Teil 2 –
„Papa, bitte schick Frau Anna nicht weg!“
Die Stimme des kleinen Jungen ließ den gesamten Raum verstummen.
Der Millionär drehte sich langsam um.
Sein Sohn Noah stand mitten auf dem Teppich. Seine kleinen Hände hielten noch immer einen der gelben Gummihandschuhe fest, mit denen die junge Haushälterin zuvor gespielt hatte.
„Was hast du gerade gesagt?“, fragte der Vater.
Noah blickte zu seinem Bruder Liam, dann wieder zu seinem Vater.
„Bitte sei nicht böse auf sie. Sie hat uns geholfen.“
Der Millionär runzelte die Stirn.
„Sie hat euch geholfen? Wobei denn?“
Der zweite Junge kroch näher an seinen Bruder heran und sagte mit seiner noch etwas unbeholfenen Stimme:
„Mama …“
Der Millionär erstarrte.
Seit fast zwei Jahren hatte keines seiner Kinder dieses Wort ausgesprochen.
Ihre Mutter war kurz nach der Geburt der beiden Jungen gestorben. Seitdem hatte er versucht, ihnen alles zu geben, was Geld kaufen konnte: die schönsten Spielsachen, ein großes Haus, teure Kleidung und mehrere Betreuungskräfte.
Doch etwas hatte gefehlt.
Etwas, das er selbst kaum noch wahrnahm.
„Was hast du gesagt, Liam?“, fragte er leise.
Der Junge zeigte auf Anna.
„Sie macht Mama.“
### Die Frau, die seine Kinder zum Lachen brachte
Anna stand noch immer neben der Tür.
Sie wusste nicht, ob sie etwas sagen sollte. Ihre Hände zitterten, und die gelben Gummihandschuhe hingen locker zwischen ihren Fingern.
„Sir, ich wollte wirklich keine Grenzen überschreiten“, erklärte sie. „Die beiden haben geweint. Ich wollte sie nur ein wenig aufmuntern.“
Der Millionär sah seine Söhne an.
„Was meint ihr damit, dass sie Mama macht?“
Noah trat näher.
„Sie singt manchmal, wenn sie sauber macht.“
Anna blickte überrascht zu ihm.
„Und sie summt das Lied, das Mama früher gesungen hat“, ergänzte Liam.
Der Vater wurde blass.
Dieses Lied kannte kaum jemand.
Es war ein kleines Schlaflied gewesen, das seine verstorbene Frau jeden Abend für die Jungen gesungen hatte. Nach ihrem Tod hatte er es nicht mehr ertragen können, es zu hören.
Er hatte sogar die Kindermädchen gebeten, es nicht zu singen.
„Woher kennst du dieses Lied?“, fragte er Anna.
Die junge Frau senkte den Blick.
„Ich habe die Kinder manchmal weinen hören, wenn sie abends allein in ihrem Zimmer waren. Dann habe ich leise vor mich hingesummt. Ich wusste nicht, dass es das Lied ihrer Mutter war.“
Der Millionär schwieg.
Noah lief zu ihr und umklammerte ihr Bein.
„Sie macht uns nicht traurig, Papa. Bei ihr fühlen wir uns gut.“
### Ein Geheimnis aus dem Kinderzimmer
Der Millionär ließ die Haushälterin die anderen Angestellten bitten, den Raum zu verlassen.
Dann kniete er sich vor seine Söhne.
„Warum habt ihr mir das nicht früher erzählt?“
Noah spielte mit dem gelben Handschuh.
„Du bist immer traurig, wenn wir von Mama reden.“
Der Vater schluckte.
„Ich bin nicht böse, wenn ihr von ihr erzählt.“
Liam sah ihn mit großen Augen an.
„Aber du gehst dann immer weg.“
Diese wenigen Worte trafen ihn stärker als jede geschäftliche Niederlage.
Er erinnerte sich an unzählige Abende, an denen er die Jungen einer Betreuungskraft überlassen hatte, weil er ihre Fragen nicht beantworten konnte.
Wenn sie nach ihrer Mutter gefragt hatten, hatte er das Thema gewechselt.
Wenn sie ein altes Foto sehen wollten, hatte er behauptet, es sei Zeit zum Schlafengehen.
Er hatte geglaubt, sie vor seiner Trauer schützen zu müssen.
Doch möglicherweise hatte er sie damit nur allein gelassen.
### Die Geschichte von Anna
Später ließ er Anna in sein Arbeitszimmer bitten.
Sie stand unsicher vor seinem Schreibtisch.
„Sie müssen mir nichts erklären“, sagte er zunächst. „Aber ich möchte wissen, warum meine Kinder so sehr an Ihnen hängen.“
Anna überlegte.
„Ich habe selbst zwei jüngere Geschwister. Als unsere Mutter krank wurde, habe ich mich oft um sie gekümmert. Ich weiß, wie es ist, wenn kleine Kinder jemanden brauchen, der ihnen zuhört.“
„Und warum haben Sie sich auf eine Stelle als Reinigungskraft beworben, obwohl Sie offenbar Erfahrung mit Kindern haben?“
Anna lächelte schwach.
„Ich wollte eine Arbeit, bei der ich schnell anfangen konnte. Meine Familie hatte einige Schwierigkeiten, und ich musste Geld verdienen. Außerdem wollte ich niemandem etwas vormachen. Ich wurde für die Reinigung eingestellt, also habe ich meine Arbeit gemacht.“
Der Millionär nickte.
„Haben Sie meinen Kindern jemals erzählt, dass Sie ihre Mutter ersetzen könnten?“
Anna hob überrascht den Kopf.
„Nein, Sir. Das würde ich niemals tun.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Ihre Mutter kann niemand ersetzen. Ich möchte nur, dass die Jungen sich nicht schuldig fühlen müssen, wenn sie wieder lachen.“
Der Mann blickte auf seinen Schreibtisch.
Zum ersten Mal seit langer Zeit wusste er nicht, was er antworten sollte.
### Das Foto hinter der verschlossenen Tür
Am Abend ging der Millionär allein in das Zimmer seiner verstorbenen Frau.
Seit ihrem Tod hatte er den Raum kaum betreten.
Die Vorhänge waren geschlossen, ihre Bücher standen noch immer im Regal, und auf dem Nachttisch lag ein kleines Foto der Familie.
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