Dieser Frieden hielt allerdings nicht lange.

Am Nachmittag ritt ein Beamter aus dem Dorf auf den Hof. In seiner Hand hielt er einen versiegelten Umschlag.

„Ich muss mit Mateo Ponce sprechen“, verkündete er. „Es gibt eine Beschwerde gegen die Rancho Los Encinos. Don Lauro Gálvez behauptet, die Wasseranlage sei unrechtmäßig verändert worden.“

Mateo nahm das Schreiben entgegen. Während er las, verschwand jede Spur von Erleichterung aus seinem Gesicht.

„Er weiß, dass wir die Schleuse geöffnet haben“, murmelte er.

Clara trat neben ihn.

„Kann er dir deshalb die Ranch wegnehmen?“

„Wenn er beweist, dass ich die Wasserrechte verletzt habe, kann er eine Untersuchung erzwingen. Und bis die Sache geklärt ist, könnte die Nutzung des Brunnens eingeschränkt werden.“

Der Beamte räusperte sich.

„Die Anhörung findet in drei Tagen statt. Sie sollten alle Unterlagen mitbringen, die Ihre Rechte an der Anlage belegen.“

Nachdem der Mann fortgeritten war, setzte sich Mateo schweigend auf die Verandastufe.

Clara erinnerte sich an den beglaubigten Arbeitsvertrag, den sie vor dem Sturm aufgesetzt hatten. Sie holte ihn aus der Schublade, strich die Falten glatt und legte ihn auf den Tisch.

„Das hier beweist, dass ich auf der Ranch arbeite“, sagte sie. „Aber wir brauchen mehr. Du hast gesagt, Lauro versucht seit vier Jahren, das Land zu kaufen. Es muss alte Dokumente geben.“

Mateo nickte langsam.

„Im Büro meines Vaters. Ich habe die Unterlagen seit seinem Tod nicht mehr angerührt.“

„Dann sehen wir sie uns an.“

Am Abend öffneten sie gemeinsam eine alte Holzkiste. Darin lagen vergilbte Karten, Briefe, Steuerbelege und ein handgezeichnetes Dokument über den Brunnen. Auf einem der Papiere entdeckte Clara einen Namen, den sie nicht erwartet hatte.

Elena Ponce.

Mateos verstorbene Frau hatte das Dokument unterschrieben.

Darunter stand ein Satz, der alles verändern konnte: Die Wasserrechte sollten dauerhaft der Ranch zugutekommen und nicht ohne die Zustimmung der rechtmäßigen Eigentümer übertragen werden.

Mateo starrte auf die Unterschrift seiner Frau.

„Ich wusste nicht, dass Elena davon eine Kopie aufbewahrt hatte.“

Clara legte vorsichtig ihre Hand neben seine.

„Vielleicht hat sie gewusst, dass dieser Tag kommen würde.“

Mateo schloss die Augen. Zum ersten Mal erzählte er Clara, dass Elena sich schon damals gegen Lauros Geschäfte gestellt hatte. Sie hatte befürchtet, dass der Nachbar die Wasserrechte an sich reißen und mehrere Familien von der Versorgung abschneiden würde.

„Nach ihrem Tod wollte ich nichts mehr mit diesen Kämpfen zu tun haben“, sagte er. „Ich habe nur noch gearbeitet und gehofft, dass mich niemand zwingt, mich wieder damit auseinanderzusetzen.“

Clara sah auf das Dokument.

„Manchmal kehren die Dinge zurück, vor denen wir weglaufen. Nicht, um uns zu zerstören, sondern damit wir endlich etwas verändern.“

Mateo hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich, und zwischen ihnen entstand eine stille Nähe, die keiner von beiden in Worte fassen konnte.

Doch am nächsten Morgen wartete vor dem Hoftor bereits Don Lauro Gálvez.

Er kam nicht allein. Neben ihm stand Gerardo Ponce – der Mann, der Clara vor ihrer Hochzeit im Stich gelassen hatte.

Clara wurde blass.

Gerardo nahm seinen Hut ab und lächelte gezwungen.

„Clara. Ich glaube, wir müssen über unsere Zukunft sprechen.“

Mateo trat sofort vor sie.

„Du hast hier nichts zu suchen.“

Gerardo ignorierte ihn und hielt Clara ein gefaltetes Blatt entgegen.

„Ich kann erklären, warum ich damals gegangen bin. Und ich kann dafür sorgen, dass du und deine Tochter ein besseres Leben bekommt, als dieser Hof euch jemals bieten kann.“

Clara sah auf das Papier. Dann erkannte sie das Siegel des Notars.

Lauro verschränkte die Arme.

„Unterschreib die Erklärung, Clara. Bestätige, dass Mateo dich nur beschäftigt hat, um sich unrechtmäßig Vorteile bei den Wasserrechten zu verschaffen. Danach bekommst du genug Geld, um mit deiner Tochter neu anzufangen.“

Mateo sagte kein Wort. Er überließ Clara die Entscheidung.

Sie betrachtete Gerardo, dann Lauro und schließlich das Haus, in dem ihre Tochter zum ersten Mal seit langer Zeit wieder unbeschwert gelacht hatte.

Langsam schob sie das Papier zurück.

„Ihr habt euch geirrt, wenn ihr glaubt, dass eine Frau ohne Geld auch ohne Würde ist.“

Gerardos Lächeln verschwand.

Clara richtete sich auf.

„Ich werde nichts unterschreiben. Und wenn ihr vor Gericht gehen wollt, dann werde ich dort die Wahrheit sagen.“

Lauro beugte sich zu ihr und sprach mit eisiger Stimme:

„Dann wirst du verlieren, was du gerade erst gefunden hast.“

Clara erwiderte seinen Blick.

„Vielleicht. Aber diesmal werde ich nicht weglaufen.“

Als die beiden Männer davonritten, nahm Mateo ihre Hand. Er sagte nicht, dass alles gut werden würde. Er versprach ihr keinen einfachen Weg.

Er sagte nur: „Wir gehen gemeinsam zur Anhörung.“

Und zum ersten Mal glaubte Clara ihm.

Doch keiner von ihnen ahnte, dass in den alten Unterlagen noch ein weiteres Dokument verborgen lag – eines, das nicht nur Lauros Anspruch auf die Wasserrechte infrage stellen, sondern auch die wahre Identität des Mannes enthüllen würde, der Clara einst am Bahnhof zurückgelassen hatte.