Viktor hob den Kopf.
Am Ende des Stegs standen dieselben drei jungen Männer. Ihre Kleidung war noch feucht, und einer von ihnen hielt sein Handy in der Hand. Doch sie waren nicht allein. Hinter ihnen warteten zwei weitere Männer, deutlich älter, mit finsteren Gesichtern.
Derjenige, der zuvor ins Wasser gefallen war, zeigte auf Viktor.
„Da ist er!“, rief er. „Das ist der Mann, von dem ich euch erzählt habe!“
Viktor seufzte leise.
„Ich dachte, ihr hättet mich verstanden.“
Der größte der beiden Neuankömmlinge trat vor. Er trug eine dunkle Lederjacke und eine schwere goldene Uhr. Sein Gesicht war gerötet, und seine Stimme klang, als wäre er es gewohnt, dass andere sofort gehorchten.
„Du hast meine Jungs angegriffen.“
Viktor legte die Angelrute vorsichtig auf den Stuhl.
„Ihre Jungs haben mich bedroht, meinen Eimer ins Wasser getreten und versucht, mich zu schlagen. Was danach passiert ist, können wir gern gemeinsam mit der Polizei klären.“
Für einen Moment wurde es still.
Dann lachte der Mann höhnisch.
„Du glaubst, du kannst uns Angst machen, nur weil du früher irgendeine Uniform getragen hast?“
Viktor sah ihn ruhig an.
„Nein. Ich glaube, dass jeder für seine Handlungen verantwortlich ist. Auch Sie.“
Das Lächeln des Mannes verschwand.
Er machte einen Schritt nach vorn, doch sein Begleiter hielt ihn am Arm zurück.
„Warte“, murmelte dieser. „Lass uns zuerst herausfinden, wer er ist.“
Der Mann mit der goldenen Uhr schüttelte die Hand seines Begleiters ab.
„Ich muss nicht wissen, wer er ist! Niemand demütigt meine Familie und kommt damit davon!“
Viktor stand auf.
Er war kleiner als die beiden Männer und trug eine alte, abgenutzte Jacke. Seine Hände waren von der Arbeit im Garten rau geworden, und sein Gesicht verriet die Müdigkeit eines Menschen, der schon viel erlebt hatte.
Aber in seinen Augen lag etwas, das den Männern zunehmend unangenehm wurde: absolute Ruhe.
„Sie verwechseln zwei Dinge“, sagte er. „Respekt und Angst. Sie können Menschen dazu bringen, Angst vor Ihnen zu haben. Aber Respekt müssen Sie sich verdienen.“
Der jüngere Mann, der Viktor zuerst angegriffen hatte, senkte den Blick.
Vielleicht war ihm zum ersten Mal bewusst geworden, wie lächerlich die ganze Situation war. Sie hatten einen älteren Angler bedroht, seine Sachen zerstört und waren dann zurückgekommen, um mit zusätzlicher Unterstützung ihre verletzte Eitelkeit zu retten.
Doch sein Vater wollte davon nichts wissen.
„Du kommst jetzt mit uns“, befahl er Viktor. „Wir werden das an einem anderen Ort klären.“
„Nein“, antwortete Viktor.
Nur dieses eine Wort.
Keine Drohung. Kein Geschrei. Keine weitere Bewegung.
Der Mann mit der goldenen Uhr ballte die Hände.
Und dann bemerkte Viktor etwas, das die anderen übersehen hatten.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Sees stand ein älterer Fischer, der die gesamte Szene beobachtet hatte. Er hielt sein Telefon hoch und sprach offenbar mit jemandem.
Ein zweiter Spaziergänger näherte sich dem Parkplatz.
Viktor lächelte kaum merklich.
„Sie sollten jetzt gehen.“
„Du willst uns wohl Angst machen!“, rief der Mann.
„Nein. Ich gebe Ihnen die Gelegenheit, eine schlechte Entscheidung nicht noch schlimmer zu machen.“
Doch der Mann hörte nicht zu.
Er griff nach Viktors Angelrute und schleuderte sie auf die Planken.
Das Holz knackte. Die Rute zerbrach.
Zum ersten Mal veränderte sich Viktors Gesichtsausdruck.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Enttäuschung.
Er blickte auf die zerbrochene Angel. Sein verstorbener Bruder hatte sie ihm vor vielen Jahren geschenkt. Sie war nicht besonders teuer gewesen, aber Viktor hatte sie an jedem einzelnen Angelausflug benutzt.
„Das hätten Sie nicht tun sollen“, sagte er leise.
Der Mann lachte.
„Was willst du machen, alter Mann?“
Viktor antwortete nicht.
Stattdessen zog er sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer.
„Guten Morgen. Hier ist Viktor Andrejewitsch. Ich befinde mich am nördlichen Steg des Sees. Es gibt eine Auseinandersetzung, Sachbeschädigung und eine Gruppe von Männern, die mich bedroht. Ein Zeuge filmt bereits. Bitte schicken Sie eine Streife.“
Der Mann mit der goldenen Uhr wurde blass.
„Du hast die Polizei gerufen?“
„Ja.“
„Weißt du überhaupt, mit wem du sprichst?“
Viktor steckte das Telefon wieder ein.
„Das ist für die Polizei vermutlich weniger wichtig als das, was Sie gerade getan haben.“
Zum ersten Mal schien der Mann nicht zu wissen, was er sagen sollte.
Dann geschah etwas, womit keiner von ihnen gerechnet hatte.
Einer der drei jungen Männer trat vor. Es war derjenige, der zuvor versucht hatte, Viktor zu schlagen.
„Papa, hör auf.“
Sein Vater fuhr herum.
„Was hast du gesagt?“
Der junge Mann schluckte.
„Ich habe gesagt, hör auf. Wir haben angefangen. Wir haben ihn bedroht. Wir haben seinen Eimer umgestoßen. Und ich habe versucht, ihn zu schlagen.“
„Bist du verrückt geworden?“, zischte sein Vater.
„Nein. Ich habe einfach genug.“
Seine Stimme zitterte, doch er sprach weiter.
„Du hast mir immer beigebracht, dass wir uns von niemandem etwas gefallen lassen dürfen. Dass Geld alles regelt. Dass wir uns nehmen können, was wir wollen, wenn wir nur laut genug auftreten.“
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