„Wir dürfen nicht behaupten, dass Richard aus Trauer gestorben ist“, sagte er zu seinen Kollegen. „Dafür gibt es keinen medizinischen Beweis. Wir müssen beide Todesfälle unabhängig voneinander betrachten.“
Trotzdem ließ ihn der Anblick nicht los.
Er hatte den alten Mann, Herrn Friedrich Hartmann, in den vergangenen Wochen behandelt. Friedrich war schwach gewesen, aber immer aufmerksam, wenn jemand über seinen Hund sprach. Richard war nicht einfach ein Haustier für ihn gewesen. Er war sein täglicher Begleiter, seine Routine und oft der einzige Grund, warum Friedrich morgens überhaupt noch lächelte.
Als die Krankenschwester Anna das Zimmer betrat, um die persönlichen Gegenstände zusammenzustellen, bemerkte sie etwas auf dem Nachttisch.
Ein kleines, blaues Notizbuch.
Sie wollte es zunächst in die Tasche legen, damit es der Familie übergeben werden konnte. Doch auf der ersten Seite stand in zittriger Handschrift:
*Für den Tag, an dem Richard und ich nicht mehr nach Hause kommen.*
Anna hielt inne.
Sie wusste, dass sie nicht einfach private Aufzeichnungen lesen durfte. Deshalb informierte sie Dr. Weber und die zuständige Verwaltung. Gemeinsam stellten sie sicher, dass das Notizbuch als persönlicher Besitz dokumentiert und an die Angehörigen weitergegeben wurde.
Doch noch bevor die Familie eintraf, klingelte das Telefon auf dem Flur.
Ein Mann meldete sich.
„Mein Name ist Thomas Hartmann. Ich bin Friedrichs Sohn. Mir wurde gesagt, mein Vater sei verstorben.“
Anna bestätigte die Nachricht behutsam und erklärte ihm, dass auch Richard nicht überlebt hatte.
Am anderen Ende blieb es lange still.
Dann fragte Thomas mit gebrochener Stimme:
„War mein Vater allein?“
Anna sah durch die offene Tür auf das leere Bett.
„Nein“, antwortete sie. „Richard war bei ihm.“
Thomas begann zu weinen.
„Dann war wenigstens einer von uns da.“
Dieser Satz ließ Anna noch lange nicht los.
—
Drei Stunden später kam Thomas ins Krankenhaus.
Er war Mitte sechzig, trug einen dunklen Mantel und hielt sein Telefon so fest, als hätte er Angst, es könnte ihm aus der Hand fallen. Er hatte seinen Vater seit fast acht Monaten nicht mehr persönlich besucht.
Nicht, weil er ihn nicht liebte.
Sondern weil aus einem Besuch ein weiterer geworden war, den er verschob. Erst hatte er beruflich viel zu tun gehabt. Dann war seine Frau krank geworden. Später hatte er sich eingeredet, sein Vater sei in guten Händen und ein Wochenende mehr oder weniger mache keinen Unterschied.
Nun stand er vor dem Zimmer, in dem er sich von seinem Vater verabschieden sollte.
Dr. Weber begrüßte ihn und erklärte, was bekannt war und welche Fragen medizinisch nicht mehr beantwortet werden konnten.
Thomas hörte schweigend zu.
Dann trat er ans Bett.
Der Platz, an dem Friedrich gelegen hatte, war bereits vorbereitet worden. Auf dem Nachttisch standen eine kleine Vase mit Blumen und ein Glas Wasser, das niemand mehr brauchen würde.
Thomas nahm das blaue Notizbuch entgegen.
„Darf ich?“, fragte er.
Der Arzt nickte.
Thomas setzte sich auf einen Stuhl und schlug die erste Seite auf.
Die Einträge waren kurz. Friedrich hatte über das Wetter geschrieben, über die Besuche der Krankenschwestern und über Richard, der sich jedes Mal vor die Tür gesetzt hatte, wenn der alte Mann zur Untersuchung gebracht wurde.
Doch dann fand Thomas eine Seite, die ihn erstarren ließ.
*Dienstag.*
*Thomas hat heute angerufen. Er sagte, er wolle am Wochenende kommen. Ich habe ihm gesagt, dass er sich nicht beeilen müsse. Ich wollte nicht, dass er sich verpflichtet fühlt.*
Thomas senkte den Kopf.
Er blätterte weiter.
*Freitag.*
*Ich habe auf seinen Anruf gewartet. Er hatte bestimmt viel zu tun. Richard hat sich neben mich gelegt. Vielleicht hat er gemerkt, dass ich enttäuscht war.*
Dann kam der letzte Eintrag.
*Sonntagabend.*
*Ich vermisse meine Familie. Aber ich möchte nicht, dass meine Kinder ihr Leben anhalten, nur weil ich alt geworden bin. Richard versteht das nicht. Er wartet jeden Tag an der Tür, als würde jeder Schritt im Flur bedeuten, dass jemand nach Hause kommt.*
Thomas presste das Notizbuch an seine Brust.
„Warum hast du mir das nie gesagt?“, flüsterte er.
Natürlich kam keine Antwort.
Und genau das war das Schwerste.
—
Am Nachmittag trafen auch Friedrichs Tochter Maria und zwei seiner Enkelkinder ein.
Sie hatten erwartet, ihren Vater und Großvater im Krankenhaus zu besuchen. Stattdessen standen sie vor einer Tür, hinter der bereits alles still geworden war.
Maria nahm das Notizbuch und las einige Zeilen.
„Er wollte uns nicht zur Last fallen“, sagte sie leise. „Deshalb hat er immer behauptet, es gehe ihm gut.“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Und wir haben ihm geglaubt, weil es einfacher war.“
Niemand widersprach.
Sie sprachen über Friedrichs Geburtstage, die früher laut und fröhlich gewesen waren. Über die Familienessen, bei denen er stets darauf bestanden hatte, selbst das Fleisch zu schneiden, obwohl seine Hände schon zitterten. Über die Geschichten, die er immer wieder erzählte und über die alle irgendwann gelacht hatten.
Sie erinnerten sich auch an Richard.
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