„Ich habe den Artikel über Viktor gelesen“, sagte sie.
„Und weshalb rufen Sie an?“, fragte Sokolov.
Irina zögerte.
„Weil Larisa mir vor seinem Verschwinden etwas erzählt hat.“
Der Detective richtete sich auf.
„Was genau?“
„Sie sagte, sie wolle nicht mehr mit ihm zusammenleben. Sie sprach ständig davon, dass er ihr Leben ruiniert habe.“
„Hat sie konkrete Pläne erwähnt?“
Irina schwieg einen Moment.
„Einmal sagte sie, sie kenne einen Ort im Wald, an dem kaum jemand vorbeikomme.“
Sokolov nahm einen Stift.
„Wann war das?“
„Ungefähr zwei Wochen vor seinem Verschwinden.“
„Warum haben Sie sich damals nicht gemeldet?“
Irinas Stimme wurde leiser.
„Ich dachte, sie rede nur aus Wut. Ich hätte nie geglaubt, dass sie wirklich etwas tun könnte.“
Der Detective bat sie, zu einer offiziellen Befragung zu kommen.
Dort erklärte Irina, dass Larisa bereits Monate zuvor über eine Trennung gesprochen hatte.
Doch statt sich scheiden zu lassen und eine andere Pflegelösung zu suchen, hatte sie immer häufiger davon gesprochen, Viktor müsse einfach aus ihrem Leben verschwinden.
Die Ermittler prüften ihre Aussagen sorgfältig.
Sie verglichen die Zeitangaben mit Telefonverbindungen und weiteren Unterlagen.
Die neuen Informationen waren wichtig.
Denn sie deuteten darauf hin, dass Larisas Entscheidung möglicherweise nicht spontan gefallen war.
Doch die entscheidende Frage blieb:
Wie weit im Voraus hatte sie den Tag im Wald tatsächlich geplant?
## Kapitel 7 – DAS HAUS, DAS NICHT MEHR IHR GEHÖRTE
Während die Ermittlungen weiterliefen, versuchte Larisa, ihr bisheriges Leben fortzusetzen.
Doch vieles hatte sich verändert.
Ihr neuer Partner, Roman, war nach Bekanntwerden der Vorwürfe ausgezogen.
Er hatte erklärt, dass er von den Umständen des Verschwindens nichts gewusst habe.
Mehrere Bekannte brachen den Kontakt ab.
Und der geplante Hausverkauf kam zum Stillstand, weil die Eigentumsverhältnisse und die laufenden Verfahren geklärt werden mussten.
Larisa war wütend.
Sie fühlte sich von allen verlassen.
Doch anstatt über ihre Entscheidungen nachzudenken, suchte sie weiterhin nach jemandem, dem sie die Schuld geben konnte.
Eines Abends rief sie ihren Anwalt an.
„Viktor will mir alles wegnehmen!“
Der Anwalt antwortete sachlich:
„Ihr Mann macht seine Rechte geltend. Das ist nicht dasselbe.“
„Er hat doch gar nichts mehr von diesem Haus!“
„Das entscheidet nicht seine körperliche Einschränkung.“
Larisa schwieg.
„Außerdem“, fuhr der Anwalt fort, „sollten Sie verstehen, dass Ihre Aussagen und Handlungen im Zusammenhang mit seinem Verschwinden Gegenstand eines Strafverfahrens sind.“
„Aber wir waren zweiunddreißig Jahre verheiratet!“
„Gerade deshalb wird das Gericht die Umstände sorgfältig prüfen.“
Larisa beendete das Gespräch.
Sie saß allein im Wohnzimmer.
An der Wand hing noch immer ein altes Hochzeitsfoto.
Darauf lächelten zwei junge Menschen.
Viktor trug einen dunklen Anzug.
Larisa hielt einen Blumenstrauß.
Damals hatten sie geglaubt, für immer zusammenzubleiben.
Nun stand ihre Ehe vor dem endgültigen Ende.
Und zum ersten Mal musste Larisa sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass Viktor ein Leben ohne sie führen könnte.
## Kapitel 8 – VIKTORS ERSTE ENTSCHEIDUNG
Im Rehabilitationszentrum hatte Viktor inzwischen neue Kontakte geknüpft.
Er lernte andere Menschen kennen, die mit unterschiedlichen körperlichen Einschränkungen lebten.
Einige waren seit ihrer Kindheit auf Hilfsmittel angewiesen.
Andere hatten nach Unfällen oder Erkrankungen ihr Leben neu organisieren müssen.
Viktor bemerkte, wie unterschiedlich ihre Geschichten waren.
Und wie viele von ihnen trotz großer Herausforderungen selbstbestimmt lebten.
Besonders gut verstand er sich mit einem Mann namens Sergej, der früher Lehrer gewesen war.
Eines Tages fragte Sergej ihn:
„Was möchtest du eigentlich machen, wenn du hier fertig bist?“
Viktor zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht.“
„Was hast du früher gern gemacht?“
„Ich habe im Baugewerbe gearbeitet.“
„Und?“
„Ich mochte es, Dinge zu planen. Probleme zu lösen.“
Sergej lächelte.
„Dann kannst du vielleicht wieder etwas in dieser Richtung tun.“
Viktor blickte auf seine Beine.
„Ich kann nicht mehr auf Baustellen arbeiten.“
„Vielleicht nicht in derselben Rolle wie früher. Aber dein Wissen ist doch nicht verschwunden.“
Viktor dachte lange darüber nach.
Einige Wochen später begann er, einem kleinen gemeinnützigen Verein bei der Planung barrierefreier Umbauten zu helfen.
Zunächst nur wenige Stunden pro Woche.
Er prüfte Zeichnungen, gab Hinweise zu praktischen Problemen und sprach mit Menschen darüber, welche Veränderungen ihnen im Alltag helfen könnten.
Zum ersten Mal seit seinem Unfall hatte Viktor wieder das Gefühl, etwas beitragen zu können, das ihm Freude machte.
Nicht, weil er seinen Wert beweisen musste.
Sondern weil er seine Fähigkeiten nutzen wollte.
Eines Abends sagte er zu Pawel:
„Ich glaube, ich habe wieder eine Aufgabe gefunden.“
Der Förster lächelte.
„Dann war es höchste Zeit.“
## Kapitel 9 – DER TAG VOR GERICHT
Als der Gerichtstermin näher rückte, wurde Viktor zunehmend nervös.
Er wusste, dass er Larisa wiedersehen würde.
Die Frau, mit der er zweiunddreißig Jahre verheiratet gewesen war.
Die Frau, mit der er ein Zuhause aufgebaut und unzählige Erinnerungen geteilt hatte.
Und die ihn schließlich allein im Wald zurückgelassen hatte.
Am Morgen der Verhandlung trug Viktor ein helles Hemd und eine dunkelgraue Jacke.
Pawel begleitete ihn zum Gerichtsgebäude.
Vor dem Eingang warteten einige Journalisten.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



