Der dreißigste Tag: Das blinde Mädchen und das wilde Pferd – doch als ein Fremder aus Mexiko-Stadt mit alten Dokumenten erschien, erfuhr Mariana die Wahrheit über ihre Herkunft
Am dreißigsten Morgen war die Ranch ungewöhnlich still.
Normalerweise begann der Tag dort mit dem Geräusch von Hufen, Rufen der Cowboys und dem Knarren der Holztore.
Doch an diesem Tag schien jeder zu warten.
Jeder wusste, dass die Frist vorbei war.
Dreißig Tage.
Dreißig Tage, in denen das angeblich unzähmbare Pferd nicht nur niemanden verletzt hatte…
sondern sich von einem zehnjährigen blinden Mädchen freiwillig hatte berühren lassen.
Die Nachricht hatte sich herumgesprochen.
Menschen aus den umliegenden Dörfern waren gekommen.
Nicht mehr, um zu lachen.
Sondern um etwas zu sehen, das niemand erklären konnte.
Mariana stand wie jeden Morgen am Zaun.
Ihr weißer Stock lag neben ihr.


Ihre Hand ruhte auf dem schwarzen Fell des Pferdes.
Das Tier stand ruhig neben ihr.
Nicht angebunden.
Nicht gezwungen.
Einfach freiwillig.
Don Manuel beobachtete die beiden aus einiger Entfernung.
Zum ersten Mal seit Jahren sah er sein Pferd nicht als Problem.
Nicht als Verlust.
Nicht als teures Tier, das gerettet werden musste.
Sondern als Lebewesen.
„Ich habe mich geirrt“, sagte er leise.
Der alte Stallmeister neben ihm nickte.
„Manchmal müssen wir erst lernen zuzuhören, bevor wir verstehen.“
Plötzlich hörte man ein Fahrzeug.
Ein schwarzer Geländewagen fuhr durch das Ranch-Tor.
Alle drehten sich um.
Ein elegant gekleideter Mann stieg aus.
Er war etwa sechzig Jahre alt.
In seiner Hand hielt er eine alte Ledermappe.
Don Manuel ging ihm entgegen.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Der Mann sah zum Pferd.
Dann zu Mariana.


Sein Gesicht veränderte sich.
Er wirkte überrascht.
Fast erschrocken.
„Ist das… das Mädchen?“
Don Manuel runzelte die Stirn.
„Welches Mädchen?“
Der Mann öffnete langsam die Mappe.
„Das Mädchen, nach dem ich drei Jahre gesucht habe.“
Alle verstummten.
Mariana hörte die Stimmen.
Sie drehte sich in seine Richtung.
„Wer sind Sie?“
Der Mann ging langsam näher.
Aber er blieb in respektvollem Abstand stehen.
„Mein Name ist Esteban Morales.“
„Ich war der Anwalt von Doña Isabel Valdés.“
Mariana erstarrte.
Dieser Name sagte ihr nichts.
Doch der Ausdruck des Mannes ließ sie aufmerksam werden.
„Wer ist Doña Isabel?“
Esteban öffnete die Ledermappe.
Er holte ein altes Foto heraus.
„Diese Frau.“
Mariana nahm das Foto nicht.
Sie konnte es nicht sehen.
Aber sie hörte, wie seine Stimme plötzlich weicher wurde.
„Sie war eine außergewöhnliche Frau.

“
„Eine Musikerin.“
„Eine Lehrerin.“
„Und die Besitzerin dieses Pferdes.“
Ein Raunen ging durch die Menge.
Don Manuel trat näher.
„Moment.“
„Dieses Pferd gehörte ihr?“
Esteban nickte.
„Ja.“
„Vor sieben Jahren wurde es gestohlen.“
Stille.
Alle sahen zu Don Manuel.
Er wurde blass.
„Gestohlen?“
„Ich habe es gekauft.“
„Von einem Händler.“
„Er hatte alle Papiere.“
Esteban öffnete ein Dokument.
„Gefälschte Papiere.“
Don Manuel nahm die Unterlagen.
Seine Hände wurden langsam unruhig.
Mariana stand noch immer neben dem Pferd.
Sie legte ihre Hand auf dessen Hals.
„Warum suchen Sie mich?“
Esteban sah sie lange an.
Dann holte er einen weiteren Umschlag hervor.
Auf der Vorderseite stand ein Name.
Mariana Solís.
Das Mädchen hielt den Atem an.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“
Niemand sagte etwas.
Esteban antwortete langsam:
„Weil Doña Isabel ihn vor ihrem Tod aufgeschrieben hat.

“
„Sie wollte, dass dieser Brief dir gegeben wird, wenn du alt genug bist.“
Mariana runzelte die Stirn.
„Aber ich kannte diese Frau nicht.“
Der Anwalt schwieg kurz.
Dann sagte er:
„Vielleicht kennst du nicht sie.“
„Aber sie kannte dich.“
Er öffnete den Brief.
Das Papier war alt.
Die Schrift leicht verblasst.
Und dann begann er vorzulesen:
„An das Mädchen mit der Stimme, die mein Pferd beruhigen wird.“
Ein Schauer ging durch die Menge.
Mariana hielt sich am Fell des Pferdes fest.
Esteban las weiter:
„Wenn du diesen Brief hörst, bedeutet das, dass dieses Pferd endlich wieder jemanden gefunden hat, dem es vertrauen kann.“
„Ich habe viele Menschen getroffen, die Tiere besitzen wollten.“
„Aber nur wenige, die sie verstanden.“
„Das schwarze Pferd trägt keine Wut in seinem Herzen.“
„Es trägt nur die Erinnerung an jemanden, den es verloren hat.“
Der Anwalt sah Mariana an.
Dann las er den nächsten Satz:
„Ich weiß nicht, ob ich diese Welt verlassen werde, bevor ich das Mädchen wiedersehe, dessen Mutter einst mein Leben gerettet hat.“
Mariana erstarrte.
„Meine Mutter?“
Don Manuel blickte überrascht auf.
Esteban nickte.
„Ja.“
„Deine Mutter kannte Doña Isabel.“
„Sie arbeitete früher bei ihr.“
Mariana spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Ihre Mutter.
Eine Erinnerung, die sie kaum noch hatte.
„Was hat meine Mutter mit diesem Pferd zu tun?“
Esteban sah zum Tier.
„Deine Mutter war die einzige Person, die Doña Isabel nach ihrem Unfall geholfen hat.“
„Sie kümmerte sich um sie.“
„Sie sang ihr Lieder vor.“
„Und sie brachte ihr bei, wieder Freude zu empfinden.“
Mariana begann zu verstehen.
Das Lied.
Das Pferd.
Die Verbindung.
Alles war kein Zufall.