Darin standen mehrere Daten, Namen und kurze Aufzeichnungen über die Übergabe von Briefen. Einige Einträge stimmten mit den Tagen überein, an denen Richard dem König angebliche Beweise gegen Eleonora vorgelegt hatte.

Edgar schloss für einen Moment die Augen.

Als er sie wieder öffnete, war sein Gesicht nicht mehr zornig.

Es war von tiefer Scham gezeichnet.

„Lord Richard“, sagte er, „Ihr werdet bis zum Abschluss einer vollständigen Untersuchung unter Aufsicht gestellt. Alle Dokumente und Eure bisherigen Entscheidungen werden überprüft.“

Zwei Wachen traten vor.

Richard wich zurück.

„Eure Majestät, Ihr könnt das nicht tun! Ich habe Euch jahrelang gedient!“

„Und gerade deshalb hätte ich niemals erwartet, dass Ihr mein Vertrauen auf diese Weise missbraucht.“

Die Wachen führten ihn aus dem Saal.

Doch der König blieb regungslos stehen.

Vor ihm saß seine Gemahlin, die er beinahe für ein Verbrechen bestraft hätte, das sie niemals begangen hatte.

Er ging langsam zu ihr.

„Eleonora …“

Sie sah ihn an, sagte aber nichts.

„Ich habe einen schrecklichen Fehler begangen.“

„Einen Fehler?“, fragte sie leise. „Ihr habt mich verurteilt, ohne mich anzuhören. Ihr habt meinen Namen vor dem ganzen Hof beschmutzt. Und Ihr wart bereit, mir eine Strafe aufzuerlegen, die ich niemals verdient habe.“

Edgar senkte den Kopf.

„Ich weiß, dass eine Entschuldigung nicht ausreicht.“

„Nein“, antwortete sie. „Das tut sie nicht.“

Der König kniete vor ihr nieder.

Ein entsetztes Murmeln ging durch die Reihen. Noch nie hatte man Edgar vor jemand anderem als seinem verstorbenen Vater auf die Knie gehen sehen.

„Ich werde dafür sorgen, dass die Wahrheit öffentlich bekannt wird. Niemand soll jemals wieder behaupten können, Ihr hättet das Königreich verraten.“

Eleonora betrachtete ihn lange.

„Dann müsst Ihr zuerst lernen, nicht jedes Wort zu glauben, das Euch jemand zuflüstert.“

Der König nickte.

Am nächsten Morgen wurde eine öffentliche Untersuchung angekündigt. Die gefälschten Briefe wurden mit den Originaldokumenten verglichen, Zeugen angehört und die Verbindungen zwischen Lord Richard und seinen ausländischen Kontakten geprüft.

Nach und nach kam ans Licht, dass Richard nicht allein gehandelt hatte.

Mehrere Höflinge hatten ihm geholfen, weil sie hofften, nach Eleonoras Sturz selbst an Einfluss zu gewinnen. Sie hatten Gerüchte verbreitet, Aussagen verfälscht und dafür gesorgt, dass die Königin immer mehr isoliert wurde.

Doch eine Frage blieb offen.

Warum hatte Richard ausgerechnet behauptet, Eleonora wolle mit einem Mann aus dem feindlichen Land fliehen?

Als Graf Wilhelm die ursprüngliche Liste der angeblichen Briefe untersuchte, entdeckte er einen Namen, der in keinem der offiziellen Berichte erwähnt worden war.

**Prinz Alexander von Valen.**

Der Name ließ Eleonora sofort erstarren.

Der König bemerkte ihre Reaktion.

„Kennt Ihr diesen Mann?“

Sie nickte langsam.

„Ja. Aber nicht so, wie Richard behauptet hat.“

„Wer ist er?“

Eleonora sah zu Graf Wilhelm.

„Er war derjenige, der mich vor einigen Monaten heimlich vor einer Gefahr warnen wollte.“

Edgar runzelte die Stirn.

„Vor welcher Gefahr?“

Eleonora schwieg kurz.

Dann erklärte sie, dass Alexander ihr vor langer Zeit eine Nachricht überbringen ließ. Darin hatte er sie gewarnt, dass jemand am Hof versuchte, wichtige königliche Dokumente verschwinden zu lassen. Sie hatte daraufhin um eine persönliche Unterredung gebeten, um die Angelegenheit aufzuklären.

Doch zu diesem Treffen war es nie gekommen.

Die Nachricht war abgefangen worden.

Und wenige Tage später hatte Richard dem König den ersten angeblichen Liebesbrief präsentiert.

Edgar wurde blass.

„Ihr wollt mir sagen, dass Ihr nie vorhattet, mit ihm zu fliehen?“

„Nein. Ich wollte Euch warnen. Aber ich wusste nicht, wem ich noch vertrauen konnte.“

Graf Wilhelm nahm einen weiteren Brief aus seiner Mappe.

„Eure Majestät, ich habe diesen Brief gestern Abend in einem alten Archivfach gefunden. Er wurde vor mehreren Monaten vom Prinzen geschickt.“

Edgar öffnete ihn.

Die ersten Zeilen waren an Eleonora gerichtet. Doch weiter unten stand eine Nachricht, die den König völlig verstummen ließ:

*„Wenn Ihr diese Zeilen lest, bedeutet das, dass Richard seinen Plan bereits begonnen hat. Doch er ist nicht derjenige, der die gefälschten Briefe ursprünglich in Auftrag gegeben hat. Er handelt auf Befehl einer Person, die viel näher am Thron steht, als Ihr vermutet.“*

Edgar blickte langsam auf.

„Wer hat diesen Brief geschrieben?“

Graf Wilhelm deutete auf die Unterschrift.

**Prinz Alexander von Valen.**

Doch unter seinem Namen befand sich noch ein zweites Zeichen.

Das persönliche Siegel der verstorbenen Königinmutter.

Eleonora wurde kreidebleich.

Denn sie wusste, dass dieses Siegel seit Jahren als verloren galt.

Und wenn der Brief echt war, bedeutete das, dass die Intrige gegen sie möglicherweise schon lange vor ihrer Hochzeit begonnen hatte.

Der König hielt das Papier fest in seiner Hand.

„Wir müssen herausfinden, wer wirklich hinter all dem steckt.“

Eleonora blickte ihn ernst an.

„Dann solltet Ihr vielleicht zuerst die Menschen befragen, die Euch am nächsten stehen.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür.

Ein junger Page trat ein und übergab dem König eine kleine Schachtel.

„Eure Majestät, diese wurde soeben in Euren privaten Gemächern gefunden.“

Edgar öffnete sie vorsichtig.

Darin lag ein goldener Ring.