Richard versprach, geduldig zu sein.

—

Zwei Tage später erhielt er eine Nachricht.

Evan hatte zugestimmt, ihn zu treffen.

Das Treffen sollte in einem neutralen Café stattfinden. Claire begleitete Richard, weil sie die Verbindung zwischen den beiden Männern hergestellt hatte. Sofia blieb bei einer vertrauten Betreuungsperson.

Richard saß bereits am Fenster, als sich die Tür öffnete.

Ein junger Mann trat ein.

Er war erwachsen geworden. Seine Gesichtszüge waren anders, seine Stimme würde wahrscheinlich anders klingen. Doch als Richard sein rechtes Handgelenk sah, stockte ihm der Atem.

Dort trug Evan tatsächlich das silberne Armband.

Der junge Mann blieb einige Schritte entfernt stehen.

„Richard?“

Richard erhob sich langsam.

„Evan …“

Beide schwiegen.

Dann fragte Evan leise:

„Warum hast du so lange gebraucht?“

Richard spürte, wie ihm die Tränen kamen.

„Ich habe dich jeden einzelnen Tag gesucht. Ich wusste nur nicht, wo ich dich finden sollte.“

Evan setzte sich. Er erzählte, dass er nach seinem Verschwinden zunächst nicht mehr wusste, wie er nach Hause gelangen sollte. Die damaligen Erinnerungen waren lückenhaft gewesen, und sein Name war zunächst das Einzige, woran er sich sicher erinnern konnte.

Er hatte mehrere Jahre gebraucht, um seine Vergangenheit zu ordnen und sich wieder sicher genug zu fühlen, um nach seiner Familie zu suchen.

„Ich dachte irgendwann, ihr wolltet mich vielleicht nicht mehr“, sagte Evan.

Richard schüttelte den Kopf.

„Nein. Niemals.“

Er legte ein altes Foto auf den Tisch.

Es zeigte zwei Jungen vor einem selbstgebauten Baumhaus.

Evan nahm es vorsichtig in die Hand.

„Das erinnere ich mich“, flüsterte er.

Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung lächelte er.

Doch dann wurde sein Gesicht wieder ernst.

„Richard, es gibt etwas, das du wissen solltest. Ich bin damals nicht einfach verschwunden.“

Richard sah ihn erschrocken an.

„Was meinst du?“

Evan drehte das Armband an seinem Handgelenk und öffnete den kleinen runden Anhänger.

Darin befand sich ein winzig gefaltetes Stück Papier.

„Ich habe das seit damals aufbewahrt. Ich wusste nie, ob ich es dir zeigen sollte.“

Richard nahm das Papier vorsichtig entgegen.

Darauf stand in einer Handschrift, die er sofort erkannte, ein einziger Satz:

**„Wenn Evan jemals zurückkommt, darf er nicht erfahren, was an jenem Nachmittag wirklich passiert ist.“**

Richard erkannte die Handschrift.

Es war die Handschrift seines Vaters.

Und plötzlich verstand er, dass das Verschwinden seines kleinen Bruders möglicherweise ein Familiengeheimnis verbarg, das sein Vater bis zu seinem Tod bewahrt hatte.

Evan sah ihn an.

„Richard, ich glaube, unser Vater wusste damals viel mehr, als er uns erzählt hat.“

Doch bevor Richard antworten konnte, klingelte sein Telefon.

Eine unbekannte Nummer.

Er nahm ab.

Am anderen Ende meldete sich eine ältere Frau.

„Herr Whitaker? Mein Name ist Elisabeth. Ich war damals die letzte Person, die Ihren Bruder vor seinem Verschwinden gesehen hat.“

Richard erstarrte.

„Warum melden Sie sich erst jetzt?“

Die Frau schwieg kurz.

Dann sagte sie:

„Weil ich gerade erfahren habe, dass Evan wieder aufgetaucht ist. Und weil ich Ihnen endlich erzählen muss, wer ihn an jenem Nachmittag aus Ihrem Haus begleitet hat.“

Richard blickte zu Evan.

Der junge Mann war kreidebleich geworden.

Denn den Namen, den die Frau als Nächstes nannte, hatte Evan all die Jahre nicht vergessen.

**Und es war nicht der Name eines Fremden.**

Fortsetzung folgt …

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