Die Königin ließ sämtliche Aufzeichnungen aus den vergangenen zwanzig Jahren zusammentragen.

Dann wandte sie sich Rose zu.

„Du hast zwei Treffer erzielt. Der dritte Versuch steht dir noch zu. Möchtest du weitermachen?“

Rose sah auf den Pfeil in ihrer Hand.

„Ja, Majestät.“

Sie stellte sich erneut an die Linie.

Diesmal war die Zielscheibe überprüft und sicher befestigt worden. Die Wachen standen still, und die Zuschauer warteten gespannt.

Rose hob den Bogen.

Ein Atemzug.

Ein kurzer Moment der Konzentration.

Dann ließ sie die Sehne los.

Der dritte Pfeil flog durch die Arena und traf genau die Mitte.

Für einen Herzschlag sagte niemand etwas.

Dann brach Jubel aus.

Die Menschen sprangen auf, riefen ihren Namen und applaudierten.

Rose senkte den Bogen.

Sie hatte es geschafft.

Die Königin stand auf und verkündete:

„Rose, Tochter von Thomas, du hast die Prüfung bestanden. Nach dem Gesetz dieser Herausforderung steht dir ein Wunsch zu.“

Sie machte eine kurze Pause.

„Was möchtest du? Gold? Ein Haus? Ein Stück Land? Eine Stellung am Hof? Sprich, und ich werde prüfen lassen, wie ich deinen Wunsch erfüllen kann.“

Rose blickte in die Menge.

Dann sah sie der Königin direkt in die Augen.

„Ich möchte, dass der Name meines Vaters reingewaschen wird.“

Ein erstauntes Raunen ging durch die Arena.

Die Königin antwortete nicht sofort.

Rose fuhr fort:

„Ich möchte nicht reich werden. Ich möchte nicht in einem Palast leben. Mein Vater hat sein Leben lang geglaubt, dass die Menschen ihn für einen Betrüger halten. Ich möchte, dass sein Name wieder mit Ehre ausgesprochen werden kann.“

Die Königin senkte den Blick.

„Das ist dein Wunsch?“

„Ja, Majestät. Und ich möchte, dass kein anderer Mensch wegen einer unfairen Prüfung seine Zukunft verliert.“

TEIL 5 – DIE WAHRHEIT ÜBER ZWANZIG JAHRE

Noch am selben Tag ordnete die Königin eine Untersuchung an.

Die alten Unterlagen wurden geprüft. Ehemalige Handwerker, Bedienstete und Teilnehmer wurden befragt.

Dabei kam eine Wahrheit ans Licht, die den gesamten Hof erschütterte.

Der damalige königliche Berater hatte vor zwanzig Jahren angeordnet, die Zielscheibe nach den ersten beiden Treffern instabiler zu machen.

Er hatte behauptet, dies sei notwendig, um die Prüfung schwieriger und die königliche Tradition besonders eindrucksvoll zu gestalten.

Doch seine Entscheidung hatte weitreichende Folgen gehabt.

Zahlreiche Menschen waren gescheitert. Einige hatten Geld und Besitz verloren, weil sie ihre Teilnahme vorbereitet hatten. Andere waren öffentlich verspottet worden.

Und Thomas, Roses Vater, hatte seine Stellung verloren, nachdem er die Veränderung bemerkt und öffentlich angesprochen hatte.

Der damalige Berater war inzwischen verstorben. Doch die Dokumente und Zeugenaussagen belegten, dass Thomas die Wahrheit gesagt hatte.

Die Königin ließ eine öffentliche Erklärung verlesen.

„Thomas war kein Betrüger. Er war ein ehrlicher Mann, dessen Warnung wir nicht ernst genug genommen haben. Seine Familie hat Unrecht erfahren, und dafür trägt die Krone Verantwortung.“

Sie ordnete an, Roses Familie das verlorene Eigentum zurückzugeben und eine Entschädigung zu leisten.

Doch Rose bat um eine weitere Änderung.

Die Prüfung sollte künftig nicht mehr auf einer manipulierten Zielscheibe stattfinden. Die Regeln sollten öffentlich überprüfbar sein, und unabhängige Handwerker sollten die Anlage vor jedem Wettbewerb kontrollieren.

Die Königin stimmte zu.

TEIL 6 – EIN NEUER ANFANG FÜR DAS GANZE KÖNIGREICH

Einige Monate später wurde die königliche Herausforderung erneut veranstaltet.

Diesmal war die Zielscheibe neu angefertigt worden. Die Konstruktion war für alle sichtbar, und jeder Teilnehmer durfte sie vor Beginn der Prüfung kontrollieren lassen.

Rose stand diesmal nicht unter den Schützen.

Sie hatte eine andere Aufgabe übernommen.

Die Königin hatte sie gebeten, an einem neuen Ausbildungsprogramm für junge Bogenschützen mitzuwirken. Rose sollte dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche unabhängig von ihrer Herkunft eine faire Möglichkeit erhielten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

Sie nahm das Angebot an.

Nicht, weil sie eine königliche Stellung begehrte, sondern weil sie wusste, wie es sich anfühlte, wenn einem Menschen niemand glaubte.

Vor Beginn der neuen Prüfung trat die Königin auf die Bühne.

„Zwanzig Jahre lang glaubten wir, diese Tradition würde zeigen, wer der beste Schütze unseres Reiches ist“, sagte sie. „Heute wissen wir, dass eine Herausforderung nur dann gerecht ist, wenn auch ihre Regeln gerecht sind.“

Dann bat sie Rose nach vorne.

Die junge Frau trug wieder ihr schlichtes braunes Kleid. Ihre geflochtenen Haare waren dieselben wie am Tag ihres ersten Auftritts.

Die Königin überreichte ihr eine kleine silberne Plakette.

Darauf standen nur wenige Worte:

„Für Mut, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit.“

Rose nahm sie entgegen.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte sie an ihren Vater denken, ohne dass sich Scham oder Trauer mit seinem Namen verbanden.

Sie blickte zum Himmel und flüsterte:

„Du hattest recht, Vater. Sie haben dir endlich zugehört.“

Und während die nächste Generation von Bogenschützen ihre Plätze einnahm, wurde im ganzen Königreich eine neue Regel bekannt:

Ein Wunsch darf niemals wichtiger sein als die Wahrheit. Und eine Tradition ist nur dann etwas wert, wenn sie niemanden ungerecht behandelt.