Evelyns Stimme wurde sanfter.
„Ihre Mutter hat nicht nur an diesem Fonds gearbeitet, Maya. Sie war eine seiner ursprünglichen Kapitalgeberinnen.“
Victoria lachte ungläubig.
„Eine Frau, deren Tochter heute Tische abräumt, soll unser Unternehmen finanziert haben?“
Evelyns Blick wurde hart.
„Ja, Victoria. Genau diese Frau.“
Dann fügte sie hinzu:
„Und wenn die Unterlagen, die ich vor drei Tagen erhalten habe, korrekt sind, könnte ihre Tochter noch immer Ansprüche besitzen, die bisher niemand ordnungsgemäß geprüft hat.“
Arthur sprang so plötzlich auf, dass sein Stuhl über den Parkettboden scharrte.
„Evelyn!“
Alle sahen ihn an.
Er bemerkte seinen Fehler sofort und setzte sich langsam wieder.
Doch es war zu spät.
Evelyn hatte seine Reaktion gesehen.
„Du weißt also, wovon ich spreche“, sagte sie.
Arthur schwieg.
Victoria blickte verwirrt zwischen den beiden hin und her.
„Was für Ansprüche?“
Evelyn faltete ihre Hände.
„Das ist genau die Frage, die wir heute Abend klären werden.“
Maya schüttelte langsam den Kopf.
„Meine Mutter hat mir nie etwas von einem Investmentfonds erzählt.“
„Vielleicht wollte sie Sie schützen.“
„Wovor?“
Evelyn blickte zu Arthur.
„Vor Menschen, die bereit waren, sehr weit zu gehen, um ihre Interessen zu bewahren.“
Arthur schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Das reicht!“
Der plötzliche Ausbruch ließ mehrere Gäste zusammenzucken.
Evelyn blieb vollkommen ruhig.
„Nein, Arthur“, sagte sie. „Ich glaube, wir haben gerade erst angefangen.“
Sie öffnete auf ihrem Telefon eine Datei und drehte den Bildschirm so, dass Arthur ihn sehen konnte.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
Auf dem Bildschirm war ein eingescanntes Dokument zu erkennen.
Oben stand in großen Buchstaben:
BENNETT–STERLING INVESTMENT AGREEMENT
Darunter befand sich ein Datum.
Und am unteren Rand waren zwei Unterschriften zu sehen.
Eine gehörte Eleanor Bennett.
Die andere Arthur Sterling.
Maya beugte sich langsam vor.
Sie erkannte die Handschrift ihrer Mutter sofort.
„Das ist ihre Unterschrift“, flüsterte sie.
Evelyn nickte.
„Ja.“
Victoria schüttelte den Kopf.
„Was soll das beweisen?“
Evelyn blickte sie direkt an.
„Dass die Geschichte deines Unternehmens möglicherweise ganz anders begonnen hat, als man dir erzählt hat.“
Dann wandte sie sich an Arthur.
„Und dass es höchste Zeit ist, über die verschwundenen Unterlagen zu sprechen.“
Arthur starrte sie an.
Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte der mächtige Geschäftsführer von Sterling Capital nicht mehr selbstsicher.
Er wirkte wie ein Mann, der plötzlich begriffen hatte, dass ein lange verborgenes Geheimnis ans Licht kommen könnte.
Doch Evelyn war noch nicht fertig.
Sie nahm einen kleinen versiegelten Umschlag aus ihrer Handtasche.
„Eleanor hat mir diesen Brief vor ihrem Tod anvertraut“, sagte sie. „Mit der ausdrücklichen Bitte, ihn erst zu öffnen, wenn bestimmte Umstände eintreten.“
Maya hielt den Atem an.
„Welche Umstände?“
Evelyn betrachtete die junge Frau lange.
„Wenn jemand versuchen sollte, Ihnen das zu nehmen, was Ihnen rechtmäßig zusteht.“
Sie legte den Umschlag vor Maya auf den Tisch.
Auf der Vorderseite stand in vertrauter Handschrift nur ein einziger Satz:
Für meine Tochter Maya – wenn die Wahrheit endlich ans Licht kommt.
Maya berührte den Umschlag mit zitternden Fingern.
Um sie herum war das luxuriöse Restaurant vollkommen still geworden.
Victoria starrte auf den Brief.
Arthur blickte zur Tür.
Und Evelyn wusste, dass sich das Machtgefüge an Tisch 14 gerade unwiderruflich verändert hatte.
Denn die junge Frau, die Victoria wenige Minuten zuvor mit dreißigtausend Dollar hatte erniedrigen wollen, hielt nun möglicherweise den Schlüssel zu einem Geheimnis in den Händen, das das gesamte Vance-Imperium erschüttern konnte.
Doch was in dem Brief stand, war noch überraschender als alles, was Evelyn bisher enthüllt hatte.
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