„Was ist passiert, Anna?“
Sie atmete tief durch.
„Ich habe mich an alle Anweisungen meiner Ärzte gehalten. Ich nehme meine Medikamente, war bei weiteren Untersuchungen und benutze nachts jetzt ein Gerät, das mir beim Atmen helfen soll. Zum ersten Mal seit Monaten wache ich morgens nicht mehr völlig erschöpft auf.“
„Das freut mich sehr“, sagte ich. „Und Luna?“
Anna lachte leise.
„Sie ist immer noch bei mir. Aber seit ich behandelt werde, weckt sie mich kaum noch. Sie schläft neben meinem Bett und beobachtet mich manchmal, als würde sie kontrollieren, ob alles in Ordnung ist.“
Ich lächelte.
„Vielleicht hat sich einfach ihre nächtliche Routine verändert.“
„Vielleicht“, antwortete Anna. „Aber letzte Nacht ist etwas passiert, das ich nicht verstehe.“
Ihre Stimme wurde wieder ernst.
„Luna hat mich um kurz nach zwei Uhr geweckt. Nicht mit ihren Pfoten, wie früher. Sie sprang auf mein Bett, setzte sich neben mich und starrte zur Schlafzimmertür. Dann sprang sie hinunter und lief in den Flur.“
„Haben Sie ihr etwas anmerken können?“
„Sie wirkte aufmerksam. Nicht panisch. Aber sie wollte unbedingt, dass ich ihr folgte.“
Anna war aufgestanden und hatte das Licht eingeschaltet. Luna führte sie bis zur Tür des kleinen Arbeitszimmers, das früher ihrem Mann gehört hatte.
Ihr Mann war vor zwei Jahren gestorben.
Seitdem hatte Anna den Raum kaum noch betreten. Seine Bücher standen noch in den Regalen, seine alte Leselampe lag auf dem Schreibtisch, und in einer Schublade bewahrte sie seine persönlichen Unterlagen auf.
„Als ich die Tür öffnete, hörte ich ein leises Piepen“, erzählte sie.
„Woher kam es?“
„Vom Rauchmelder.“
Anna hatte zunächst geglaubt, die Batterie sei leer. Doch als sie den Raum betrat, bemerkte sie einen ungewöhnlichen Geruch. Sie verließ sofort den Raum, schloss die Tür hinter sich und rief die Feuerwehr.
Die Einsatzkräfte überprüften das Haus sorgfältig. Sie fanden eine überhitzte elektrische Komponente in einem älteren Gerät, das noch an eine Steckdose angeschlossen war. Es hatte bereits begonnen, sich stark zu erwärmen. Ein offenes Feuer war noch nicht entstanden, aber die Feuerwehr erklärte, dass die Situation gefährlich hätte werden können.
Anna stand im Garten, während die Einsatzkräfte das Haus belüfteten.
Luna saß neben ihr in ihrer Transportbox.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich wegen einer Katze einmal die Feuerwehr rufen würde“, sagte Anna am Telefon.
„Sie haben richtig gehandelt“, antwortete ich. „Und es war gut, dass Sie das Haus verlassen und die Fachleute gerufen haben.“
Dann schwieg Anna kurz.
„Wissen Sie, was mich am meisten beschäftigt?“
„Was denn?“
„Früher habe ich mich über Luna geärgert. Ich dachte, sie wolle mir meinen Schlaf wegnehmen. Dabei habe ich nie darüber nachgedacht, dass ich vielleicht genauer hinschauen sollte, wenn sie sich ungewöhnlich verhält.“
Ich antwortete vorsichtig.
„Tiere können auf Geräusche, Gerüche und Veränderungen in ihrer Umgebung reagieren, die Menschen nicht sofort bemerken. Aber wir können nicht immer wissen, was sie wahrnehmen oder warum sie etwas tun. Wichtig ist, dass Sie diesmal auf ihre ungewöhnliche Reaktion geachtet und die Situation sicher überprüfen lassen haben.“
Anna stimmte mir zu.
Doch ihre Geschichte war damit noch nicht zu Ende.
—
## Ein altes Foto verändert alles
Einige Tage später kam Anna mit Luna zu einer Nachkontrolle in die Klinik.
Die Katze wirkte entspannt. Sie ließ sich untersuchen, schnurrte leise und strich anschließend um Annas Beine.
Während ich die letzten Werte in die Akte eintrug, zog Anna ein kleines Foto aus ihrer Handtasche.
„Ich wollte Ihnen das zeigen.“
Auf dem Bild war eine junge Frau zu sehen, die eine graue Katze auf dem Arm hielt.
„Das bin ich“, erklärte Anna. „Vor ungefähr dreißig Jahren. Und die Katze hieß ebenfalls Luna.“
Ich sah genauer hin.
Die Ähnlichkeit war bemerkenswert. Auch die Katze auf dem Foto hatte dichtes graues Fell und auffallend helle Augen.
„War das Ihre erste Katze?“
Anna nickte.
„Sie begleitete mich durch eine sehr schwierige Zeit. Als ich meinen Mann kennenlernte, war sie immer an meiner Seite. Als sie starb, sagte er zu mir, dass ich irgendwann wieder eine Katze haben sollte.“
Sie strich mit dem Finger über das Foto.
„Als wir später diese Luna aus dem Tierheim adoptierten, hatte ich den Namen eigentlich gar nicht vorgeschlagen. Mein Mann tat es. Er sagte, die Katze habe ihn an unsere alte Luna erinnert.“
Anna lächelte traurig.
„Mein Mann starb wenige Monate später. Und ich glaube, ich habe mich so sehr an die Vorstellung geklammert, dass Luna mich nachts störte, weil ich nicht wahrhaben wollte, wie einsam ich geworden war.“
Ich ließ ihr Zeit.
„Manchmal“, fuhr sie fort, „war ich wütend, weil sie mich aus dem Bett holte. Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, war sie oft das Einzige, das mich dazu brachte, aufzustehen, mich zu bewegen und nicht den ganzen Tag allein in meinem Schlafzimmer zu verbringen.“
„Das klingt, als hätte sie Ihnen auf ihre eigene Art Gesellschaft geleistet“, sagte ich.
Anna nickte.
Popular Posts
→- 1
- 2
- 3
- 4
Recently Viewed
Stories you read recently will appear here.



