Teil 2 –

Ich sah meinen Mann einige Sekunden lang schweigend an.

Vor mir stand ein Teller mit Nudeln. Auf seinem Teller lagen sämtliche fünf Fleischpflanzerl, die ich am Nachmittag mit viel Mühe zubereitet hatte.

Er aß bereits das erste und schien sich köstlich zu amüsieren.

„Was ist?“, fragte er mit vollem Mund. „Hast du plötzlich keinen Hunger mehr?“

Ich blickte auf seinen Teller und dann wieder in sein Gesicht.

„Du meinst also wirklich, dass ich kein Fleisch verdiene, weil ich momentan kein eigenes Geld verdiene?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Genau das meine ich. So einfach ist das.“

Normalerweise hätte ich mich wahrscheinlich geärgert, vielleicht sogar geweint. Doch an diesem Abend passierte etwas anderes.

Ich stand auf, nahm meinen Teller mit den Nudeln und stellte ihn in die Spüle.

Mein Mann lachte.

„Na also! Endlich hast du verstanden, wie die Dinge hier laufen.“

Ich antwortete nicht.

Stattdessen ging ich ins Wohnzimmer, holte meinen Laptop und setzte mich an den Esstisch.

Er bemerkte es zunächst nicht einmal.

„Was machst du da?“, fragte er schließlich.

„Ich überprüfe etwas.“

„Was denn?“

Ich sah ihn ruhig an.

„Wie viel du eigentlich glaubst, dass ich in diesem Haus wert bin.“

Er lachte erneut.

„Jetzt wirst du aber dramatisch.“

Doch ich hatte bereits begonnen, eine Tabelle zu öffnen.

### Die Rechnung, mit der er nicht gerechnet hatte

Mein Mann hieß Thomas. Wir waren seit zwölf Jahren verheiratet.

Als wir uns kennengelernt hatten, arbeitete ich in einer kleinen Verwaltung. Ich hatte mein eigenes Gehalt, meine eigenen Ersparnisse und klare Vorstellungen von meiner Zukunft.

Doch als unsere beiden Kinder geboren wurden, beschlossen wir gemeinsam, dass ich zunächst zu Hause bleiben sollte.

Thomas verdiente damals deutlich mehr als ich. Wir waren der Meinung, dass es für unsere Familie einfacher wäre, wenn ich mich um die Kinder kümmerte und den Haushalt organisierte.

Es war eine gemeinsame Entscheidung gewesen.

Zumindest hatte ich das geglaubt.

Mit den Jahren hatte Thomas jedoch begonnen, meine Arbeit als selbstverständlich anzusehen.

Er musste nie darüber nachdenken, wer morgens die Kinder weckte, ihre Schulbrote vorbereitete, Arzttermine vereinbarte, einkaufte, kochte, putzte, Wäsche wusch oder sich um die unzähligen kleinen Dinge kümmerte, ohne die unser Alltag nicht funktionieren würde.

Er kam nach Hause und erwartete, dass alles erledigt war.

Und offenbar glaubte er inzwischen, dass all das nichts wert war.

Ich öffnete eine Tabelle.

Darin standen unsere monatlichen Ausgaben, die Haushaltskosten und die Aufgaben, die ich regelmäßig übernahm.

Ich begann, alles aufzuschreiben.

Einkäufe.

Essensplanung.

Kinderbetreuung.

Fahrten zur Schule.

Arzttermine.

Hausarbeit.

Organisation von Familienfeiern.

Behördliche Angelegenheiten.

Und vieles mehr.

Thomas beugte sich über meine Schulter.

„Was soll dieser Unsinn?“

„Eine Übersicht.“

„Über was?“

„Über alles, was du offenbar nicht bemerkst.“

Er schnaubte.

„Du willst jetzt ernsthaft deine Hausarbeit mit meinem Gehalt vergleichen?“

Ich klappte den Laptop nicht zu.

„Nein, Thomas. Ich möchte dir nur zeigen, dass Geld verdienen nicht die einzige Arbeit ist, die eine Familie am Leben hält.“

Er verdrehte die Augen.

„Dann geh doch arbeiten, wenn du so unzufrieden bist.“

Ich nickte langsam.

„Vielleicht sollte ich das tatsächlich tun.“

Er lachte wieder.

Doch diesmal lachte ich nicht mit.

### Am nächsten Morgen änderte sich alles

Am nächsten Morgen stand ich wie gewohnt früh auf.

Ich bereitete Frühstück für die Kinder zu, half ihnen bei ihren Schulsachen und verabschiedete sie an der Haustür.

Thomas saß bereits am Küchentisch und las Nachrichten auf seinem Handy.

„Machst du mir noch einen Kaffee?“, fragte er, ohne aufzusehen.

Ich stellte meine Tasse ab.

„Die Kaffeemaschine steht dort.“

Er hob überrascht den Kopf.

„Wie bitte?“

„Du kannst dir deinen Kaffee selbst machen.“

Er sah mich an, als hätte ich gerade eine fremde Sprache gesprochen.

„Was ist denn heute mit dir los?“

„Nichts. Ich habe nur beschlossen, dass wir einige Dinge ändern müssen.“

Er schob sein Handy zur Seite.

„Jetzt komm mir nicht wieder mit deiner Rechnung von gestern.“

Ich holte einen Umschlag aus meiner Tasche und legte ihn vor ihn.

„Lies das bitte.“

Er öffnete den Umschlag.

Darin befand sich eine Kopie meiner alten Bewerbungsunterlagen, mein Abschlusszeugnis und ein Dokument über meine frühere berufliche Tätigkeit.

„Was soll das?“, fragte er.

„Ich habe gestern Abend eine ehemalige Kollegin angerufen. Sie arbeitet inzwischen in einem Unternehmen, das gerade eine Stelle in Teilzeit ausgeschrieben hat.“

Thomas blickte mich ungläubig an.

„Du willst wieder arbeiten?“

„Ja.“

„Und wer kümmert sich dann um die Kinder? Wer kocht? Wer macht den Haushalt?“

Ich sah ihn ruhig an.

„Genau darüber sollten wir sprechen. Denn bisher hast du so getan, als wären all diese Aufgaben ausschließlich meine Verantwortung.“

Er legte die Unterlagen auf den Tisch.

„Du übertreibst völlig.“

„Nein, Thomas. Ich habe zwölf Jahre lang vieles übernommen, weil wir es gemeinsam so entschieden hatten. Aber ich werde nicht länger akzeptieren, dass du daraus machst, ich wäre deshalb weniger wert.“

### Die Überraschung in seinem Büro

Zwei Wochen später erhielt ich tatsächlich eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch.