Der Förster wusste, dass er den Ort so schnell wie möglich verlassen musste. Die Wölfin war erschöpft, das Rudel blieb in der Nähe, und die Dämmerung senkte sich bereits über den Wald. Er hob langsam seine Tasche auf und wich einige Schritte zurück.

Da geschah etwas Seltsames.

Die Wölfin folgte ihm nicht. Stattdessen drehte sie sich um und ging mühsam in Richtung der Bäume. Nach wenigen Metern blieb sie stehen und sah über die Schulter zu ihm zurück.

Der Förster runzelte die Stirn.

— Was ist denn? flüsterte er.

Natürlich erwartete er keine Antwort. Doch die Wölfin wartete, bis er sich in Bewegung setzte. Dann ging sie weiter.

Das Rudel folgte ihr.

Der Mann hätte umkehren sollen. Jeder vernünftige Mensch hätte sich auf den Weg zu seiner Hütte gemacht, die Tür hinter sich geschlossen und den Vorfall vergessen.

Aber irgendetwas hielt ihn davon ab.

Vielleicht war es die Sorge um die ungeborenen Welpen. Vielleicht war es auch das merkwürdige Gefühl, dass die Wölfin ihm etwas zeigen wollte.

Er folgte ihr mit großem Abstand.

Der Weg führte tiefer in den Wald, vorbei an knorrigen Kiefern und umgestürzten Stämmen. Der Schnee lag stellenweise so hoch, dass er bei jedem Schritt einsank. Mehrmals verlor er die Wölfin aus den Augen, bis er zwischen den Bäumen erneut ihre Silhouette erkannte.

Nach ungefähr zwanzig Minuten erreichten sie eine felsige Anhöhe.

Dort blieb die Wölfin stehen.

Vor ihr lag der Eingang zu einer alten, verlassenen Jagdhütte, deren Dach teilweise eingestürzt war. Der Förster kannte das Gebäude. Seit Jahren hatte niemand mehr dort gewohnt.

Doch diesmal hörte er etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Ein leises Fiepen.

Er lauschte.

Dann hörte er es erneut.

Es kam aus dem Inneren der Hütte.

Der Förster trat vorsichtig näher und leuchtete mit seiner Taschenlampe durch die zerbrochene Tür. Im hinteren Teil des Raumes lag ein großer Wolf auf dem Boden. Sein Fell war verschmutzt, und eine seiner Hinterpfoten schien verletzt zu sein.

Neben ihm lagen zwei winzige Wolfswelpen.

Sie bewegten sich kaum.

Der Förster hielt den Atem an.

Jetzt verstand er, warum die Wölfin so verzweifelt gewesen war, als er sie im Wasser gefunden hatte. Sie hatte nicht nur um ihr eigenes Leben gekämpft. Sie musste zu ihrem Rudel zurück, und möglicherweise hatte sie gewusst, dass ein weiteres Mitglied ihrer Familie in Schwierigkeiten steckte.

Doch warum befanden sich die Tiere ausgerechnet in dieser alten Hütte?

Der Förster bemerkte frische Spuren im Schnee. Menschliche Fußabdrücke. Sie führten von der Hütte bis zu einem schmalen Pfad, der in Richtung der Landstraße verlief.

Daneben lagen mehrere leere Verpackungen und ein Stück zerrissenes Seil.

Er kniete sich hin und betrachtete die Abdrücke genauer.

Das waren keine Spuren von Wanderern.

Jemand war hier gewesen.

Und diese Person hatte offenbar etwas getan, das die Tiere in Gefahr gebracht hatte.

Der Förster zog sein Funkgerät aus der Jackentasche, doch bevor er den Knopf drücken konnte, hörte er draußen ein Knacken.

Er richtete sich auf.

Zwischen den Bäumen bewegte sich ein Licht.

Dann noch eines.

Menschen.

Die Wölfe reagierten sofort. Das Rudel zog sich in den hinteren Teil der Hütte zurück. Die Wölfin, die der Förster aus dem See gerettet hatte, stellte sich vor den Eingang. Ihr Körper war noch immer geschwächt, doch sie ließ die Augen nicht von den Lichtern.

Der Förster löschte seine Taschenlampe.

Zwei Männer kamen näher. Sie trugen dicke Winterjacken und hatten ihre Gesichter mit Schals bedeckt.

— Ich habe dir gesagt, dass hier noch Spuren zu sehen sind, murmelte einer.

— Dann verschwinden wir eben. Niemand kommt bei diesem Wetter hierher.

— Und was ist mit den Tieren?

Der zweite Mann fluchte leise.

— Darum kümmern wir uns später.

Der Förster spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

Jetzt war ihm klar, dass die verletzten Wölfe nicht einfach zufällig in der Hütte gelandet waren. Die beiden Männer hatten etwas mit der Situation zu tun.

Er schaltete sein Funkgerät ein und meldete der zuständigen Leitstelle leise seinen Standort. Er beschrieb die Personen, die Spuren und die verletzten Tiere. Dann bat er um Unterstützung.

Doch er wusste, dass Hilfe nicht sofort eintreffen würde.

Die Männer waren inzwischen nur noch wenige Meter entfernt.

Einer von ihnen blieb plötzlich stehen.

— Hast du das gehört?

Der andere hob den Kopf.

Ein leises Knurren drang aus der Hütte.

— Da ist etwas drin.

Der erste Mann trat näher und leuchtete durch die Tür.

Als er die Wölfe sah, wich er erschrocken zurück.

— Verdammt! Die sind noch hier!

Die Wölfin fletschte die Zähne. Das Rudel drängte sich hinter ihr zusammen, während der verletzte Wolf in der Dunkelheit leise winselte.

Der Förster trat aus dem Schatten.

— Bleiben Sie stehen!

Beide Männer fuhren herum.

Einer von ihnen fluchte, der andere versuchte sofort, sich herauszureden.

— Wir sind nur auf der Suche nach unserem Hund.