In ihrem ersten Jahr als Königin erhielt Clara einen Brief, der mit einem alten königlichen Siegel verschlossen war.

Kein Bote wollte sagen, woher er kam.

Nur ein Satz stand darin:

„Wenn du wirklich wissen willst, warum du damals gerettet wurdest, suche den Ort, an dem deine Mutter dich zum letzten Mal hielt.“

Clara hielt den Brief lange in den Händen.

Ein Teil von ihr wollte ihn verbrennen.

Sie hatte endlich Frieden gefunden.

Sie hatte Elena in ihrem Herzen bewahrt, ihre neue Familie im Palast akzeptiert und gelernt, ihre Vergangenheit nicht mehr als Wunde, sondern als Teil ihrer Geschichte zu sehen.

Doch eine Frage blieb immer.

Warum hatte ihr Vater sie wirklich fürchten müssen?

Warum hatte eine Prophezeiung mehr Macht gehabt als die Liebe eines Elternteils?

In dieser Nacht ging Clara allein in das alte Archiv des Palastes.

Julian fand sie dort zwischen hunderten vergessenen Dokumenten.

— Du suchst wieder nach Antworten, nicht wahr?

Clara sah auf.

— Manche Geheimnisse verschwinden nicht, Julian. Sie warten nur darauf, gefunden zu werden.

Der Prinz lächelte traurig.

— Genau deshalb bist du eine bessere Königin als jeder Herrscher vor dir.

Gemeinsam suchten sie nach alten Aufzeichnungen.

Nach Stunden fanden sie ein verborgenes Tagebuch der ehemaligen Königin.

Claras Hände zitterten, als sie die erste Seite öffnete.

Die Schrift war schwach, aber lesbar.

„An meine Tochter, falls du eines Tages diese Worte findest …“

Clara blieb die Luft weg.

Sie las weiter.

„Man wird dir erzählen, dass du geboren wurdest, um eine Krone zu tragen. Aber das ist eine Lüge. Du wurdest geboren, um geliebt zu werden.“

Tränen liefen über Claras Gesicht.

Ihre Mutter hatte nie gewollt, dass sie eine Herrscherin wurde.

Sie hatte nur gewollt, dass sie glücklich war.

Doch auf der letzten Seite stand etwas, das niemand erwartet hatte.

Eine Zeichnung.

Ein weiteres Kind.

Ein Junge.

Darunter ein Name:

„Adrian.“

Julian wurde blass.

— Das ist unmöglich.

Clara blickte ihn an.

— Kennst du diesen Namen?

Er schwieg lange.

Dann sagte er leise:

— Vor vierundzwanzig Jahren verschwand nicht nur deine Schwester.

Claras Herz schlug schneller.

— Was meinst du?

Julian nahm das Tagebuch und zeigte auf die Zeichnung.

— Mein Vater sagte immer, die Geschichte der königlichen Familie hätte nur ein verlorenes Kind gehabt.

Er atmete tief ein.

— Aber meine Mutter glaubte etwas anderes.

In diesem Moment hörten sie ein Geräusch vor der Tür.

Ein Schatten bewegte sich im Gang.

Die Wachen stürmten herein.

— Eure Majestät! Jemand wurde im alten Nordturm gefunden.

Clara und Julian wechselten einen Blick.

Der Nordturm war seit Jahrzehnten verschlossen.

Niemand durfte ihn betreten.

Als sie dort ankamen, fanden sie einen alten Mann vor, der auf dem Boden saß.

In seinen Händen hielt er ein kleines Medaillon.

Ein Medaillon, das genauso aussah wie Claras Anhänger.

Der alte Mann hob den Kopf.

Seine Augen füllten sich mit Tränen.

— Ich habe vierundzwanzig Jahre darauf gewartet, diesen Moment zu erleben.

Clara trat langsam näher.

— Wer sind Sie?

Der Mann öffnete das Medaillon.

Darin befand sich ein Bild der ehemaligen Königin.

Und neben ihr zwei Babys.

Ein Mädchen.

Und ein Junge.

— Mein Name ist Adrian.

Der gesamte Raum wurde still.

— Ich bin dein Bruder.

Clara konnte nicht antworten.

Zu viele Geheimnisse.

Zu viele verlorene Jahre.

Zu viele Menschen, die sie geliebt hatten und die im Schatten leben mussten.

Julian trat neben sie.

Doch diesmal griff Clara nicht nach seiner Hand.

Sie ging auf Adrian zu.

Denn sie hatte etwas gelernt.

Eine Familie war nicht nur das Blut, das durch deine Adern floss.

Eine Familie waren die Menschen, die dich fanden, als du verloren warst.

Die dich hielten, als du gefallen bist.

Und die dich liebten, bevor sie überhaupt wussten, wer du wirklich bist.

Clara umarmte den Mann, der ein Teil ihrer Vergangenheit war.

Und zum ersten Mal seit vierundzwanzig Jahren begann die königliche Familie nicht mit einer Lüge.

Sondern mit der Wahrheit.

Doch niemand im Palast ahnte, dass Adrians Rückkehr eine neue Gefahr mit sich brachte.

Denn in derselben Nacht, in der der verlorene Prinz zurückkehrte, erhielt jemand anderes eine Nachricht:

„Die wahre Erbin lebt.

Und wenn Clara den alten Schwur entdeckt, wird der Thron erneut fallen.“