„Mein Vater hatte jahrelang versucht, seinen Namen reinzuwaschen. Er schrieb Briefe, sammelte Unterlagen und bat um ein Gespräch. Niemand wollte ihn anhören. Schließlich wurde er krank und musste seine Arbeit aufgeben.“

Der Milliardär setzte sich wieder.

„Was wollen Sie von mir? Geld?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Dann was?“

„Ich möchte, dass Sie die Wahrheit prüfen. Mein Vater hat die Originalunterlagen nie weggeworfen. Er hat sie mir vor einigen Monaten übergeben. Darin befinden sich die ursprünglichen Entwürfe, seine Notizen und die Namen der Personen, die damals an dem Projekt beteiligt waren.“

Sie schob ein Dokument über den Tisch.

Der Milliardär las die erste Seite.

Dann die zweite.

Bei der dritten blieb sein Blick an einer Unterschrift hängen.

Seiner eigenen.

„Das ist unmöglich“, flüsterte er.

„Sie haben dieses Dokument damals unterschrieben.“

„Ich habe Tausende Dokumente unterschrieben!“

„Vielleicht. Aber dieses hier hat dazu beigetragen, dass mein Vater seine Arbeit verloren hat.“

Er blätterte hektisch zurück.

„Woher wissen Sie, dass das echt ist?“

„Weil mein Vater jede einzelne Seite aufbewahrt hat. Und weil wir vor drei Wochen eine unabhängige Prüfung beantragt haben.“

Der Milliardär hob den Kopf.

„Eine Prüfung?“

„Ja. Die Ergebnisse sollen nächste Woche veröffentlicht werden.“

Jetzt verstand er, dass die junge Frau nicht einfach nur eine Lieferbotin war, die zufällig mit einer alten Geschichte gekommen war.

Sie war die Tochter eines Mannes, dessen Arbeit möglicherweise zu Unrecht anderen zugeschrieben worden war.

Und sie hatte Beweise.

„Warum haben Sie nicht vorher einen Termin vereinbart?“, fragte er schließlich.

Die junge Frau sah auf die Essensbox.

„Ich habe versucht, einen Termin zu bekommen. Dreimal. Jedes Mal wurde ich an eine andere Abteilung verwiesen. Niemand wollte meinen Vater anhören.“

„Und deshalb haben Sie eine Bestellung angenommen?“

„Ich wusste nicht, dass sie für Sie bestimmt war. Erst als ich Ihren Namen auf dem Lieferauftrag sah, habe ich verstanden, dass ich heute vielleicht endlich eine Gelegenheit bekommen würde, Ihnen die Unterlagen persönlich zu zeigen.“

Der Milliardär schwieg lange.

Dann fragte er: „Wie heißen Sie?“

Sie nannte ihren Namen.

Er wiederholte ihn leise und blickte erneut auf das Foto.

„Ihr Vater hat mir einmal einen Brief geschrieben.“

Die junge Frau hielt inne.

„Was?“

„Ich erinnere mich nicht an alle Einzelheiten. Aber ich erinnere mich an einen Brief. Er war sehr lang. Ich habe ihn damals an die Rechtsabteilung weitergeleitet.“

„Und danach?“

Er antwortete nicht.

„Wurde ihm jemals geantwortet?“, fragte sie.

Der Milliardär senkte den Blick.

„Das weiß ich nicht.“

„Dann sollten Sie es herausfinden.“

Sie nahm ihre Mappe wieder an sich und schloss sie.

„Ich muss jetzt gehen. Ich habe noch andere Lieferungen.“

Der Milliardär sah sie überrascht an.

„Sie können nicht einfach gehen! Wir sind noch nicht fertig.“

Sie blieb an der Tür stehen.

„Vorhin haben Sie gesagt, Menschen wie ich hätten keinen Verstand und könnten nicht lesen. Vielleicht sollten Sie sich beim nächsten Mal daran erinnern, dass Sie nicht wissen, wer vor Ihnen steht, nur weil diese Person eine Lieferjacke trägt.“

Dann fügte sie hinzu:

„Und übrigens: Das Essen ist noch warm. Ich hoffe, es schmeckt Ihnen.“

Sie ging hinaus.

Der Milliardär blieb allein zurück.

Auf seinem Schreibtisch lagen die Dokumente, die er gerade gelesen hatte. Neben ihnen stand die Essensbox, die er vor wenigen Minuten noch als Beweis für die Unfähigkeit einer jungen Frau betrachtet hatte.

Nun konnte er nicht einmal den Deckel öffnen.

Er griff zum Telefon.

„Verbinden Sie mich sofort mit der Rechtsabteilung. Und ich möchte sämtliche alten Personalakten aus dem Entwicklungsprojekt vor sieben Jahren.“

Seine Assistentin fragte nach dem Grund.

„Weil wir möglicherweise einen Mann um seine Arbeit und seinen Namen gebracht haben.“

„Welchen Mann?“

Er nannte den Namen des Ingenieurs.

Am anderen Ende der Leitung wurde es still.

Dann hörte er seine Assistentin leise sagen:

„Herr Vorsitzender … genau diese Akte wurde gestern aus dem Archiv angefordert.“

Der Milliardär richtete sich auf.

„Von wem?“

„Von Ihrem stellvertretenden Geschäftsführer.“

„Warum?“

„Das weiß ich nicht. Aber er hat ausdrücklich darum gebeten, dass Sie davon nichts erfahren.“

Der Milliardär blickte auf die geschlossene Bürotür.

Plötzlich wurde ihm klar, dass die junge Lieferbotin vielleicht nicht die einzige Person war, die heute etwas zu verbergen hatte.

Und während er noch versuchte, die Zusammenhänge zu verstehen, öffnete sich die Tür.

Sein stellvertretender Geschäftsführer trat ein.

In seiner Hand hielt er ein Dokument.

„Ich nehme an, Sie haben Besuch von der Tochter dieses Ingenieurs bekommen“, sagte er mit einem kühlen Lächeln.

Der Milliardär stand langsam auf.

„Woher wissen Sie das?“

Der Stellvertreter legte das Dokument auf den Tisch.

„Weil ich seit Wochen versuche, genau diese Frau zu finden.“

Dann beugte er sich vor und flüsterte:

„Und wenn Sie wissen wollen, warum ihr Vater damals entlassen wurde, sollten Sie sich lieber setzen. Denn die Unterschrift auf dem entscheidenden Dokument stammt nicht von Ihnen.“

Der Milliardär blickte auf die Seite.

Und als er den Namen darunter las, wusste er, dass der wahre Skandal gerade erst begonnen hatte …