Eleanor versuchte, sich etwas aufzurichten.
„Bring sie zu mir.“
„Mutter, du solltest dich ausruhen.“
„Nathaniel, bitte.“
Er betrachtete sie einige Sekunden und nickte schließlich.
„Ich werde sehen, ob sie kommen möchte.“
Doch Eleanor hielt seine Hand fest.
„Du verstehst nicht. Ich muss mit ihr sprechen.“
Nathaniel bemerkte den ungewöhnlichen Ernst in ihrer Stimme.
„Warum?“
Eleanor sah zur Tür.
„Weil ich glaube, dass ich sie schon einmal gesehen habe.“
Als Nathaniel in den Behandlungsraum zurückkehrte, saß Rose inzwischen auf einem Stuhl. Ihre Hände waren verbunden, und vor ihr stand ein Glas Wasser.
„Meine Mutter möchte Sie sehen“, erklärte er.
Rose erschrak.
„Mich?“
„Ja. Aber nur, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen.“
Sie zögerte kurz und nickte dann.
Gemeinsam fuhren sie mit dem Aufzug zurück zur medizinischen Etage.
Als Rose das Zimmer betrat, hob Eleanor langsam den Kopf.
Zunächst lächelte sie.
Dann fiel ihr Blick auf das kleine silberne Medaillon, das an einer dünnen Kette um Roses Hals hing.
Ihr Lächeln verschwand.
„Woher haben Sie dieses Medaillon?“, fragte sie plötzlich.
Rose legte unwillkürlich eine Hand darauf.
„Es gehörte meiner Großmutter. Meine Mutter hat es mir nach ihrem Tod gegeben.“
Eleanor wurde sichtbar unruhig.
„Wie hieß Ihre Großmutter?“
Rose nannte den Namen.
Für einen Moment schien Eleanor nicht mehr atmen zu können.
Nathaniel trat näher.
„Mutter? Was ist los?“
Eleanor antwortete nicht.
Sie betrachtete das Medaillon, als würde sie eine längst vergessene Erinnerung wiedererkennen.
„Das kann nicht sein“, flüsterte sie.
Rose blickte verwirrt zwischen den beiden hin und her.
„Kennen Sie meine Großmutter?“
Eleanor schloss die Augen.
„Ja.“
Nathaniel erstarrte.
„Was?“
Seine Mutter öffnete die Augen wieder.
„Vor vielen Jahren gab es eine junge Frau, die unserer Familie sehr geholfen hat. Sie war nicht reich. Sie arbeitete damals als persönliche Assistentin meines Mannes. Aber sie war der ehrlichste Mensch, den ich je kennengelernt habe.“
Rose sagte nichts.
Eleanor fuhr fort:
„Sie verschwand eines Tages, nachdem sie uns etwas anvertraut hatte. Dein Vater wollte damals unbedingt herausfinden, wo sie geblieben war. Doch wir fanden sie nie.“
Nathaniel sah Rose an.
„Und Sie glauben, es war ihre Großmutter?“
Eleanor nickte langsam.
„Dieses Medaillon wurde damals von meinem Mann angefertigt. Es gab nur zwei Exemplare. Eines behielt er, das andere schenkte er dieser Frau.“
Rose berührte vorsichtig den Anhänger.
„Meine Großmutter hat mir nie etwas darüber erzählt.“
Eleanor schluckte.
„Dann gibt es etwas, das Sie wissen sollten.“
Sie wandte sich an Nathaniel.
„Bring mir bitte die blaue Schatulle aus meinem privaten Safe. Die mit den alten Familienbriefen.“
Nathaniel runzelte die Stirn.
„Was hat das mit Rose zu tun?“
„Mehr, als du dir vorstellen kannst.“
Wenig später stand Nathaniel wieder neben dem Bett seiner Mutter. In seinen Händen hielt er eine kleine blaue Schatulle.
Eleanor öffnete sie mit zitternden Fingern.
Darin lagen mehrere alte Fotografien, Briefe und ein vergilbtes Dokument.
Sie nahm das oberste Foto heraus.
Darauf war eine junge Frau zu sehen, die ein Medaillon trug, das Roses Anhänger verblüffend ähnlich sah.
Rose trat näher.
„Das ist meine Großmutter.“
Eleanor nickte.
„Ja.“
Dann reichte sie ihr den Brief.
„Ihre Großmutter hat damals etwas für unsere Familie getan, das wir niemals vergessen hätten dürfen. Doch nach dem Tod meines Mannes verschwanden wichtige Unterlagen. Ich habe jahrelang geglaubt, dass die Angelegenheit endgültig abgeschlossen sei.“
Nathaniel nahm das Dokument und begann zu lesen.
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich mit jeder Zeile.
Es ging um einen alten Familientreuhandfonds, der vor Jahrzehnten eingerichtet worden war. Ein Teil des Vermögens sollte einer Frau und ihren Nachkommen zugutekommen, die der Familie in einer schwierigen Zeit geholfen hatte.
Doch der Name der Begünstigten war nie offiziell aus den Unterlagen entfernt worden.
Und dieser Name gehörte zu Roses Familie.
Nathaniel blickte langsam auf.
„Mutter … willst du mir sagen, dass Rose einen Anspruch auf dieses Vermögen haben könnte?“
Eleanor nickte.
„Ich weiß noch nicht, wie viel davon heute übrig ist. Aber ich weiß, dass dein Vater niemals gewollt hätte, dass diese Frau und ihre Familie vergessen werden.“
Rose wich einen Schritt zurück.
„Ich verstehe das alles nicht. Ich bin nur hier, um zu arbeiten.“
Eleanor nahm ihre Hand.
„Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich Ihnen vertrauen kann.“
Doch in diesem Augenblick vibrierte Nathanaels Telefon.
Eine Nachricht von Marcus.
„Sir, wir haben ein Problem. Frau Victoria hat versucht, vor ihrer Befragung Kontakt zu einem Mitarbeiter der Finanzabteilung aufzunehmen. Er hat inzwischen bestätigt, dass sie seit mehreren Wochen nach den alten Treuhandunterlagen gesucht hat.“
Nathaniel starrte auf das Display.
Er sah zu seiner Mutter.
Dann zu Rose.
Plötzlich ergab Victorias Verhalten einen ganz neuen Sinn.
Vielleicht hatte sie nicht nur versucht, Eleanor loszuwerden, um mehr Macht innerhalb der Familie zu bekommen.
Vielleicht hatte sie gewusst, dass Rose existierte.
Und vielleicht war die Hochzeit von Anfang an Teil eines viel größeren Plans gewesen.
Nathaniel tippte Marcus sofort zurück:
„Sichern Sie sämtliche Dokumente. Niemand darf die alten Unterlagen verändern oder entfernen.“
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