Am nächsten Tag wurde Andrej zur Befragung gebeten.
Als er die Nachricht hörte, wirkte er überrascht.
„Viktor ist tot?“, fragte er leise.
Der Beamte nickte.
Andrej setzte sich, starrte auf den Tisch und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht.
„Ich habe ihn seit Tagen nicht gesehen.“
„Wann haben Sie ihn zuletzt getroffen?“, fragte der Ermittler.
„Vor ungefähr einer Woche.“
„Hatten Sie einen Streit mit ihm?“
Andrej schwieg einen Moment zu lange.
Dann antwortete er: „Ja. Aber es war nichts Besonderes. Wir hatten unterschiedliche Meinungen.“
„Worüber?“
„Über Geld.“
Der Ermittler notierte die Antwort.
„Welche Geldangelegenheit?“
Andrej blickte zum Fenster.
„Das möchte ich lieber nicht ohne Weiteres erklären.“
Diese Antwort machte ihn nicht automatisch zum Verdächtigen. Aber sie gab den Ermittlern einen Grund, genauer nachzufragen.
Und während die Befragungen weitergingen, bemerkte ein Polizeibeamter etwas, das zunächst kaum jemand beachtet hatte.
Das Seil, das Ilya entdeckt hatte, war ungewöhnlich.
Es sah alt aus, doch ein Teil davon war deutlich neuer als der Rest.
Als die Spezialisten es untersuchten, stellten sie fest, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Seil handelte, das zufällig am Ufer zurückgelassen worden war. Es gab Hinweise darauf, dass es zuvor für einen anderen Zweck verwendet worden sein könnte.
Was dieser Zweck gewesen war, musste erst geklärt werden.
## Ein Kind erinnert sich an ein kleines Detail
Zwei Tage später besuchte eine Ermittlerin Ilyas Familie.
Sie wollte mit dem Jungen sprechen, aber nur, wenn er sich damit wohlfühlte und seine Mutter dabei war.
Die Ermittlerin setzte sich an den Küchentisch und sprach mit ruhiger Stimme.
„Ilya, du hast etwas Wichtiges entdeckt. Ich möchte dir ein paar Fragen stellen. Wenn du etwas nicht weißt oder dich nicht erinnerst, ist das völlig in Ordnung.“
Der Junge nickte vorsichtig.
„Hast du das Seil schon einmal gesehen, bevor du es am Fluss gefunden hast?“
Ilya dachte nach.
„Vielleicht.“
„Wo?“
Er zog die Knie an den Stuhl und überlegte.
„Bei dem alten Schuppen.“
Seine Mutter blickte überrascht auf.
Am Rand des Dorfes stand ein verlassener Bootsschuppen, der früher von Fischern genutzt worden war. Seit Jahren ging dort kaum noch jemand hinein.
„Was hast du dort gesehen?“, fragte die Ermittlerin.
„Vor ein paar Tagen war ich mit meinem Opa spazieren. Da stand ein Mann vor dem Schuppen. Er hatte ein Seil dabei.“
„Kannst du dich erinnern, wie der Mann aussah?“
Ilya schüttelte den Kopf.
„Nicht richtig. Er hatte eine dunkle Jacke. Aber ich habe etwas gehört.“
Die Ermittlerin wartete.
„Er hat gesagt: ‚Das muss verschwinden.‘“
Seine Mutter legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.
Die Ermittlerin blieb ruhig, machte sich Notizen und erklärte, dass die Polizei nun prüfen werde, ob diese Erinnerung mit den anderen Erkenntnissen zusammenhing.
Ilya wusste nicht, wie wichtig seine Worte sein könnten.
Er hatte nicht versucht, einen Fall zu lösen. Er hatte sich einfach an einen Satz erinnert, den er zufällig gehört hatte.
Doch für die Ermittler war es eine weitere Spur.
## Was sich im alten Schuppen verbarg
Am selben Nachmittag untersuchten die Beamten den verlassenen Bootsschuppen.
Die Tür war nicht verschlossen. Im Inneren standen verrostete Werkzeuge, kaputte Holzkisten und Reste alter Fischernetze.
Zunächst schien alles gewöhnlich.
Dann fand ein Beamter in einer Schublade ein kleines Notizbuch.
Es gehörte Viktor.
Auf mehreren Seiten standen Zahlen, Daten und kurze Bemerkungen. Einige Einträge bezogen sich auf Reparaturen, andere auf Ausgaben. Auf der letzten beschriebenen Seite stand ein Satz:
„Wenn ich morgen nicht zurückkomme, soll jemand wissen, was wirklich passiert ist.“
Darunter war ein Datum notiert – der Tag, an dem Viktor zuletzt gesehen worden war.
Die Ermittler fotografierten das Notizbuch und nahmen es als Beweismittel mit.
Im Dorf verbreitete sich die Nachricht schnell.
Die Menschen begannen zu spekulieren. Einige waren überzeugt, Andrej müsse etwas damit zu tun haben. Andere glaubten, Viktor sei in eine gefährliche Angelegenheit geraten, von der niemand etwas gewusst hatte.
Die Polizei warnte die Dorfbewohner davor, Gerüchte als Tatsachen zu behandeln.
Denn es gab noch immer keine abschließende Erklärung für Viktors Tod.
Und der wichtigste Hinweis im Notizbuch war noch gar nicht verstanden worden.
## Die Wahrheit hinter dem Streit
Bei der Auswertung der Unterlagen stießen die Ermittler auf wiederkehrende Zahlungen zwischen Viktor und Andrej.
Zunächst sahen sie nach gewöhnlichen Darlehen aus. Doch einige Beträge passten nicht zu den Erklärungen, die Andrej während seiner ersten Befragung gegeben hatte.
Die Beamten baten ihn deshalb erneut zum Gespräch.
Diesmal legten sie ihm Kopien der betreffenden Einträge vor.
Andrej wurde blass.
„Ich kann das erklären“, sagte er.
Der Ermittler nickte.
„Dann tun Sie das bitte.“
Andrej atmete schwer aus.
Schließlich erzählte er, dass er Viktor vor Monaten um Geld gebeten hatte. Er hatte finanzielle Schwierigkeiten und versprach, das Geld bald zurückzuzahlen. Doch aus wenigen Schulden wurde eine immer größere Summe.
Viktor hatte irgendwann beschlossen, die Angelegenheit schriftlich festzuhalten.
„Er wollte mich nicht ruinieren“, sagte Andrej. „Er wollte nur, dass ich aufhöre, ihn anzulügen.“
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



