TEIL 2:

Bella rannte, ohne zu wissen, wohin.

Hinter ihr hörte sie Stimmen. Eine Autotür wurde zugeschlagen. Dann fiel irgendwo im Haus etwas Schweres zu Boden.

Sie wagte nicht, stehen zu bleiben.

Erst als sie die kleine Landstraße erreicht hatte, blieb sie unter einer Straßenlaterne stehen. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie beinahe ihr Handy fallen ließ.

Sie wählte die Nummer ihres Mannes.

Einmal.

Zweimal.

Keine Antwort.

Dann erschien eine Nachricht auf ihrem Display.

**„Bella, egal, was mein Vater dir gesagt hat: Komm sofort zurück. Wir müssen reden.“**

Bella starrte auf den Bildschirm.

Woher wusste ihr Mann, dass sie gegangen war?

Und warum schrieb er nicht, dass er sie suchte oder dass sie in Sicherheit bleiben sollte?

Sie wollte gerade antworten, als eine weitere Nachricht eintraf.

Diesmal von ihrem Schwiegervater.

**„Steig in ein Taxi und fahr zur Adresse auf dem Zettel in deiner Handtasche. Vertraue vorerst niemandem aus meiner Familie. Auch meinem Sohn nicht.“**

Bella erstarrte.

Sie öffnete ihre Handtasche und fand tatsächlich einen kleinen gefalteten Zettel.

Darauf stand eine Adresse und darunter ein Name:

**Dr. Martin Keller – Rechtsanwalt.**

### Der Mann, der die Wahrheit kannte

Eine halbe Stunde später saß Bella in einem kleinen Büro am anderen Ende der Stadt.

Der Anwalt war ein älterer Mann mit silbernen Haaren. Als er die Tür öffnete und Bella erkannte, bat er sie sofort herein.

„Frau Berger?“

Bella nickte.

„Mein Schwiegervater hat mich geschickt. Er hat mir Geld gegeben und gesagt, ich müsse verschwinden.“

Der Anwalt schloss die Tür.

„Dann ist es also passiert.“

Bella sah ihn erschrocken an.

„Was ist passiert? Bitte sagen Sie mir endlich, was hier los ist!“

Dr. Keller stellte ihr ein Glas Wasser hin.

„Ihr Schwiegervater hatte seit einigen Wochen den Verdacht, dass sein Sohn in eine gefährliche finanzielle Angelegenheit verwickelt ist. Er hat versucht, die Hintergründe herauszufinden.“

„Mein Mann Daniel?“

„Ja.“

Bella schüttelte ungläubig den Kopf.

Daniel war charmant gewesen. Aufmerksam. Er hatte ihr erzählt, dass seine Familie ein großes Unternehmen besaß und sein Vater lediglich etwas streng sei.

Sie hatte geglaubt, in eine wohlhabende, aber gewöhnliche Familie einzuheiraten.

„Was hat Daniel getan?“

Der Anwalt öffnete eine Mappe.

„Es geht um mehrere Verträge, erhebliche Geldbeträge und eine Vereinbarung, die angeblich Ihre Unterschrift trägt.“

Bella wurde blass.

„Meine Unterschrift?“

„Ja. Nach dieser Vereinbarung sollten Sie nach der Hochzeit eine wichtige Rolle in einer finanziellen Angelegenheit übernehmen. Allerdings gibt es Zweifel daran, ob Sie jemals über den Inhalt informiert wurden.“

Bella erinnerte sich plötzlich an die vielen Dokumente, die Daniel ihr in den vergangenen Wochen vorgelegt hatte.

Er hatte gesagt, es seien nur Formalitäten für die gemeinsame Zukunft.

Sie hatte einige Seiten unterschrieben.

Doch nicht alles.

„Ich habe nichts über achthunderttausend Dollar oder irgendwelche Geschäfte gewusst“, flüsterte sie.

„Das wird jetzt genau geprüft. Wichtig ist, dass Sie nichts unterschreiben, bevor Ihre eigene Rechtsvertretung alles geprüft hat.“

### Warum ihr Schwiegervater sie rettete

Dr. Keller zog ein weiteres Dokument hervor.

Es war eine Kopie einer E-Mail.

Der Absender war ein Mann namens Victor.

Der Empfänger war Daniel.

Der Betreff lautete:

**„Nach der Hochzeit – letzte offene Frage“**

Bella begann zu lesen.

In der Nachricht stand, dass mehrere Personen am selben Abend im Haus eintreffen würden. Sie wollten Unterlagen abholen, die sich angeblich im Arbeitszimmer von Daniels Vater befanden.

Doch darunter stand ein Satz, der Bella den Atem stocken ließ:

**„Die Braut darf auf keinen Fall erfahren, welche Rolle sie in der Vereinbarung spielt.“**

Bella legte das Papier hin.

„Warum ich? Was wollen diese Menschen von mir?“

Der Anwalt antwortete vorsichtig:

„Das wissen wir noch nicht vollständig. Aber Ihr Schwiegervater glaubt offenbar, dass Sie in eine Angelegenheit hineingezogen wurden, ohne die Folgen zu kennen.“

„Und die Männer, die heute Nacht gekommen sind?“

„Einer von ihnen ist vermutlich Victor. Die Identität der anderen muss noch geklärt werden.“

Bella presste die Hände zusammen.

„Mein Schwiegervater hat mich gerettet. Aber was ist mit ihm?“

Dr. Keller schwieg einen Moment.

„Er hat mir vor Ihrer Ankunft eine Nachricht geschickt. Er wollte, dass ich Sie in Sicherheit bringe. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.“

### Daniels Anruf

Kurz nach drei Uhr morgens klingelte Bellas Handy.

Daniel.

Sie zögerte, nahm aber schließlich ab.

„Bella! Wo bist du?“

Seine Stimme klang aufgebracht.

„Bist du in Sicherheit?“

Bella schwieg.

„Bitte, du musst mir zuhören. Mein Vater hat dich belogen. Er ist nicht mehr ganz bei Verstand. Er versucht seit Jahren, mich aus der Firma zu drängen.“

„Warum hat er mir dann achthunderttausend Dollar gegeben?“

Am anderen Ende herrschte Stille.

Dann sagte Daniel:

„Du hast das Geld genommen?“

Bella schloss die Augen.

Das war seine erste Frage.

Nicht, ob sie Angst hatte.

Nicht, ob sie verletzt war.

Nur das Geld.

„Daniel, was hast du mit mir vor?“

„Nichts! Ich liebe dich. Komm einfach nach Hause. Wir können alles erklären.“

„Wer waren die Männer?“

„Geschäftspartner.“