# Teil 2: 

**Chihuahua, Mexiko – Oktober 1888**

Mateo Salgado verließ Don Eusebios Laden mit einer schweren Decke über der Schulter, einem Sack Mehl unter dem Arm und einer Dose Milch in seiner Tasche. Zwei Männer trugen hinter ihm das Brennholz, das Doña Mercedes für ihn bezahlt hatte.

Er hätte sich erleichtert fühlen sollen.

Stattdessen lastete die Hilfe auf ihm wie eine Schuld, die er niemals zurückzahlen konnte.

Seit dem Tod seiner Frau hatte Mateo gelernt, mit wenig auszukommen. Er hatte Arbeit auf den Feldern angenommen, Steine auf Baustellen geschleppt und nachts kaputte Zäune repariert. Doch in den vergangenen Wochen war die Arbeit knapp geworden. Ein früher Frost hatte mehrere Ernten beschädigt, und viele Landbesitzer hatten ihre Tagelöhner entlassen.

Nicolás war das Einzige, was ihm geblieben war.

Und Mateo war entschlossen, niemals zuzulassen, dass sein Sohn sich wie eine Last fühlte.

Als sie den Laden erreichten, stand Doña Mercedes bereits neben ihrer Kutsche. Ihr dunkles Kleid bewegte sich im Wind, und ihr Gesicht verriet jene Entschlossenheit, mit der sie ihre Geschäfte führte.

„Señor Salgado.“

Mateo blieb stehen.

„Gnädige Frau?“

„Wo wohnen Sie?“

Er zögerte.

„Am südlichen Rand der Stadt. In einer kleinen Hütte.“

„Ist das Dach dicht?“

„Größtenteils.“

„Und der Ofen?“

Mateo senkte den Blick.

„Er funktioniert.“

Mercedes musterte ihn.

„Das war nicht meine Frage.“

Er antwortete nicht.

Sie seufzte leise und wandte sich an ihren Kutscher.

„Fahren Sie zum Anwesen Los Encinos. Danach bringen Sie uns zu Señor Salgados Hütte.“

Mateo richtete sich sofort auf.

„Nein, gnädige Frau. Sie haben bereits genug getan.“

„Ich habe noch gar nichts getan.“

„Sie haben Milch, Mehl, Decken und Brennholz bezahlt. Ich kann das nicht annehmen, ohne Ihnen etwas zurückzugeben.“

„Dann arbeiten Sie für mich.“

Er sah sie überrascht an.

„Was?“

„Auf meinem Anwesen gibt es Reparaturen, die seit Wochen liegen geblieben sind. Ein Stalltor muss erneuert werden, mehrere Zäune müssen ausgebessert werden, und ein Lagerraum braucht ein neues Dach. Ich bezahle meine Arbeiter ordentlich.“

Mateo betrachtete sie misstrauisch.

„Warum bieten Sie ausgerechnet mir diese Arbeit an?“

Mercedes blickte auf das schlafende Kind in seinen Armen.

„Weil Sie heute in einem Laden standen und lieber auf Brennholz verzichtet hätten, als Ihren Sohn ohne Nahrung zu lassen. Und weil ein Mann, der sich so um sein Kind kümmert, zumindest die Gelegenheit verdient, seine Fähigkeiten zu zeigen.“

Mateo wollte etwas erwidern, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.

Zum ersten Mal seit Monaten bot ihm jemand nicht bloß Almosen an.

Sie bot ihm Arbeit an.

Würde.

Eine Möglichkeit, selbst für Nicolás zu sorgen.

„Ich werde Sie nicht enttäuschen“, sagte er schließlich.

Mercedes wandte sich ab, bevor er bemerkte, dass ihre Augen feucht geworden waren.

Denn sie hatte diesen Satz schon einmal gehört.

Vor neunzehn Jahren, von einem kleinen Jungen mit dunklen Augen, der ihr versprochen hatte, eines Tages ein Pferd ganz allein zu satteln.

Emiliano.

Ihr Sohn.

Der Junge, dessen Zimmer sie seit seinem Tod verschlossen hielt.

—

## Die Hütte am Rand der Stadt

Als Mercedes die Hütte erreichte, verstand sie sofort, weshalb Mateo sich so sehr gegen ihre Hilfe gewehrt hatte.

Das Haus bestand aus groben Holzbrettern und einem schiefen Dach. Zwischen zwei Brettern klaffte ein Spalt, durch den der Wind ungehindert hineinströmte. Neben der Tür lagen ein paar abgebrochene Äste, die kaum für eine Stunde Feuer gereicht hätten.

Im Inneren standen ein schmaler Tisch, zwei Stühle und ein kleines Bett. Eine zweite Decke gab es nicht.

Mercedes sagte zunächst nichts.

Mateo legte Nicolás vorsichtig auf das Bett und entzündete das Feuer. Dann begann er, die neue Decke über eine Leine zu hängen, damit sie die kalte Zugluft vom Schlafplatz seines Sohnes abhielt.

„Sie müssen das nicht ansehen“, sagte er, ohne sich umzudrehen.

„Was genau?“

„Wie wir leben.“

Mercedes sah ihn lange an.

„Ich habe schon größere Häuser gesehen, in denen weniger Liebe herrschte als in dieser Hütte.“

Mateo hielt inne.

Es war eine ungewöhnliche Bemerkung von einer Frau, die ein Anwesen besaß, das größer war als manche Dörfer.

„Meine Frau, Elena, hat das Haus eingerichtet“, sagte er nach einer Weile. „Damals hatten wir kaum etwas. Aber sie konnte aus drei Brettern und einem Stück Stoff etwas machen, das sich wie ein Zuhause anfühlte.“

„Wie lange ist sie schon tot?“

„Sie starb wenige Wochen nach Nicolás’ Geburt.“

Mercedes setzte sich langsam auf einen der Stühle.

„Es tut mir leid.“

Mateo nickte, doch er blickte weiter ins Feuer.

„Sie war die stärkere von uns beiden. Als sie krank wurde, sagte sie mir immer, ich solle mich nicht um sie sorgen. Ich solle mich um den Jungen kümmern.“

Er schluckte.

„Ich habe ihr versprochen, dass ich das tun werde.“

Mercedes dachte an Emiliano. An das Fieber, das nicht weichen wollte. An die Ärzte, die ihre besten Mittel versucht hatten. An die Nacht, in der sie an seinem Bett gesessen und seine kleine Hand gehalten hatte.