Teil 2 –

Als ich die Tür öffnete, blieb mir beinahe das Herz stehen.

Vor mir stand ein Mann, der mindestens zwanzig Jahre älter war als derjenige auf den Fotos. Seine Haare waren fast vollständig grau, sein Gesicht wirkte müde, und in seiner Hand hielt er tatsächlich einen Blumenstrauß.

„Guten Abend“, sagte er freundlich. „Du musst mich nicht so überrascht ansehen. Ich bin doch dein Thomas.“

Ich wich unwillkürlich zurück.

„Nein. Das kann nicht sein. Du siehst überhaupt nicht aus wie auf deinen Bildern.“

Er lächelte verlegen und stellte die Blumen auf die kleine Kommode im Flur.

„Ich weiß, dass du enttäuscht bist. Aber ich kann dir alles erklären.“

„Woher hast du diese Fotos?“

Er schwieg einen Moment.

Dann sagte er etwas, womit ich niemals gerechnet hätte:

„Der Mann auf den Fotos ist mein Sohn.“

Ich hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

„Dein Sohn?“

Er nickte.

„Ja. Er heißt Daniel. Ich habe seine Bilder benutzt, weil ich Angst hatte, dass du mich sonst niemals kennenlernen würdest.“

Ich konnte kaum glauben, was ich hörte.

Monatelang hatte ich mit einem Mann geschrieben, dessen Gesicht, Alter und sogar ein Teil seiner Lebensgeschichte offenbar nicht der Wahrheit entsprachen.

„Du hast mich die ganze Zeit belogen!“, sagte ich.

„Ich wollte dich nicht verletzen.“

„Und deshalb hast du dich als jemand anderes ausgegeben?“

Er senkte den Kopf.

„Ich wollte nur eine Chance bekommen.“

Ich öffnete die Haustür wieder vollständig.

„Bitte geh jetzt.“

Doch bevor er hinausging, drehte er sich noch einmal um.

„Warte. Es gibt etwas, das du wissen musst. Ich habe dich nicht zufällig auf dieser Plattform gefunden.“

### Warum ausgerechnet ich?

Ich blieb stehen.

„Was soll das bedeuten?“

Der Mann stellte sich als Richard vor. Er behauptete, meinen verstorbenen Vater gekannt zu haben.

„Dein Vater hieß Heinrich Weber, richtig?“

Ich wurde blass.

„Woher kennst du seinen Namen?“

Richard holte ein altes Foto aus seiner Jackentasche.

Darauf standen drei Männer vor einem kleinen Bürogebäude. Einer davon war eindeutig mein Vater. Die beiden anderen kannte ich nicht.

„Vor über dreißig Jahren waren dein Vater und ich Geschäftspartner“, erklärte Richard. „Wir haben gemeinsam ein Unternehmen aufgebaut. Später gab es einen Streit, und unsere Familien verloren den Kontakt.“

Ich betrachtete das Foto.

Mein Vater hatte mir nie von einem Geschäftspartner namens Richard erzählt.

„Warum hast du mir das nicht gleich geschrieben?“

„Weil ich zuerst herausfinden wollte, ob du dich an etwas erinnerst.“

„An was?“

Richard sah mich lange an.

„An einen alten Schlüssel. Dein Vater soll ihn kurz vor seinem Tod versteckt haben.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nichts davon.“

„Dann hat er dir offenbar nie erzählt, was damals wirklich passiert ist.“

### Die Nachricht, die alles veränderte

In diesem Moment klingelte mein Telefon.

Eine Nachricht von dem Mann, dessen Fotos ich monatelang angesehen hatte.

*„Meine Liebe, entschuldige, dass ich mich heute noch nicht gemeldet habe. Ich hoffe, du hattest einen schönen Tag. Ich denke an dich.“*

Ich hielt Richard das Display entgegen.

„Wer schreibt mir da?“

Er betrachtete die Nachricht und wurde plötzlich ernst.

„Das ist Daniel.“

„Dein Sohn?“

„Ja.“

„Dann weiß er also, dass du unter seinem Namen mit mir geschrieben hast?“

Richard antwortete nicht sofort.

Schließlich nickte er.

„Er hat mir dabei geholfen.“

Ich setzte mich auf den nächstgelegenen Stuhl.

Das war noch schlimmer, als ich gedacht hatte. Nicht nur Richard, sondern auch sein Sohn hatte mich bewusst getäuscht.

„Warum? Was wollt ihr von mir?“

Richard rieb sich nervös die Hände.

„Wir glauben, dass dein Vater wichtige Dokumente hinterlassen hat. Dokumente, die damals verschwunden sind. Daniel hat gehofft, dass du ihm helfen könntest, sie zu finden.“

„Und dafür habt ihr mir monatelang Liebe vorgespielt?“

„Es war nicht alles gespielt“, sagte er leise.

Ich sah ihn ungläubig an.

„Du kennst mich nicht einmal! Du hast mir erzählt, dass du alleinstehend bist, dass du gerne reist und dass du dir eine gemeinsame Zukunft wünschst. War auch das alles gelogen?“

Richard schwieg.

Diese Stille war Antwort genug.

### Eine fremde Frau am Telefon

Plötzlich erhielt ich einen Anruf von einer unbekannten Nummer.

Ich nahm ab.

„Hallo?“

Eine Frauenstimme klang aufgeregt.

„Spreche ich mit Frau Weber?“

„Ja. Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Sabine. Ich bin Daniels Ehefrau.“

Ich erstarrte.

Richard hob erschrocken den Kopf.

„Ihr Mann?“, fragte ich.

„Ja. Und ich glaube, Sie sollten wissen, dass Daniel nicht nur wegen der alten Unterlagen mit Ihnen Kontakt aufgenommen hat.“

Ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte.

Sabine fuhr fort:

„Ich habe Nachrichten zwischen Daniel und seinem Vater gefunden. Darin ging es um Sie, um Ihren Vater und um ein Versprechen, das vor vielen Jahren gegeben wurde.“

„Welches Versprechen?“

Am anderen Ende herrschte kurz Stille.

Dann sagte sie:

„Daniel sollte Sie finden und herausbekommen, ob Sie den Schlüssel noch besitzen. Aber sein Vater hatte ihm ausdrücklich verboten, Ihnen die Wahrheit zu sagen.“