung noch nicht zu Ende war.

In dieser Nacht schlief ich kaum. Jedes Knacken eines Zweiges ließ mich zusammenzucken. Wenn der Wind gegen die Zeltwand schlug, glaubte ich für einen Augenblick, das tiefe Brüllen der Löwin zu hören.

Am nächsten Morgen packte ich meine Sachen und beschloss, die Berge so schnell wie möglich zu verlassen.

Bevor ich aufbrach, erzählte ich einem Ranger von dem Vorfall. Zunächst sah er mich ungläubig an. Als ich ihm jedoch die Kratzspuren an meiner Jacke zeigte und die Stelle auf einer Karte markierte, wurde sein Gesicht ernst.

„Eine Löwin mit Jungtier?“, fragte er.

Ich nickte.

Er schwieg einige Sekunden und sagte dann: „Sie haben großes Glück gehabt. Wenn eine Löwin glaubt, dass ihr Junges bedroht wird, kann sie äußerst gefährlich werden. Sie sollten sich glücklich schätzen, dass Sie beide heil davongekommen sind.“

Ich wollte ihm gerade zustimmen, als er noch etwas hinzufügte.

„Allerdings gibt es in diesem Gebiet keine natürliche Löwenpopulation.“

Ich sah ihn verwirrt an.

„Was meinen Sie damit?“

Der Ranger breitete die Karte auf dem Tisch aus und zeigte auf die abgelegene Bergregion, in der ich gewandert war.

„Löwen leben normalerweise nicht in diesen Bergen. Wenn Sie tatsächlich eine Löwin gesehen haben, könnte sie aus einer privaten Haltung entkommen sein. Wir müssen herausfinden, woher sie kommt.“

Plötzlich bekam die Geschichte eine völlig neue Bedeutung.

Ich hatte geglaubt, lediglich einem wilden Tier begegnet zu sein. Nun stellte sich heraus, dass möglicherweise Menschen für diese Begegnung verantwortlich waren.

Der Ranger bat mich, ihm so genau wie möglich zu beschreiben, was ich gesehen hatte. Ich erzählte ihm von dem Jungen, der Klippe und der Löwin, die mich am Baum umkreist hatte.

Als ich fertig war, fragte er: „Ist Ihnen irgendetwas Besonderes an ihr aufgefallen? Ein Halsband vielleicht? Eine Verletzung?“

Ich schloss die Augen und versuchte, mich an jedes Detail zu erinnern.

Dann fiel mir etwas ein.

„An ihrem linken Vorderbein“, sagte ich langsam. „Da war eine dunkle Stelle. Zuerst dachte ich, es sei nur nasses Fell. Aber es sah aus, als hätte sie eine alte Verletzung.“

Der Ranger wechselte einen ernsten Blick mit seinem Kollegen.

„Das könnte wichtig sein“, murmelte er.

Noch am selben Tag wurde eine Suche organisiert. Die Ranger wollten die Tiere finden, bevor sie in die Nähe von Wanderwegen oder Siedlungen gelangten. Ich blieb im Lager, obwohl ich am liebsten sofort abgereist wäre.

Doch dann geschah etwas, das mich meine Entscheidung überdenken ließ.

Am Nachmittag hörte ich draußen aufgeregte Stimmen. Ich trat aus meinem Zelt und sah zwei Ranger, die gerade von einem Erkundungsgang zurückkehrten.

Einer von ihnen hielt ein kleines Gerät in der Hand.

„Wir haben Spuren gefunden“, erklärte er. „Und nicht nur die eines erwachsenen Tieres. Es gibt Hinweise darauf, dass die Löwin schon seit einiger Zeit in diesem Gebiet unterwegs ist.“

„Haben Sie das Junge gefunden?“, fragte ich sofort.

Der Ranger schüttelte den Kopf.

„Noch nicht.“

Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Obwohl ich große Angst vor der Löwin gehabt hatte, konnte ich den Gedanken nicht ertragen, dass ihr Junges erneut in Gefahr sein könnte.

Am folgenden Morgen begleitete ich die Ranger bis zu einem sicheren Beobachtungspunkt. Ich durfte nicht mit ihnen in das unwegsame Gelände gehen, also blieb ich hinter einer Absperrung und wartete.