Die Dorfbewohner standen lange am Fluss, unfähig zu glauben, was sie gerade mit eigenen Augen gesehen hatten. Aber keiner von ihnen wusste, dass dies nicht ihre letzte Begegnung mit demselben Tiger sein würde.

Denn ein paar Tage später, mitten in der Nacht, hallte dieses vertraute Brüllen wieder aus dem Dschungel…

In der dritten Nacht nach der Rettung wurden die Dorfbewohner von einem tiefen, ungewöhnlichen Brüllen geweckt.

Es kam aus dem Dschungel.

Samir, der alte Fischer, setzte sich ruckartig in seinem Bett auf. Er kannte die Geräusche des Waldes seit seiner Kindheit. Er wusste, wie Affen schrien, wie Hirsche bei Gefahr warnten und wie Raubtiere in der Dunkelheit riefen.

Doch dieses Brüllen klang anders.

Es war laut, heiser und wiederholte sich in kurzen Abständen, als wollte das Tier jemanden auf sich aufmerksam machen.

Samir trat vor seine Hütte. Über den Bäumen lag dichter Nebel, und der Mond war hinter schweren Wolken verschwunden.

Dann hörte er ein Geräusch, das ihm einen Schauer über den Rücken jagte.

Dreimal kratzte etwas an seiner Holztür.

Er öffnete sie einen Spalt.

Draußen stand der Tiger.

Sein orangefarbenes Fell glänzte im Mondlicht. An einer Vorderpfote waren noch Spuren der Verletzung zu erkennen, die er sich an den Felsen zugezogen hatte. Er sah Samir direkt an, drehte sich dann um und ging einige Schritte in Richtung Wald.

Nach wenigen Metern blieb er stehen.

Er drehte den Kopf zurück.

Als Samir nicht folgte, brüllte er erneut.

„Was willst du von mir, altes Tier?“, flüsterte der Fischer.

Der Tiger wartete.

Dann verschwand er zwischen den Bäumen.

Samir schloss die Tür, aber er konnte nicht mehr schlafen. Irgendetwas sagte ihm, dass dieses Tier nicht ohne Grund zurückgekommen war.
Am nächsten Morgen fehlte ein Kind
Noch vor Sonnenaufgang lief ein verzweifelter Vater durch das Dorf.

Sein siebenjähriger Sohn Imran war verschwunden.

Die Familie hatte am Abend Besuch gehabt. Als alle schlafen gegangen waren, hatte niemand bemerkt, dass der Junge aus dem Haus gegangen war. Seine Mutter entdeckte sein leeres Bett erst im Morgengrauen.

Auf dem kleinen Holztisch neben dem Fenster lag ein Zettel, den Imran mit seiner kindlichen Handschrift geschrieben hatte:

„Ich gehe zum Fluss. Ich möchte den großen Tiger noch einmal sehen.“

Die Mutter brach in Tränen aus.

Alle wussten, dass der Weg zum Wasserfall gefährlich war. Die Felsen waren rutschig, die Strömung stark, und irgendwo unter dem tosenden Wasser lebte noch immer das riesige Krokodil.

Rahim, der den Tiger gerettet hatte, stellte sofort eine Suchmannschaft zusammen.

„Wir müssen ihn finden, bevor er den Wasserfall erreicht“, sagte er.

Samir hörte schweigend zu. Dann erzählte er von der nächtlichen Begegnung.

„Vielleicht wollte der Tiger uns etwas zeigen“, sagte er schließlich.

Einige Männer schüttelten ungläubig den Kopf.

„Ein Tiger führt keine Menschen durch den Wald!“

„Vielleicht nicht“, antwortete Samir. „Aber wir dürfen keine Zeit verlieren.“

Mit Seilen, Laternen und langen Stöcken machten sie sich auf den Weg. Sie blieben auf den bekannten Pfaden und riefen immer wieder den Namen des Jungen.

Doch es kam keine Antwort.
Eine Spur am Rand des Wasserfalls
Nach fast einer Stunde erreichten sie eine Lichtung oberhalb des Flusses.

Dort entdeckte Rahim frische Fußspuren im feuchten Boden.

Kleine Fußabdrücke.

Daneben waren die deutlich größeren Spuren eines Tigers zu erkennen.

Die Männer wurden bleich.

„Er hat das Kind gefunden“, flüsterte einer.

Rahim kniete sich hin und untersuchte den Boden. Die Spuren führten nicht direkt zum Wasser, sondern zu einem schmalen Seitenpfad, der zwischen Felsen und dichtem Gebüsch verlief.

Plötzlich hörten sie ein leises Wimmern.

„Papa!“

Der Vater des Jungen rannte los, doch Rahim hielt ihn am Arm zurück.

„Langsam! Wir wissen nicht, was vor uns liegt.“

Gemeinsam gingen sie vorsichtig weiter.

Hinter einem großen Felsvorsprung entdeckten sie Imran.

Der Junge saß auf einem trockenen Stück Erde. Sein Gesicht war voller Tränen, aber er schien unverletzt zu sein.

Und wenige Meter von ihm entfernt lag der Tiger.

Das Tier hatte sich vor dem Jungen niedergelassen. Es bewegte sich kaum und beobachtete die Umgebung aufmerksam.

Als die Männer näher kamen, hob der Tiger den Kopf.

Rahim hob beide Hände und blieb stehen.

„Imran, komm langsam zu deinem Vater“, rief er.

Der Junge stand auf und lief in die Arme seines Vaters.

Der Mann drückte seinen Sohn fest an sich und weinte vor Erleichterung.

Doch als Rahim sich wieder zum Tiger umdrehte, bemerkte er etwas Merkwürdiges.

Das Tier blickte nicht auf die Menschen.

Es starrte auf eine schmale Felsspalte hinter sich.

Dann gab es einen kurzen, tiefen Laut von sich.

Rahim folgte seinem Blick.

Und plötzlich hörte er ein schwaches Winseln.
Was sich in der Felsspalte verbarg
Hinter einigen Ästen entdeckten die Dorfbewohner einen kleinen Tiger.

Das Jungtier lag zwischen den Steinen. Es schien geschwächt zu sein und konnte sich kaum bewegen.

Jetzt verstanden sie, warum der große Tiger in der Nacht zurückgekommen war.