Als sie dem Hund eine Schale Wasser hinstellte, trank er nur wenige Schlucke. Anschließend hob er den Kopf und blickte immer wieder in Richtung der Felsen, als würde er auf jemanden warten.
„Vielleicht war der Mann sein Besitzer“, vermutete Julia.
„Dann müssen wir unbedingt herausfinden, ob es ihm gut geht“, antwortete Anna.
Eine Stunde später klingelte plötzlich Annas Telefon.
Es war eine Mitarbeiterin des Krankenhauses, die über die Polizei von dem Vorfall erfahren hatte. Der verletzte Mann war inzwischen stabilisiert worden und hatte das Bewusstsein wiedererlangt.
Er hatte nach einem Hund gefragt.
Einem Hund mit rötlich-braunem Fell und einem alten Halsband.
Als Anna das hörte, bekam sie eine Gänsehaut.
„Wir haben ihn hier“, sagte sie sofort. „Er hat uns zu dem Mann geführt.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte für einen Augenblick Stille.
Dann bat die Mitarbeiterin sie, den Hund vorerst gut zu beaufsichtigen. Sobald es möglich sei, sollte der Mann Besuch bekommen.
Doch bevor die Frauen aufbrechen konnten, bemerkten sie, dass Balu plötzlich aufstand und zur Straße lief. Er blieb dort stehen, drehte sich um und sah die Gruppe erwartungsvoll an.
Es war, als hätte er verstanden, dass sie nun gemeinsam zum nächsten Ort gehen mussten.
Die Begegnung im Krankenhaus
Am späten Nachmittag durften zwei der Frauen Balu zum Krankenhaus bringen. Anna und Julia begleiteten ihn, während die anderen drei am Strand auf ihre Rückkehr warteten.
Vor dem Eingang kam ihnen eine Krankenschwester entgegen.
„Sind Sie die Frauen, die den Mann am Strand gefunden haben?“, fragte sie.
Anna nickte.
„Dann kommen Sie bitte mit. Er möchte Ihnen danken.“
Balu lief neben ihnen her. Als sie das Zimmer betraten, lag dort ein Mann mittleren Alters, dessen Kopf verbunden war. Er sah blass und erschöpft aus, aber er war bei Bewusstsein.
Sobald er den Hund erblickte, richtete er sich ein wenig auf.
„Balu …“
Seine Stimme brach.
Der Hund gab einen leisen Laut von sich, lief zu seinem Bett und legte den Kopf vorsichtig auf die Matratze.
Der Mann streichelte ihn mit zitternder Hand.
„Du hast mich gefunden, mein Junge.“
Dann wandte er sich an die Frauen.
„Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Ich war am Wasser entlanggegangen, als ich auf einem glatten Felsen den Halt verlor. Danach erinnere ich mich an fast nichts mehr.“
Er schluckte schwer.
„Aber Balu ist nicht einfach weggelaufen. Er ist bei mir geblieben. Als ich nicht mehr aufstehen konnte, muss er Hilfe gesucht haben.“
Anna sah zu Julia. Beide hatten Tränen in den Augen.
Doch dann bemerkte Julia, dass der Mann sie plötzlich sehr ernst ansah.
„Darf ich Sie etwas fragen?“, sagte er.
„Natürlich“, antwortete Anna.
„Haben Sie sich die Flecken auf seinem Fell genauer angesehen?“
Die Frauen nickten.
Der Mann schloss kurz die Augen.
„Das Blut stammt von mir. Als ich stürzte, muss Balu versucht haben, zu mir zu gelangen. Er hat sich dabei an den scharfkantigen Steinen leicht verletzt.“
Anna erschrak.
„Aber er hat überhaupt nicht gehinkt!“
„Balu ist sehr tapfer“, antwortete der Mann mit einem schwachen Lächeln. „Manchmal sogar zu tapfer.“
Die Krankenschwester untersuchte den Hund anschließend kurz und stellte fest, dass er kleinere Verletzungen an den Pfoten hatte. Nichts davon schien lebensbedrohlich, aber die Stellen mussten gereinigt und versorgt werden.
Während sich das Personal darum kümmerte, erzählte der Mann den Frauen seine Geschichte.
Er hieß Thomas und lebte allein, seit seine Frau vor einigen Jahren gestorben war. Balu hatte er damals aus einem Tierheim adoptiert.
„In einer Zeit, in der ich kaum mit jemandem sprechen wollte, war er immer an meiner Seite“, sagte Thomas. „Er hat mich wieder dazu gebracht, jeden Morgen aufzustehen und nach draußen zu gehen.“
Er sah seinen Hund an.
„Und heute hat er mir wahrscheinlich das Leben gerettet.“
Doch am nächsten Morgen wartete eine weitere Überraschung …
Am folgenden Tag kehrten Anna und Julia ins Krankenhaus zurück, um nach Thomas und Balu zu sehen.
Thomas saß bereits aufrecht im Bett. Der Arzt hatte ihm erklärt, dass er sich erholen müsse, aber die ersten Anzeichen waren ermutigend.
Als er die beiden Frauen sah, lächelte er.
„Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, was gestern passiert ist“, sagte er. „Und ich glaube, ich habe Ihnen noch gar nicht erzählt, warum Balu überhaupt mit mir am Strand war.“
Die Frauen sahen ihn neugierig an.
Thomas griff nach seinem Telefon und zeigte ihnen ein Foto.
Darauf war ein kleines Mädchen zu sehen, das lachend neben Balu auf einer Wiese saß.
„Das ist meine Enkelin Sophie“, erklärte er. „Sie liebt diesen Hund mehr als alles andere.“
Er machte eine kurze Pause.
„Sie hat Balu beigebracht, dass man Menschen nicht nur dann helfen sollte, wenn sie einen darum bitten. Sie hat immer gesagt: Wenn jemand Hilfe braucht, darf man nicht einfach wegsehen.“
Anna spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Thomas lächelte traurig.
„Gestern hat Balu genau das getan.“
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