Es legte den Kopf auf die Pfoten und rührte sich nicht mehr. Der Mann brauchte eine ganze Weile, bis er sich überhaupt an den Motor herantraute.

Schließlich setzte er es vorsichtig in Bewegung und steuerte auf das nächste Ufer zu. Während der gesamten Reise blieb der Löwe vollkommen ruhig. Nur gelegentlich hob er den Kopf und blickte zum Ufer.

Als das Boot schließlich das flache Wasser erreichte, schaltete der Mann den Motor aus und entfernte sich so weit wie möglich von dem Tier.

Der Löwe stand auf. Er blieb einige Sekunden im Boot stehen, als ob er neue Kräfte sammeln wollte, und sprang dann mühelos über den Rand und fiel ins Wasser.

Das Ufer war nur wenige Meter entfernt. Das Raubtier ging langsam an Land, blieb stehen und wandte kurz den Kopf in Richtung des Bootes.

Dann verschwand er einfach zwischen den Bäumen, ohne sich auch nur einmal umzudrehen.

## Kapitel 2: Die Rückkehr des Löwen

Der Fischer blieb noch lange im Boot sitzen, nachdem der Löwe zwischen den Bäumen verschwunden war.

Seine Hände zitterten. Das Seil lag zerknüllt zu seinen Füßen, seine Handflächen brannten, und sein Hemd klebte ihm am Rücken. Er konnte noch immer kaum glauben, was gerade geschehen war.

Er hatte ein ausgewachsenes Raubtier aus dem Wasser gezogen. Ein Tier, das ihn mit einer einzigen Bewegung hätte schwer verletzen können.

Und trotzdem hatte der Löwe ihn nicht angegriffen.

Im Gegenteil: Für einen kurzen Augenblick, als das Tier sich vor dem Sprung ins Wasser noch einmal umgedreht hatte, war dem Fischer etwas Merkwürdiges aufgefallen.

Der Blick des Löwen hatte nicht feindselig gewirkt.

Er war ruhig gewesen. Fast so, als hätte das Tier verstanden, was der Mensch für es getan hatte.

„Unsinn“, murmelte der Fischer schließlich. „Ein Löwe ist ein Löwe.“

Er startete den Motor und fuhr nach Hause.

Der Mann hieß Samuel Carter. Er war zweiundfünfzig Jahre alt und lebte seit seiner Kindheit in einem kleinen Dorf nahe einem breiten Fluss, der sich durch ein großes Waldgebiet schlängelte. Die Menschen dort kannten die Gefahren des Wassers ebenso gut wie die Tiere, die in den umliegenden Wäldern lebten.

Samuel hatte schon Krokodile aus der Ferne gesehen, Schlangen in seinem Garten gefunden und einmal sogar einen Leoparden beobachtet, der nachts durch die Nähe seines Hauses geschlichen war.

Doch noch nie hatte er einen Löwen gerettet.

Als er an diesem Abend seiner Frau Helen erzählte, was passiert war, ließ sie beinahe den Teller fallen, den sie gerade abtrocknete.

„Du hast WAS getan?“

Samuel setzte sich an den Küchentisch.

„Er wäre ertrunken.“

„Und du hättest ebenfalls sterben können!“

„Das weiß ich.“

„Nein, Samuel. Ich glaube nicht, dass du es wirklich weißt.“ Helen stellte den Teller ab und sah ihn mit ernster Miene an. „Du hast zwei Enkelkinder, die jedes Wochenende zu uns kommen. Was wäre gewesen, wenn dieses Tier dich angegriffen hätte?“

Samuel schwieg.

Er hatte sich dieselbe Frage gestellt, seit er nach Hause gekommen war.

„Ich konnte ihn nicht einfach untergehen lassen“, sagte er schließlich.

Helen setzte sich ihm gegenüber.

„Ich verstehe, warum du es getan hast. Aber bitte versprich mir, dass du dich einem solchen Tier nie wieder näherst.“

Samuel nickte.

Er versprach es, obwohl er tief in seinem Inneren bereits ahnte, dass er diesen Morgen niemals vergessen würde.

Noch in derselben Nacht träumte er von dem Löwen.

Er sah wieder die gewaltige Mähne, das Wasser und die erschöpften Augen des Tieres. Doch diesmal lag der Löwe nicht im Boot. Er stand am Rand des Waldes und betrachtete Samuel aus der Dunkelheit.

Als Samuel aufwachte, war sein Herzschlag beschleunigt.

Draußen begann gerade die Morgendämmerung.

Er zog sich an, ging auf die Veranda und blickte in Richtung des Flusses.

Dort, weit hinter den Feldern, lag der Wald.

Samuel schüttelte den Kopf über sich selbst und wollte gerade wieder hineingehen, als er etwas bemerkte.

Am Rand seines Grundstücks, dort, wo der schmale Weg zum Fluss begann, waren frische Spuren im feuchten Boden.

Große Pfotenabdrücke.

Samuel blieb stehen.

Die Abdrücke führten von der Richtung des Waldes bis nahe an seinen Gartenzaun. Sie waren deutlich genug, dass er keinen Zweifel daran hatte, welches Tier sie hinterlassen hatte.

Ein Löwe war in der Nacht in die Nähe seines Hauses gekommen.

Er rief Helen nicht sofort. Stattdessen ging er langsam zurück ins Haus, schloss die Tür und griff nach seinem Handy.

Er wollte gerade die örtlichen Wildhüter kontaktieren, als es draußen plötzlich laut wurde.

Die Hühner im kleinen Verschlag hinter dem Haus flatterten panisch durcheinander.

Samuel eilte zum Fenster.

Am Zaun stand ein Mann aus dem Nachbardorf. Er deutete auf den Wald und rief etwas, das Samuel zunächst nicht verstand.

Dann hörte er die entscheidenden Worte.

„Samuel! Da draußen ist ein Löwe!“

Samuel spürte, wie ihm das Blut in den Adern gefror.

Der Löwe war zurückgekommen.

Und diesmal war er nicht allein.

***