TEIL 2:
Ich wachte auf, als die ersten Sonnenstrahlen durch die Vorhänge fielen.
Für einen kurzen Moment wusste ich nicht, wo ich war.
Dann erinnerte ich mich.
Das Hotelzimmer. Der junge Mann. Die Gespräche in der Bar. Und die Entscheidung, die ich am Abend zuvor getroffen hatte.
Ich drehte mich zur anderen Seite des Bettes.
Doch er war verschwunden.
Zuerst dachte ich, er sei nur zum Frühstück gegangen. Auf dem kleinen Tisch standen zwei Gläser Wasser. Daneben lag ein Zettel.
Ich griff danach.
Darauf stand:
**„Es tut mir leid. Du musst mir glauben: Ich wollte dir nicht wehtun. Bitte ruf niemanden an, bevor du die Schublade geöffnet hast.“**
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
Welche Schublade?
Ich stand auf, zog meinen Morgenmantel über und öffnete die kleine Kommode neben dem Bett.
Darin lag meine Handtasche.
Aber sie war nicht mehr so, wie ich sie am Abend zuvor zurückgelassen hatte.
Mein Portemonnaie lag offen darin. Meine Ausweiskarte war herausgenommen worden. Und zwischen meinen persönlichen Papieren steckte ein fremdes Dokument.
Es war eine Kopie eines Bankformulars.
Darauf standen mein vollständiger Name, meine Adresse und eine Kontonummer, die ich nicht kannte.
Unter dem Dokument befand sich eine Unterschrift.
Meine Unterschrift.
Zumindest sah sie genauso aus.
Ich setzte mich auf die Bettkante.
Was hatte dieser Mann mit meinen persönlichen Daten gemacht?
Und warum hatte er mich am Morgen allein gelassen?
### Der Anruf, der alles noch schlimmer machte
Ich nahm mein Handy und wählte die Nummer, die er mir am Abend zuvor gegeben hatte.
Es klingelte lange.
Dann meldete sich eine fremde Stimme.
„Guten Morgen. Wer ist da?“
„Ich suche Daniel. Er hat gestern Abend mit mir in der Bar gesprochen.“
Eine kurze Pause.
„Daniel?“
„Ja. Er ist ungefähr dreißig, arbeitet als Fotograf und …“
Die Frau unterbrach mich.
„Frau Berger, bitte legen Sie nicht auf. Mein Name ist Sophie. Ich bin seine Schwester.“
Ich schluckte.
„Können Sie mir sagen, wo er ist?“
„Er ist nicht mehr hier. Aber ich muss Sie etwas fragen.“
Ihre Stimme klang angespannt.
„Hat Daniel Ihnen gestern irgendwelche Unterlagen gezeigt? Oder Sie gebeten, etwas zu unterschreiben?“
Ich blickte auf das Bankformular.
„Nein. Aber ich habe heute Morgen etwas in meiner Handtasche gefunden.“
„Was genau?“
Ich beschrieb ihr das Dokument.
Am anderen Ende wurde es still.
Dann sagte Sophie:
„Bitte unterschreiben Sie nichts. Und geben Sie niemandem Ihre persönlichen Unterlagen. Ich glaube, Sie sind nicht die erste Frau, die Daniel auf diese Weise kennengelernt hat.“
Mir wurde kalt.
### Wer war der Mann wirklich?
Sophie erklärte mir, dass ihr Bruder seit einigen Monaten als Fotograf arbeitete, aber nicht immer ehrlich mit seiner beruflichen Situation umging.
Er hatte hohe Schulden und war vor Kurzem aus seiner Wohnung ausgezogen.
„Er erzählt Menschen oft Geschichten“, sagte sie. „Er gibt sich als erfolgreicher Fotograf aus, obwohl vieles davon nicht stimmt.“
Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.
„Aber warum sollte er mich kennenlernen wollen?“
Sophie schwieg kurz.
„Weil er offenbar glaubt, dass ältere Menschen allein leben und deshalb leichter zu überzeugen sind, ihm zu helfen.“
Ich legte die Hand auf meine Stirn.
War ich für ihn nur eine Gelegenheit gewesen?
Ein Mensch, dessen Vertrauen er ausnutzen konnte?
„Ich habe ihm doch gar kein Geld gegeben“, sagte ich.
„Vielleicht wollte er das erst später. Haben Sie ihm erzählt, wo Sie wohnen?“
Ich nickte, obwohl sie mich nicht sehen konnte.
„Ja. Und ich habe ihm erzählt, dass ich allein lebe.“
„Dann seien Sie bitte vorsichtig. Ich werde Ihnen helfen, die Sache aufzuklären.“
### Das Dokument in meiner Tasche
Ich fotografierte das Bankformular und schickte es Sophie.
Sie antwortete wenige Minuten später.
**„Das ist kein gewöhnlicher Zettel. Ich kenne dieses Formular. Daniel hat vor einiger Zeit versucht, jemanden dazu zu bringen, eine ähnliche Erklärung zu unterschreiben.“**
Ich spürte, wie meine Hände zitterten.
„Was bedeutet das?“
„Es sieht aus, als sollte damit eine finanzielle Vollmacht vorbereitet werden. Ob das Dokument echt oder gültig ist, muss eine Fachperson prüfen. Aber Ihre Unterschrift darauf ist ein ernstes Warnzeichen.“
Ich erinnerte mich plötzlich an einen Moment in der Bar.
Daniel hatte mich gefragt, ob ich noch Familie in der Stadt hätte.
Ich hatte ihm erzählt, dass meine Kinder weit entfernt lebten und ich mein Haus allein bewohnte.
Er hatte freundlich genickt.
Damals hatte ich seine Aufmerksamkeit für echtes Interesse gehalten.
Jetzt erschien mir jedes Gespräch in einem anderen Licht.
### Die Frau vor dem Hotel
Ich packte meine Sachen zusammen und ging zur Rezeption.
Dort bat ich darum, die Rechnung zu begleichen und eine Kopie der Unterlagen zu erhalten.
Der Mitarbeiter sah mich freundlich an.
„Natürlich, gnädige Frau. Eine Dame hat bereits nach Ihnen gefragt.“
Ich erstarrte.
„Welche Dame?“
„Sie wartet draußen. Sie sagte, sie sei eine Bekannte Ihres Begleiters.“
Ich wollte gerade fragen, wie sie hieß, als eine Frau in einem grauen Mantel durch die Eingangstür kam.
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